„Es geht nur, wenn man es gemeinsam macht“

Digitale Podiumsdiskussion zum geplanten Vogelschutzgebiet: Akteure signalisieren Gesprächsbereitschaft

Das artenreiche und landschaftlich vielfältige Diemeltal wird gemeinsam mit dem Hoppecketal und weiten Waldgebieten bei Brilon und Marsberg Teil eines Europäischen Vogelschutzgebietes.
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Das artenreiche und landschaftlich vielfältige Diemeltal wird gemeinsam mit dem Hoppecketal und weiten Waldgebieten bei Brilon und Marsberg Teil eines Europäischen Vogelschutzgebietes.

Gegenüber dem Europäischen Vogelschutzgebiet, das sich von Olsberg bis Marsberg über weite Teile der Briloner Hochebene und das Hoppecke-Diemeltal erstrecken wird, gibt es vonseiten der Landwirte, Waldbauern, Windanlagenbetreiber und einzelner Industriebetriebe noch große Vorbehalte und Zweifel. Das machte die Podiumsdiskussion am Montag deutlich, die wegen der Coronalage nur virtuell als Videokonferenz stattfinden konnte.

Marsberg/Brilon/Olsberg – Ursula Heinen-Esser, Ministerin für Umwelt, Landwirtschaft, Natur- und Verbraucherschutz des Landes Nordrhein-Westfalen, äußerte Verständnis für die Sorgen der Betroffenen und versicherte die Bereitschaft zur Zusammenarbeit, vermochte aber zu Detailfragen inhaltlich wenig beizutragen. „Ich kann den Wunsch verstehen, dass bestimmte Flächen außen vor bleiben, aber ich will mich in die fachliche Diskussion nicht einmischen“, so Heinen-Esser. Betroffene hätten die Möglichkeit, über das Beteiligungsverfahren ihre Anliegen kenntlich zu machen. „Alle Einwände werden sorgfältig geprüft“, sagte die Ministerin zu.

Zweifel an der Expertise

Nach wie vor gibt es vonseiten einzelner Betroffener Zweifel an der Expertise der (ehrenamtlichen) Mitglieder vom Verein für Natur- und Vogelschutz (VNV), welche die Bestandssichtungen vorgenommen hatten. Teils seien eigene Beobachtungen durchgeführt worden, die zu anderen Ergebnissen gekommen seien.

Konkret kritisierten Josef Schreiber, Vorsitzender des Landwirtschaftlichen Kreisverbands Hochsauerland und Dr. Philipp Freiherr Heeremann, Vorsitzender des Waldbauernverbandes NRW, dass viele Areale ausgewiesen worden sind, die gar nicht die typischen Lebensräume von einem der zielgebenden Vogelarten Grauspecht, Neuntöter und Raubwürger seien und dass die akut stattfindende drastische Veränderung der Wälder zu wenig berücksichtigt werde. So seien weder die reinen Fichtenbestände noch der neu aufwachsende Mischwald bevorzugte Lebensräume des Grauspechts. Ackerflächen seien für alle drei uninteressant.

Neben Waldbauern, Landwirten und Kommunen sind vor allem auch Betreiber von Steinbrüchen und Windkraftanlagen betroffen. Thomas Frye, IHK Hellweg-Sauerland, machte darauf aufmerksam, dass das Vogelschutzgebiet nicht nur Auswirkungen auf die konkret ausgewiesenen Flächen habe, sondern dass auch außerhalb dieser neue Vorhaben zukünftig auf ihre Auswirkungen für das Schutzgebiet geprüft werden. Betroffen sei also eine Fläche, die um ein Vielfaches größer als die jetzt dargestellten Schutzräume sei.

Die jetzt vorliegende Gebietskulisse ist geeignet, für die drei zielgebenden Vogelarten auch langfristig einen Schutz sicherzustellen.

Ministerin Ursula Heinen-Esser

Die Mitarbeiter der Bezirksregierung und des Landesamtes für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz (LANUV) betonten, dass sie bei der Prüfung der Datenlage keine nennenswerten Widersprüche oder Fehler entdeckt hätten. Ursprünglich seien vom VNV etwa 28.000 Hektar an Flächen beantragt worden – der Ausschnitt, über den man aktuell spreche, sei nur ungefähr halb so groß. Große Teile davon genießen bereits Schutzstatus oder sind FFH-Gebiete. „Die jetzt vorliegende Gebietskulisse ist geeignet, für die drei zielgebenden Vogelarten auch langfristig einen Schutz sicherzustellen. Die Methoden wurden einwandfrei angewendet, aus fachlicher Sicht besteht kein Anlass an der Datenlage zu zweifeln“, bekräftigte die Ministerin.

Der Präsident des LANUV Dr. Thomas Delschen sagte, dass es die Möglichkeit gibt, von Seiten des LANUV das Gebiet nochmals vollständig zu untersuchen. Aber das würde das Verfahren sehr in die Länge ziehen und sei für die Betroffenen unter Umständen wenig hilfreich, weil auf den Flächen bereits jetzt ein Änderungssperre gelte. Die Alternative sei, sich nur die besonders kritischen Flächen noch einmal genauer anzusehen.

Dr. Christoph Leifer, Leiter Abteilung Forsten, erläuterte, dass es nicht nur um den Schutz der Brutplätze gehe, sondern um das gesamte Revier. Auch der Grauspecht liebe zum Beispiel Freiflächen oder Fichtenbestände, weil er dort seine bevorzugte Nahrung finde. Manche Ackerfläche sei zur Vernetzung notwendig, um den Flickenteppich zusammenzubringen und geeignete zusammenhängende Lebensräume zu schaffen.

Das Gebiet muss Lebensgrundlage für alle zu schützenden Arten bieten.

Johannes Schröder (VNV)

Johannes Schröder vom VNV machte darauf aufmerksam, dass das Vogelschutzgebiet nicht nur für die drei wertgebenden Arten ausgewiesen werde, sondern auch für weitere Arten, die dort vorkommen. „Das Gebiet muss Lebensgrundlage für alle zu schützenden Arten bieten.“ In der aktuellen Kartierung seien zudem meist nur die Brutreviere berücksichtigt, nicht aber die Nahrungsreviere. Hier müsse noch nachgebessert werden.

„Niemand hat etwas gegen Vogelschutz – wer in seinem Eigentum seltene Tiere hat, ist darauf stolz“, betonte Heeremann. Auch Schreiber erklärte: „Das Vogelschutzgebiet ist ja nichts Negatives, aber es passiert so scheibchenmäßig, weil immer noch etwas oben drauf gepackt wird, an neuen Vorhaben und Einschränkungen.“ Daher seien viele Landwirte skeptisch.

Er verwies auf die Erfahrungen mit dem Vogelschutzgebiet Medebacher Bucht. Damals habe man von Anfang an mit der Landwirtschaft gesprochen. Deshalb habe er jetzt auch einer Verlängerung der Vereinbarung zugestimmt, weil das gegenseitige Vertrauen da ist. „Wir wollen auch hier eine Rahmenvereinbarung mit abstecken, damit verloren gegangenes Vertrauen wieder hergestellt wird“, so Schreiber. Im Grunde gehe es nur mit den Landwirten und auf freiwilliger Basis. Ein gesetzlich von oben verordneter Naturschutz würde nicht mitgetragen.

Heinen-Esser bestätigte: „Es geht nur wenn man es zusammen macht. Anders kann es nicht funktionieren.“ Zudem müsse die Politik sich dringend ein anderes Verfahren überlegen, wo der Staat eine Hand drauf hat und nicht ein Verein, wie hier geschehen, direkt einen Antrag in Brüssel stellt.

Ende der Anhörungsfrist weiterhin am 30. Juni

Im Ergebnis will man zweigleisig weiter verfahren: Konkrete Einwendungen sollen weiterhin bis zum Ende der Anhörungsfrist am 30. Juni an die Bezirksregierung erfolgen. Gleichzeitig bemühen sich Bezirks- und Landesregierung gemeinsam mit den Interessenvertretungen ein Gremium zu institutionalisieren, welches Rahmenvereinbarungen und Ziele formulieren soll. Eine nochmalige Fristverlängerung, wie von einigen Teilnehmern gewünscht, wurde nicht in Aussicht gestellt.

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