Keine Angst vor dem Tod

Grundschul-Projektwoche widmet sich dem sensiblen Thema Sterben

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Die Schüler der Schule am Burghof – hier die vierte Klasse – entdeckten mit den Mitarbeitern des Katholischen Hospizvereins, dass Werden und Vergehen zum Leben gehört – und was beim Trauern hilft. 

Marsberg. Einen Unterricht der besonderen Art erleben derzeit die dritten und vierten Klassen der katholischen Grundschule am Burghof: Sie nehmen am bundesweiten Projekt „Hospiz macht Schule“ teil. Umgesetzt wird es vom Katholischen Hospizverein Marsberg.

Eine Schulklasse am Vormittag: Im Stuhlkreis sitzen 29 Viertklässler mit ihrer Lehrerin Gudrun Fobbe sowie sechs ehrenamtlichen Mitarbeitern vom Hospizverein zusammen. In der Mitte stehen fünf bunte Kisten, für jeden Tag der Projektwoche eine – und für jeden der fünf Tage gibt es auch ein besonderes Thema: Werden und Vergehen – Krankheit und Leid – Sterben und Tod – Vom traurig sein – Trost und trösten.

Anfang der Woche haben die Schüler Bohnensamen gepflanzt. Inzwischen ist die Saat aufgegangen, aber nicht jedes der kleinen Pflänzchen gedeiht gleich gut. Anschaulich wird so das Thema „Werden und Vergehen“ nähergebracht. Dazu durfte jeder seinen eigenen Blumentopf bemalen: Den einen ziert ein Regenbogen, andere Treppen, ein Mandala, technische Motive, oder ein Fußball. Alle aber sind sie bunt – bunt wie das Leben.

„Zu Beginn der Projektwoche haben wir auch bunte Bänder zusammengeknüpft und in die Mitte gelegt. Am Ende der Woche lösen wir die Bänder dann wieder“, so Laura Edel vom Hospizverein. Die Farben sind den verschiedenen Themen zugeordnet und die Hospizmitarbeiter – neben Laura Edel sind das Jochem und Ursula Dahle, Rotraud Götte, Gabi Klose und Birgit Wistuba – tragen ihre Namensschildchen in verschiedenen Farben, jeder von ihnen ist für eines der Themen verantwortlich. Mit einfachen Mitteln wird den Kindern so etwas mitgegeben, woran sie sich orientieren können. Nach dem morgendlichen Einstimmen mit einem Lied wird, am Vortag anknüpfend, das neue Thema eingeführt und die Aufgabenstellung besprochen, bevor die Kinder sich in kleinen Gruppen an die Arbeit machen.

„Es ist ein sehr sensibles Thema und ich hatte am Anfang Bedenken“, gesteht die Klassenlehrerin. „Aber es wird ganz toll umgesetzt und die Kinder gehen sehr offen damit um, viel unbefangener als wir Erwachsenen“, hat sie beobachtet.

Lernen, mit der Trauer umzugehen

Auch manche der Kinder waren anfänglich skeptisch: „Das hörte sich nicht so gut an“, sagt ein Junge. Mitschülerin Leonie ergänzt: „Ich habe gedacht, das wird richtig traurig – aber es macht Spaß.“ Pia hingegen sagt, sie habe sich von Anfang an gefreut, „weil es ein so besonderes Thema ist“. Amy erklärt: „Ich habe das von Anfang an positiv gesehen und mir gedacht, das wird für Kinder schon nicht so hart sein.“

Mit Leid, Tod und Sterben in Berührung gekommen sind fast alle schon einmal: Ob es das geliebte Haustier ist, der Opa, ein anderer Verwandter oder jemand aus dem Bekanntenkreis. Und die Umstände, die sie erfahren mussten, haben keine Rücksicht darauf genommen, dass sie noch Kinder sind. Die Woche habe ihnen geholfen, mit der Trauer, mit dem Verlust besser umzugehen, sagen die Viertklässler: „Man sollte weinen, sich gegenseitig trösten und viel an den Verstorbenen denken“, sagt Vivian. Lucas ergänzt: „Man kann den Geburtstag feiern, auch wenn derjenige schon gestorben ist.“ Marc nimmt von der Woche mit, dass Sterben auch Erlösung vom Leid sein kann. Amy glaubt, dass sie so ein Ereignis jetzt besser verkraften würde. „Ich habe gelernt, dass man keine Angst vor dem Tod und dem Sterben haben muss“, sagt Victoria. Vivian fügt hinzu: „Ich habe gelernt, dass es irgendwann sein muss.“ Tom sagt hingegen, „es kommt darauf an, wie man stirbt; davor habe ich Angst.“ Vor allem haben die Kinder gelernt, über ein Thema, dass unter Erwachsenen oft tabuisiert wird, zu sprechen und sich gegenseitig zu unterstützen. Ihre Aufgabe an diesem Tag ist es, sich Fragen zu überlegen, die sie ihren Eltern stellen wollen und diese dann zu Hause zu befragen, wie sie mit der Trauer umgehen.

Hospiz-Schul-Kultur entwickeln

„Ich finde es ein ganz tolles Projekt und sinnvoll, dass es auch in die Familie hineingetragen wird“, erklärt Jörg Seemer, Regionalleiter der Sparkasse. Er ist ebenfalls an diesem Morgen zu Besuch, denn das Finanzinstitut unterstützt das Projekt mit 2.000 Euro.

Die intensive Woche, an dem sich die Kinder den ganzen Vormittag über mit existenziellen Themen auseinandergesetzt haben, klingt mit einem Fest aus, gemeinsam mit den Eltern. In der kommenden Woche sind die Drittklässler dran – und im neuen Schuljahr, im September wird das Projekt mit einer weiteren Klasse durchgeführt.

Die Bundes-Hospiz-Akademie hat das Projekt 2005 entwickelt und örtliche Hospizvereine führen es seitdem bundesweit durch. Die Marsberger Hospizmitarbeiter haben sich dafür schulen lassen und werden mit Materialien, wie den Themenkoffern, unterstützt, erklärt Laura Edel. Für weiterführende Schulen gibt es das Projekt „Hospiz macht Schule weiter“. Es verfolgt allerdings einen anderen Ansatz, nämlich in den Einrichtungen eine eigene „Hospiz-Schul-Kultur“ zu entwickeln.

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