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Harte Schale - weicher Kern: Bikerverein schützt Kinder vor Gewalt und Missbrauch

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Von: Kristin Sens

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Die „Bikers Against Child Abuse“ (B.A.C.A.) stehen Kindern, die Opfer von Gewalt oder sexuellem Missbrauch wurden, bei. Foto: Kristin Sens
Die „Bikers Against Child Abuse“ (B.A.C.A.) stehen Kindern, die Opfer von Gewalt oder sexuellem Missbrauch wurden, bei (Das Kind auf dem Foto wird von dem Verein nicht betreut). © Kristin Sens

Marsberg. Auf den ersten Blick sehen sie aus wie einer der typischen Motorradclubs: Gestandene Kerle, manchmal verwegen aussehend, Clubnamen, „Kutten“ mit vielen Abzeichen tragend – und natürlich chromblitzende Motorräder. Hinter der Abkürzung B.A.C.A. verbirgt sich allerdings etwas ganz anderes: „Bikers Against Child Abuse“. Diese aus den USA stammende Vereinigung, daher der englische Name, hat es sich zur Aufgabe gemacht, Kinder, die Opfer von Gewalt oder sexuellem Missbrauch wurden, zu schützen und zu stärken. Was auf den ersten Blick überhaupt nicht zusammenzupassen scheint, offenbart sich, bei genauerem Hinsehen, als ein schlüssiges und sehr effektives Konzept.

„Wir sind kein Motorradclub, sondern ein gemeinnütziger Verein“, betont „Ram“, Präsident des Teutoburg Forest Chapters von B.A.C.A. (TFC), gleich zu Beginn des Gesprächs. Wie alle B.A.C.A.-Mitglieder hat Ram einen sogenannten „Roadname“. Ihre bürgerlichen Namen wollen sie auch im Interview nicht preisgeben. Die Anonymität dient dem Schutz des Kindes – und auch ihrer selbst. Das Kind weiß jederzeit, wo es seinen Ansprechpartner findet, aber über die sozialen Medien den Anderen ausforschen, funktioniert nicht.

Das Kind muss sich darauf einlassen wollen

Rocketman erklärt, wie der Schutz von Kindern praktisch abläuft: „Wenn wir kontaktiert werden, meist von den Eltern, oft auch von Anwälten, manchmal auch von offiziellen Stellen, wie Jugendamt oder Sozialarbeitern, besuchen wir die Familien für ein erstes Gespräch.“ Passen die Rahmenbedingungen – so müssen zum Beispiel alle Sorgeberechtigten zustimmen, es muss ein Aktenzeichen geben (das heißt, der Fall muss angezeigt worden sein oder ein Gutachten muss vorliegen) und das Kind muss sich darauf einlassen wollen - dann erfolgt eine Art offizielles Aufnahmeritual: Es wird ein Treffen aller B.A.C.A.-Mitglieder mit dem Kind organisiert.

Dazu kommen auch möglichst viele Mitglieder anderer Chapters - so werden die Regionalgruppen genannt - um dem Kind ein starkes Signal zu setzen: „Hier sind ganz viele Menschen, die dich schützen und unterstützen – wir alle sind jetzt deine Familie“. Dabei erhält das Kind eine Grundausstattung, bestehend aus einem Zertifikat über die Mitgliedschaft, einer B.A.C.A.-Kutte, einer Decke und einem Teddybär. Dieser wird vorher herumgereicht und von jedem Mitglied mit „ganz viel Liebe und Kraft gefüllt“. Und das Wichtigste: Das Kind erhält Paten zugewiesen, die von nun an für seinen Schutz und seine Sicherheit da sind – wenn nötig, 24 Stunden lang, sieben Tage die Woche – zuhause, auf dem Weg in die Schule oder zum Gericht. „Es reicht aus, dass das Kind subjektiv eine Gefahr empfindet, damit wir kommen“, erklärt Ram.

Genau das ist es, was öffentliche Stellen nicht leisten können. Die Polizei ist in der Regel nach wenigen Stunden oder Tagen wieder weg. Jugend- oder Sozialarbeiter sehen die Kinder meist maximal einmal in der Woche. Sie haben, ebenso wie Therapeuten, ihre festen Arbeitszeiten. „Wir nicht“, betont Ranger.

Grundsätzlich hat jedes Kind zwei Paten, es ist niemals nur alleine mit einer Person und auch von der Familie muss immer jemand zugegen sein. „Wir handeln nach dem Vier-Augen-Prinzip“, erläutert der Präsident.

Einjährige Probephase

Neue Mitglieder, sogenannte Prospects, müssen eine einjährige Probephase durchlaufen, in der sie auf Herz und Nieren geprüft werden, ob sie für diese Aufgabe geeignet sind – dazu gehört auch das Vorlegen eines erweiterten Führungszeugnisses sowie das Absolvieren von Schulungen, welche B.A.C.A. intern anbietet. Erst dann kann ein Anwärter, nach einjähriger Mitgliedschaft, zum Vollmitglied ernannt werden, einen sogenannten „Fullpatch“ (volles Abzeichen) tragen und Patenschaften für Kinder übernehmen.

Bei B.A.C.A. können auch Frauen mitmachen. Im Gegensatz zu den männlichen Mitgliedern, wo der Führerschein und Besitz eines Motorrads Pflicht ist, reicht es bei Frauen, wenn sie Sozia eines anderen Mitglieds sind, das sie zu den Einsätzen fahren kann. Man kann aber auch lediglich „Supporter“ werden, dann unterstützt man die Gruppe logistisch oder bürokratisch.

Ein wichtiges Kriterium ist, neben Zeit, auch eine solide Finanzsituation. Tankfüllungen, Fahrtkosten oder neue Reifen für das Motorrad, zahlt jedes Mitglied aus eigener Tasche. Man muss auch in der Lage sein, sich mal freistellen zu lassen oder unbezahlten Urlaub zu nehmen. „Wenn wir Spenden einnehmen, dann gehen sie zu hundert Prozent an die Kinder“, betont Rocketman, etwa durch das Ausrichten von Camps oder Feiern für die Kinder.

Das Chapter TFC wurde 2014 gegründet. In Deutschland gibt es bisher acht Gruppen. Foto: B.A.C.A.
Das Chapter TFC wurde 2014 gegründet. In Deutschland gibt es bisher acht Gruppen. © B.A.C.A.

„Wir wollen das Kind stärken und schützen“, erklärt Ram. „Es ist aber nicht unsere Aufgabe, das Kind zu bespaßen oder mit Geschenken zu überhäufen. Das ist Sache der Familie. Wir dienen nicht als Freizeitersatz.“ B.A.C.A.-Paten sind auch keine Therapeuten. Somit entstehen keine Missverständnisse über Kompetenzen. Über das Geschehene zu sprechen, ist im Allgemeinen tabu. 

"Die Kinder wollen häufig nicht mehr an die Vorfälle erinnert werden oder darüber sprechen“, weiß Rocketman. Stehen jedoch Gerichtsverfahren an, dann begleitet B.A.C.A. die Familie mit so vielen Mitgliedern wie möglich. Kommt es zu Begegnungen mit dem Täter, stellen sich die Biker schützend vor das Kind – aber nur als Sichtschutz, mit dem Rücken zum Täter.

„Wir wollen nicht konfrontieren oder provozieren sondern deeskalieren“, sagt Ram. Meist reicht die physische Präsenz, um Aggressoren auf Distanz zu halten. Und spätestens hier wird auch klar, dass das Erscheinungsbild und Auftreten der B.A.C.A.s Sinn macht: Die Kinder erkennen die Stärke der Menschen, die sie schützen und können anfangen, sich sicher fühlen, Die Täter hingegen werden abgeschreckt. Es ist schön, zu sehen, wie aus einem ängstlichen Kind, dass sich hinter der Mutter versteckt, im Laufe der Zeit eine starke Persönlichkeit wird“, sagt Schnuppe.

Die Patenschaften bleiben bestehen, solange das Kind es braucht. Das kann zwei oder auch fünf Jahre dauern – oder auch noch, wenn das Kind bereits volljährig ist. „Was immer nötig ist“, so Ram. Sind die Treffen anfänglich häufiger, um eine Beziehung aufzubauen, werden die Zeitabstände allmählich länger. Regelmäßig veranstaltet B.A.C.A. auch Sommercamps und Weihnachtsfeiern für die Kinder und ihre Familien.

Drei Mitglieder aus Marsberg

Weltweit gibt es über 380 Chapter, die meisten in den USA, wo B.A.C.A. 1995 gegründet wurde. Der Initiator war Sozialarbeiter und Spieltherapeut. Er merkte, dass er bei seiner Arbeit an Grenzen stieß. Als er ein Kind, welches er betreute, einmal mit Biker-Freunden besuchte, beobachtete er, wie das Kind durch diese Begegnung sicherer wurde. 2013/14 entstanden die ersten Chapter in Deutschland, TFC wurde 2014 gegründet.

In Deutschland gibt es bisher acht Gruppen. Die TFC, mit Sitz in Gütersloh, hat 22 Mitglieder, überwiegend aus dem östlichen Westfalen, drei kommen aus Marsberg. 16 von ihnen sind Fullmember (Vollmitglieder), acht Frauen sind dabei. Die nächstgelegenen Chapter sind das Gründungschapter „Spear“ (bei Braunschweig), Rhein Ruhr und Rhein Main.

Info: Kontakt zu TFC über E-Mail: president@tf-deu.bacaworld.org oder über die Hilfe-Hotline: 0176 / 39 01 13 94. Zu B.A.C.A. Deutschland über die Homepage: www.germany.bacaworld.org. Spendenkonto: IBAN: DE78 2704 0080 0755 5212 00.

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