Auswanderer in der Erdhütte

In einer solchen Erdhütte, wie dieser in Evansville, Minnesota, kam Joseph Fuest zunächst unter.

Wie viele andere Jungen war auch der junge Heinz Fuest in seiner Kindheit fasziniert von der Welt der Indianer. Wenn von ihnen die Rede war, spitzte er die Ohren. Jemanden aber in der Familie zu haben, der Indianern persönlich begegnet war, das war etwas, das ein Junge früher nicht jeden Tag zu hören bekam – und das dürfte auch heute noch nicht viel anders sein.

So sehr beeindruckt haben ihn diese Erzählungen, dass der heute Siebzigjährige sie bis heute nicht vergessen hat. Als der SauerlandKurier in seiner letzten Ausgabe über Auswanderer berichtete, da erinnerte er sich, dass es auch in seiner eigenen Familie welche gegeben hatte. Bittere Not, gepaart mit Abenteuerlust und Unternehmergeist. Das waren die Gründe, die einen bodenständigen Marsberger dazu bewegen konnten, alles Vertraute zurückzulassen und nach Amerika auszuwandern. Zu diesen gehörte auch der Erlinghauser Joseph Frantz Fuest, einem Uronkel von Heinz Fuest, der 1880 im Alter von 20 Jahren von Bremerhaven aus in die Neue Welt aufbrach. 1912 stattete der Pionier seiner Heimat einen Besuch ab, bei dem der Vater von Heinz Fuest den Abenteurer persönlich kennenlernte. Der Vater, Christian Fuest, war damals 23 Jahre alt.

Seinem Vater, so erzählt Heinz Fuest, wäre das sicherlich nicht eingefallen auszuwandern; er lebte lieber nach der Devise: "Bleib im Lande und ernähre dich redlich." Der Bericht eines Besuchers, der davon erzählte, Fuest nur mithilfe von Indianern im Hinterland von New York ausfindig gemacht zu haben, muss ihn allerdings so beeindruckt haben, dass er immer wieder davon sprach und auch seinem Sohn davon erzählte. Dieser Verwandte, an dessen Namen sich Heinz Fuest allerdings nicht mehr erinnern kann, war ebenfalls nach Amerika ausgewandert und wollte Joseph Fuest aufsuchen. Keiner in New York konnte ihm jedoch sagen, wo er ihn finden könne. Erst mithilfe von Indianern kam er ihm auf die Spur. Nach langwieriger Suche fand er ihn, im Hinterland in einem primitiven Erdhaus lebend.

Vom Viehhirten zum Rancher

Derartige halb oder ganz in die Erde oder Hänge gegrabene Behausungen waren in weiten Teilen Amerikas typische Hausformen der indigenen Bevölkerung. Aber auch viele der europäischen Siedler nutzten diese Unterkünfte in der Anfangszeit ihres Pionierlebens, bis sie sich komfortablere Häuser bauen konnten. Vor allem in den weiten Grasländern im mittleren Westen, wo Bauholz knapp war, dienten Erdhäuser, häufig mit Grassoden gedeckt, ganzen Familien als Wohnhaus und im Anschluss häufig noch als Ställe oder Vorratsräume.

Auch Joseph Frantz Fuest diente diese Unterkunft nur als provisorische Behausung. Nach sieben Jahren auf einer Farm zog er weiter in den Westen, wo er in Kansas günstig Land erwarb. Um den Westen weiter zu zivilisieren vergab die Regierung unter dem "Homestead-Act" (1862) kleinere Landparzellen an jeden, der es urbar machte und dort siedelte. Durch den teilweisen Verkauf und Neuankäufe von Land gelang es Fuest bald, seinen Besitz zu vermehren und zu einem erfolgreichen Rancher zu werden. 1888 heiratete er die Amerikanerin Cora Prentice. Nur zwölf Jahre nach seiner Ankunft in Amerika stand er als gemachter Mann da, dem später sogar ein Denkmal gesetzt wurde.

Denkmal für Joseph Frantz Fuest

1892 wurde er im County Seward zum "countycommissioner" gewählt – einer Position dem unsrigen, früher ehrenamtlichen, Landrat vergleichbar. Dieses Amt behielt er mindestens 24 Jahre – ein Zeichen dafür, dass er bei den Landsleuten anerkannt war. 1905 kaufte er sich in ein Eisenwaren- und Werkzeuggeschäft ein und entwickelte es bald zu einem der größten Geschäfte im südwestlichen Kansas. Von Fuest gibt es sogar einen Eintrag in einer historischen Enzyklopädie, in der er als positives Beispiel für den Fleiß und die Strebsamkeit deutscher Einwanderer hervorgehoben wird. Dort heißt es: "Er war beliebt und wurde von allen respektiert und da ist kein Mann in Seward County, der eine beachtlichere Position innehätte als Joseph Fuest sie in geschäftlichen und finanziellen Kreisen hat." (Zitiert und übersetzt aus: "Kansas: a cyclopedia of statehistory", Chicago 1912, in einer Transkription von 2002.) Dieses Ansehen, so geht die Beschreibung weiter, verdankte er nicht nur seinem geschäftlichen Erfolg, sondern auch seiner Reputation als geradliniger und integrer Geschäftsmann. Sein Glück war zudem das Ergebnis harter Arbeit, wird ihm weiterhin bescheinigt. Der Eintrag erwähnt auch Fuests Elternhaus in Erlinghausen sowie seine sechs Geschwister, von denen zwei weitere nach Amerika gingen.

Vor ungefähr 15 Jahren gab es noch einmal Besuch von amerikanischen Verwandten in Erlinghausen, die weitläufig auch mit der Familie der Mutter des ehemaligen Ortsvorstehers Heinrich Gerlach verwandt war. Dass Joseph Fuest in Amerika so erfolgreich und angesehen war, war den Daheimgebliebenen allerdings kaum bewusst.

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