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„Ich bin für dich da“

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Schöne alte Erinnerungen wecken erzeugt ein Wohlbefinden bei den Erkrankten.
Schöne alte Erinnerungen wecken erzeugt ein Wohlbefinden bei den Erkrankten.

Marsberg. Anlässlich des Weltalzheimertages lädt die Alzheimer Gesellschaft Hochsauerlandkreis zur Informationsveranstaltung mit dem bundesweiten Thema „Demenz –

Die Anzahl der Erkrankten nimmt jährlich zu. Weil die Menschen immer älter werden oder spielen andere Faktoren eine Rolle?

Petra Vollmers-Frevel: Durch den medizinischen Fortschritt und bewusste Lebensführung wird unsere Lebenserwartung immer höher. Es gibt immer mehr alte Menschen und daher auch immer mehr Menschen mit Demenz. Heute leben in Deutschland etwa 1,5 Millionen Menschen mit Demenzerkrankungen. Ihre Zahl wird bis 2050 auf drei Millionen steigen, sofern kein Durchbruch in der Therapie gelingt.

Angehörige leiden oft unter den Vorwürfen der Erkrankten. Wenn diese beispielsweise die regelmäßigen Besuche ihrer Angehörigen wieder vergessen. Welche Strategien können helfen?

Vollmers-Frevel: Die Persönlichkeit des Erkrankten ändert sich im Verlauf der Erkrankung sehr. Dies zu akzeptieren, fällt den nächsten Angehörigen besonders schwer. Sie müssen lernen sich in die Welt des Erkrankten einzufühlen und sie hinzunehmen. Wenn man die betroffene Person korrigiert oder gar ungeduldig wird, führt das zu Verunsicherung, Rückzug oder auch Aggression der betreffenden Person. Genau darum geht es auch in unserem Programm der Informationsveranstaltung zum Weltalzheimertag. Wir möchten durch unsere vielfältigen Workshops Anregungen und Tipps für validierenden, wertschätzenden und aktiven Umgang mit Menschen mit Demenz im Alltagsleben vermitteln. Um auf Ihr Beispiel zurückzukommen: Die Angehörigen müssen lernen mit eventuellen Vorwürfen umzugehen – der Erkrankte kann ja nicht dafür, dass er vergessen hat, dass der Angehörige ihn vielleicht gestern noch besucht hat. Wichtig ist, dass der Angehörige dann nicht ungeduldig korrigiert, sondern den Betroffenen einfach in den Arm nimmt und sagt: „Ich bin für dich da“. Emotionen sind besonders entscheidend im Umgang mit dem Erkrankten.

Demenz vorbeugen – Was ist dran an den Ratschlägen, das Risiko an Demenz zu erkranken, zu senken?

Vollmers-Frevel: Bis jetzt hat die Medizin noch kein Allheilmittel gegen Demenz entwickelt. Bestimmte Faktoren, die das Risiko an einer Demenz zu erkranken senken, kann man in seiner Lebensführung beachten. Gesunde Ernährung und ausreichend Bewegung sind wichtig, außerdem sollte man sollte Nikotin und Alkohol meiden. Diabetes, Bluthochdruck und Fettleibigkeit sind ebenfalls Risikofaktoren, wie viele Ärzte betonen.

Fällt es Angehörigen schwerer mit Erkrankten umzugehen als Außenstehenden? Wie kommt man zu mehr Gelassenheit?

Vollmers-Frevel: Wie bereits erwähnt, ist es besonders für die nächsten Angehörigen schwer mit den Erkrankten umzugehen, da zum Beispiel ein Mann, der sein ganzes Leben mit seiner Frau verbracht hat, ihre Veränderung schwer akzeptieren kann. Es ist wichtig sich über die Krankheit zu informieren und den Umgang mit den Betroffenen zu lernen. Die Alzheimer Gesellschaft HSK organisiert einmal jährlich eine Schulung für Angehörige über sieben Abende, in der sie den Umgang im Alltagsleben lernen können. Die Schulung beinhaltet auch Beschäftigungsmöglichkeiten, Kommunikation, Validation (wertschäztuender Umgang), aber auch rechtliche Fragen werden erörtert. Wichtig für pflegende Angehörige ist es sich ab und zu eine Auszeit zu organisieren in Form zum Beispiel einer Kurzzeitpflege, die immer mehr gute Seniorenheime anbieten.

Demenz ist eine weit verbreitete Krankheit. Warum fällt es immer noch vielen schwer einen Zugang zur „verrückten“ Wahrnehmungswelt zu finden?

Vollmers-Frevel: Der Verlust seiner geistigen Fähigkeiten bedeutet Verlust von eigenständigem Leben. Davor haben viele Menschen sehr viel Angst. Solch ein Thema wird gern verdrängt. Damit möchte man nichts zu tun haben. Für viele ist Demenz in unserer Leistungsgesellschaft immer noch ein Tabuthema. Da wir aber fast in jeder Familie mittlerweile eine betroffene Person haben, müssen wir umdenken. Wir müssen lernen Menschen mit Demenz zu integrieren und zu akzeptieren. Dann finden wir auch den Zugang zu ihnen.

„Demenz - jeder kann etwas tun“ - Zum Beispiel?

Vollmers-Frevel: Das fängt im Freundeskreis an. Wenn zum Beispiel ein Kegelbruder an Demenz erkrankt, ihn nicht ausgrenzen, sondern mitspielen lassen, solange es für ihn selbst in Ordnung ist. Oder eine erkrankte Freundin auch weiterhin besuchen. Es sind die kleinen Dinge, die den Alltag von Menschen mit Demenz und ihren Angehörigen verschönern – die Nachbarin, die nicht die Straßenseite wechselt, sondern für einen kleinen Plausch stehen bleibt, oder der Arzt, der nicht nur ein Rezept über den Tisch schiebt, sondern sich auch nach dem Wohlbefinden der pflegenden Ehefrau erkundigt. Doch an anderen Stellen ist ebenfalls noch viel zu tun, um die Lebenssituation von Demenzkranken in Deutschland zu verbessern: Pflegeeinrichtungen müssen so aufgestellt sein, dass Menschen mit Demenz dort gut versorgt werden. Krankenhäuser müssen sich auf die zunehmende Zahl demenzkranker Patienten einstellen und entsprechende Konzepte entwickeln. Der bürokratische Aufwand, der nötig ist, um Unterstützung bei der Pflege zu erhalten, muss reduziert werden. Und auch die lange angekündigte grundlegende Reform der Pflegeversicherung, die zu einer Gleichbehandlung von Demenzkranken und körperlich Pflegebedürftigen führen soll, muss endlich umgesetzt werden.

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