„Angst, vergessen zu werden“

Hilfe im Ahrtal weiter dringend gebraucht – Freiwillige für nächsten Einsatz gesucht

Hilfskation Flutopfer Ahrtal Marsberg
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Sie alle stehen noch unter dem stark emotionalen Eindruck der Erlebnisse: 33 freiwillige Helfer fuhren am vergangenen Samstag in das von der Flutkatastrophe zerstörte Ahrtal. Für Samstag, 18. September, ist eine weitere Fahrt geplant, bei der jede helfende Hand benötigt wird.

33 freiwillige Helfer fuhren jetzt nach dem Aufruf des Pastoralen Raumes Marsberg in das von der Flutkatastrophe zerstörte Ahrtal. Sie alle stehen noch unter dem stark emotionalen Eindruck der Erlebnisse. Über die Erfahrungen beim ersten Einsatz berichten einige Helfer dem SauerlandKurier.

Marsberg – Ein Bus mit freiwilligen Helfern wird erneut am Samstag, 18. September, ins Ahrtal fahren. Teilnehmen können Erwachsene und Jugendliche in Begleitung eines erwachsenen Erziehungsberechtigten. Jeder kann, darf und soll helfen und mitmachen. Jede helfende Hand wird benötigt.

Jürgen Plemper aus Obermarsberg ist einer der unzähligen Freiwilligen im Ahrtal.

Sie haben sich aus eigenem Antrieb als Helfer der freiwilligen Feuerwehr eingefunden?
Jürgen Plemper: Ja, ich habe mich, so wie viele Kameraden, nach der Katastrophe auf den Weg gemacht und bin auf einem alten Campingplatz gelandet. Ich war bisher 21 Tage dort, vor allem in der zweiten und dritten Woche nach der Flut. Es herrschte oft ein unglaubliches Chaos, vieles musste koordiniert werden. Ich bin und war an der Südseite der Ahr, beim Kalvarienberg, einem besonders betroffenen Bereich eingesetzt. Diese Seite ist nur über eine Brücke erreichbar. Militär und THW haben zusätzlich eine künstliche Furt geschaffen.
Wie ist der aktuelle Stand?
Jürgen Plemper: Mittlerweile bin ich technischer Berater des Führungsstabs des neu gegründeten Vereins „AHRche-Katastrophenhilfe und Wiederaufbau“. Wir haben ein Camp aufgebaut, einen Stützpunkt, wo die Fäden zusammenlaufen. Hier gibt es Verpflegung und Betreuung für die Bewohner und Helfer, die Einsätze der freiwilligen Helfer werden von hier aus koordiniert.
Was treibt Sie an?
Jürgen Plemper: Es ist ein unbeschreibliches Gefühl, wenn einem erwachsene, gestandene Männer und Familienväter vor Dankbarkeit um den Hals fallen und anfangen zu heulen. Die Hilfsbereitschaft und Solidarität unter den Menschen ist fantastisch, ein großes Gemeinschaftsgefühl unter den Helfern kommt zustande. Doch leider kommt so langsam die kältere Jahreszeit und es wird jede helfende Hand dringend benötigt.

Manfred Schmies aus Obermarsberg, selbst bereits privat ins Hochwassergebiet gereist und dort vor Ort geholfen, war einer der Organisatoren der Fahrt.

Wo waren Sie und die freiwilligen Helfer an diesem Tag eingesetzt und was war Ihre Aufgabe?
Manfred Schmies: Wir waren in dem 1700 Einwohner-Dorf Dernau eingesetzt, das unter anderem sehr stark von der Zerstörung durch die Wassermassen betroffen ist. Einsatzort war der Keller und Souterrain einer Grundschule. Unsere Hauptaufgaben bestanden aus dem Abstemmen von Putz und Estrich und dem Herausschaffen von Wasser und Schutt in Eimern. Dies geschah mithilfe einer ca. 100 Meter langen Menschenkette und ging in einem abenteuerlichen Tempo vonstatten. Mit einem Radlader wurde der ganze Bauschutt auf einen Lkw gehievt. Im Gepäck hatten wir 25 gespendete Bohrhämmer, davon 15 im Einsatz in der Grundschule.
Wie haben Sie die Situation vor Ort erlebt?
Manfred Schmies: Es war für mich extrem faszinierend, wie in ganz kurzen Abständen immer wieder Gruppen von 20 und mehr Helfern zur Schule geführt wurden, 2/3 davon junge Damen. Alle waren mit Herzblut bei der Sache. In der Schule waren an diesem Tag nach meiner Schätzung mehr als 250 Leute eingesetzt – und wir hätten locker noch einmal die gleiche Anzahl brauchen können.


Katrin Schröder, Gemeindereferentin in Marsberg, war ebenfalls eine Helferin an diesem Tag.

Welche Eindrücke haben Sie bei der Hilfsaktion gesammelt?
Katrin Schröder: Man ist schockiert, wenn man einmal dort war und das Ausmaß der Katastrophe real gesehen hat. Viele Mitfahrer haben sofort gesagt, da müssen wir noch einmal hinfahren. Wir wollten ganz viel schaffen, aber die Zeit war begrenzt und es war schwer die Leute da so alleine zurückzulassen. Deswegen möchten wir aufrufen, am 18. September mit uns zu fahren und mit uns einen kleinen Beitrag zur Linderung der Not dieser Menschen zu leisten. Man bekommt so viel zurück. Die Leute sind so dankbar.
Trotz allem ist die Helferzahl rückläufig?
Manfred Schmies: Ja, das ist so. In der Presse und im Fernsehen kommt das leider gar nicht so zum Ausdruck. Es gibt einen immensen Bedarf an Menschen. Für alle gibt es Arbeit. Ob Kartoffel schälen, Suppe kochen und ausgeben, in den Weinbergen, bei der Weinlese, aufräumen...Die Bevölkerung hat eine riesengroße Angst, vergessen zu werden. Sie sind traumatisiert, hoffnungslos, haben keine Perspektive, die Suizidrate steigt. Es war für alle sehr bewegend, von dort zurückzukommen.

Anmeldungen für Hilfsaktion

Anmeldungen werden per E-Mail an: pr-buero@katholische-kirche-marsberg.de oder unter Tel. 02992/2430 zu den Öffnungszeiten des Zentralbüros entgegengenommen. Nähere Infos gibt es unter www.helfer-shuttle.de

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