Der „Tod“ – (k)ein Tabuthema?

"Hospiz macht Schule" leistet Aufklärungsarbeit an Marsberger Grundschule

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Über den Tod sprechen: Dass dieser zum Leben dazugehört, thematisiert der Hospizverein Marsberg mit Kindern der Grundschule am Burghof im Rahmen des Bundesprojekts „Hospiz macht Schule“.

Marsberg - Mit einem Thema, welches in der Gesellschaft immer noch stark tabuisiert sei, wolle man durch das Bundesprojekt „Hospiz macht Schule“ brechen, so der Appell von Gabi Klose, Koordinatorin des Katholischen Hospizvereins Marsberg. Den offenen Dialog suchte dieser nun an der Katholischen Grundschule am Burghof in Marsberg.

Kinder nicht nur auf das Leben, sondern auch auf das, was danach kommt, vorzubereiten – das ist eine der Intentionen, welche die Bundesakademie für Hospizkultur, Palliative Care und Trauerhilfe mit dem Projekt „Hospiz macht Schule“ beabsichtigt. Mit Grundschulkindern präventiv zum Thema Sterben, Tod und Trauer zu arbeiten, hat sich auch der Marsberger Hospizverein auf die Fahne geschrieben. In einer Themenwoche wurden die Kinder an die Hand genommen, sich spielerisch und kreativ mit dem Tod auseinanderzusetzen. Schritt für Schritt tastete sich Gabi Klose mit den ehrenamtlichen Helfern des Hospizvereins an die Gefühlswelt der Kinder und deren Erfahrungen mit Abschied und Trauer heran. 

An Tag eins fand ein Einstieg in den Themenkomplex „Werden und Vergehen“ statt, indem die Kinder Schmetterlinge malen und erkennen durften, wie sich alles in ständigem Wandel befindet – in diesem Fall, wie sich nicht nur eine Raupe, sondern auch der Mensch laut Schülerin Dla verändere. Weiterhin schrieben die Schüler auf helle Wolken schöne Erlebnisse und auf dunkle Wolken die traurigen. 

Zum zweiten Themenbereich „Krankheit und Leid“ wurden Plakate gestaltet und gesammelt, was jemandem hilft, der krank ist. Durch den Besuch einer Ärztin konnten die Kinder zudem alle Fragen, die ihnen auf der Seele brannten, loswerden. 

Auch zur Vorstellung, was nach dem Tod kommt, haben die Kinder ihrer Fantasie freien Lauf gelassen.

Am dritten Tag ging es zunächst um Krankheiten, von denen man nicht gesund wird und was man den Betroffenen Gutes tun kann. Hier wurden die Kinder kreativ, von einer Handmassage bis stillem Zuhören und für den anderen da sein, war alles dabei. Nachdem die Kinder auch den Beruf des Bestatters kennengelernt hatten, überlegten sie, „wie man sich das vorstellen kann, wenn man tot ist“ (Azad). Spannende Antworten kamen zusammen und wurden in Bildern illustriert, wie „ein Dorf, wo immer die Sonne scheint“ (Charlotta), „ein Schlaraffenland“ (Mara), „Wolken aus Zuckerwatte“ (Emilia) oder ein „bewachsenes Haus mit einer Hängematte zwischen den Bäumen“ (Moritz S.). 

Wie man sich fühlt, wenn jemand stirbt

Wie fühlt man sich, wenn jemand stirbt? – Damit setzten sich die Schüler am darauffolgenden Tag auseinander und brachten die verschiedenen Facetten der Trauer zu Papier. Schüler Frederik kam zu dem Schluss: „Man darf dann ruhig traurig sein, aber man muss keine Angst haben“. Ali ergänzt: „Es gehört auch Mut zum Weinen“. Weiterhin erhielten die Kinder Raum, um von eigenen Erlebnissen zu berichten, bei denen sie Abschied nehmen mussten. Seien es die geliebten Großeltern, der eigene Hund oder das Kaninchen – fast jedes der Kinder hatte schon einmal mit dem Thema „Tod“ zu tun. „Ich musste mich mal von meiner Nachbarin auf der Beerdigung verabschieden. Das war komisch, weil ich nicht wusste, was da passiert“, erinnert sich Frederik. 

Die Trauer in ihrer bunten Vielfalt: Wie dieses Gefühl aussehen und welch Facettenreichtum es haben kann, brachten die Kinder zu Papier.

An diesem Punkt gerieten viele Eltern ins Schleudern: Solle man Kinder denn nun „schonen“, indem man die Thematik „totschweigt“ oder doch offen mit ihnen darüber sprechen? Vor dieser Frage stünden Erwachsene immer wieder, weiß Gabi Klose. Sie möchte zu offenem Austausch anregen und Eltern motivieren, ihre Kinder „mitzunehmen“. „Es gibt viele Eltern, die dem Projekt mit Skepsis gegenüberstehen und ihre Kinder schützen wollen, indem sie nicht über das Thema sprechen. Sie befürchten, es sei noch zu früh oder könne der Entwicklung schaden, wenn man Kinder schon mit dem Tod konfrontiere. Dabei zeigt unser Projekt, dass Kinder sehr gut mit dem Thema umgehen können und es meist unbefangener aufnehmen als wir Erwachsenen“, so die Erfahrung von Gabi Klose, die das Projekt in Marsberg nun im zweiten Jahr durchführt.

„Eine Schülerin hatte vorher Angst, über das Thema zu sprechen. Im Laufe der Projektwoche erzählte sie, dass es nun viel besser sei. Wenn man den Kindern den Tod verheimlicht, macht sie das nur unsicherer. Es ist wichtig, dass auch sie Abschied nehmen dürfen und wissen, wo die Oma dann plötzlich ist“, ergänzt die Koordinatorin des Projekts. 

"Kindern fehlt die Aufklärung über den Tod." (Gabi Klose)

Auch eine klare Sprache sei wichtig, wenn jemand verstorben sei. Phrasen wie „Der Opa ist für immer eingeschlafen“ solle man vermeiden, da dies viel eher Ängste und Unsicherheiten schüren könne. „Kindern fehlt die Aufklärung über den Tod, weil wir uns als Erwachsene auch häufig zu wenig damit auseinandersetzen. Je stärker wir dies jedoch tun, desto bewusster und dankbarer leben wir auch. Wir wissen das Leben wieder mehr zu schätzen“, ist sich Gabi Klose sicher. 

Wie man schließlich mit Gefühlen wie Traurigkeit umgeht und neuen Halt findet, wurde an diesem Tag ebenfalls mit den Kindern behandelt: Dazu pflanzten die Kinder Efeu um und bemalten die Töpfe in bunten Farben. Doch was hat das mit dem Tod zu tun? „Das Umpflanzen soll symbolisieren, dass der Efeu wie ein trauernder Mensch neuen Boden und Halt braucht, um wieder Wurzeln zu fassen“, erläutert Gabi Klose den Hintergrund der Aktion. Auch wie man tröstet oder selber gern getröstet werden möchte, war Gegenstand des letzten Tags der Projektwoche. 

Um einen runden Abschluss zu bilden, wurde ein Elternfest veranstaltet, sodass der Dialog weiter geöffnet und für das Thema sensibilisiert werden konnte. Weitere Station des Projekts wird die Grundschule in Giershagen sein. Realisierbar ist „Hospiz macht Schule“ durch Unterstützung der Sparkasse sowie zahlreiche Spenden. Der Hospizverein Marsberg, der bereits seit 23 Jahren besteht, will durch die Aktion die Hemmschwelle senken, über den Tod zu sprechen – denn der betrifft uns schließlich alle.

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