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„Jeden Tag eine gute Tat“

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Bis nach Italien gelangte Gerhard Tuschen mit Pfadfinderfreunden.
Bis nach Italien gelangte Gerhard Tuschen mit Pfadfinderfreunden.

Pfadfinder auf der ganzen Welt denken in der kommenden Woche an den Begründer der Pfadfinderbewegung Robert Baden-Powell, der am 22. Februar 1957 in England geboren wurde.

In Marsberg gibt es zurzeit zwar keinen aktiven Stamm, aber zwischen 1949 und 1966 bestand 17 Jahre lang eine Gruppe der Deutschen Pfadfinderschaft St. Georg, deren Mitglieder sich gerne an ihre aktive Zeit erinnern.

Auf Initiative ihres Gründungsmitglieds Elmar Brohl hin, gab es im Mai vorigen Jahres ein erstes Wiedersehen (Sauerlandkurier berichtete.) Ein zweites Treffen, zu dem man noch mehr „Ehemalige“ zu erreichen hofft, ist für den 23. April dieses Jahres geplant – dem Namenstag des Heiligen St. Georg. Für diese Zusammenkunft soll auch eine Broschüre mit Texten und Fotos erstellt werden. „Wenn man so darüber spricht und die alten Fotos sieht, dann kommen einem jede Menge schöner Erinnerungen hoch“, schwärmt Hans Gerlach, der noch immer in Marsberg wohnt. Er gehört, Jahrgang 1947, eher zu der letzten Generation der „Pfadis“ in Marsberg. „Es war eine schöne Zeit – das sagen viele“, bekräftigt er. Besonders die Treffen mit anderen Jugendgruppen haben ihn begeistert. So erinnert er sich, wie auch der drei Jahre ältere Gerhard Tuschen, gut an das „Lager Aurora“, in einer vom Kreis zum Jugendheim umgebauten ehemaligen Steigerhütte in Andreasberg. Feste Bestandteile aller Treffen waren die Geländespiele, die Lagerfeuer mit dem abendlichen Singen zur „Klampfe“ und der „Zirkus“, wo zuvor Einstudiertes vorgeführt wurde. Sich in der Nacht gegenseitig den Wimpel vom Zelt zu klauen, war ebenfalls ein gern praktizierter „Sport“, der für die einen eine große Ehre, für die anderen eine herbe Demütigung bedeutete. Einmal, so erinnert sich Gerlach, wurden sie nachts von der einheimischen Dorfjugend „überfallen“, die alle Heringe herauszog, so dass die Zelte über ihnen zusammen fielen. Mit Hilfe der Polizei wurden die Übeltäter geschnappt und verpflichtet, die Zelte wieder aufzubauen. Etwas ganz Besonderes waren die internationalen Begegnungen. Gerlach erinnert sich daran, einmal mit Freunden in der Pfadfinderkluft nach Holland geradelt zu sein. „Dort wurden wir sofort angesprochen und es war überhaupt kein Problem, mal für eine Nacht irgendwo unterzukommen, wenn wir als Pfadfinder erkennbar waren.“ Auf Fahrt zu gehen, war immer ein Abenteuer. Ganz besonders erinnert sich Tuschen an ein internationales Lager in Kandersteg am Lötschberg in der Schweiz, wo sie unter anderem mit englischen und schottischen Pfadfindern zusammen trafen. Dort „büxte“ eine Gruppe von sechs Mann nach einer Woche aus und machte sich per Bahn und per Anhalter auf den Weg nach Italien. Über den Lago Maggiore und Mailand ging es bis nach Venedig. Auf dem Rückweg machten sie noch beim Eucharistischen Weltkongress in München Station. Die Eltern seien so froh gewesen, sie gesund zurück zu haben, dass es wohl wenig Schelte gegeben habe, erklärte Tuschen verschmitzt.

Lichtmorsen von Turm zu Turm

Aber auch an ihre Aktivitäten in Marsberg haben die Ehemaligen schöne Erinnerungen. Einmal, so erinnert sich Herbert Legge, hätten sie sich in zwei Gruppen auf den Weg gemacht, die eine auf den Bilsteinturm, die andere auf den Buttenturm. Von dort aus hätten sie sich, über das Glindetal und ganz Marsberg hinweg, mit Taschenlampen per Lichtzeichen Botschaften zugemorst. „Handy gab es ja noch nicht.“ Gerlach und Tuschen halfen tatkräftig mit, als die Kolpingfamilie das Jugendheim in der Kirchstraße baute. Zwar engagierten sie sich schon mal bei gemeinschaftlichen Aktionen, aber an sozialen und caritativen Projekten, wie es heute bei Pfadfindergruppen üblich ist, beteiligten sie sich weniger. „Das war eine andere Zeit,“ erklärt Legge, „bei uns standen mehr gemeinsame Unternehmungen wie Fahrten, Zeltlager oder Geländespiele an. Die heutigen Pfadfinder kriechen nicht mehr durch das Gebüsch.“ Der heute 75-Jährige war zeitweise Sippenführer. „Besonders wer in einer leitenden Funktion dabei war, den hat diese Zeit für das ganze Leben geprägt“, ist Tuschen überzeugt. Die damals gemachten Erfahrungen kommen in ganz vielen Lebenssituationen später wieder hoch“, hat auch Gerlach beobachtet. Die Nähe zur Natur und das sich mit Kompass und Karte darin Zurechtfinden bleibt den Pfadfindern ein Leben lang erhalten. „Es ist mir nie passiert, dass ich mich im Wald verlaufen hätte, auch später bei der Arbeit nicht“, sagt Tuschen. Geprägt haben sie auch die Leitgedanken Baden-Powells: Eigenverantwortung, Lernen durch Handeln sowie die Welt besser zu machen. Heute, so sagen sie, sind die Jugendlichen vielleicht nicht mehr bei den Pfadfindern, aber auch beim Sport oder in anderen Vereinen würden sie Gemeinschaft erfahren und das sei, was den Reiz des Pfadfinderlebens früher für sie ausgemacht hat: „Was zählte, war das Zusammensein. Man kann machen was man will, aber man muss es in der Gemeinschaft machen“, so Gerlach. „Schön wäre es aber dennoch, wenn es mal wieder einen eigenen Stamm in Marsberg gäbe“, fügt er hinzu. Allerdings, so ist ihm bewusst, ist die Konkurrenz an Angeboten für Kinder und Jugendliche heute viel größer als zu ihrer Zeit. Dass sich ihr Stamm 1966 auflöste, lag daran, so erklären Tuschen und Gerlach, dass die damalige Führungs- und Leitungsriege recht abrupt weggebrochen wäre. Viele seien zur gleichen Zeit berufsbedingt oder wegen des Studiums weggezogen. Heute ist der Marsberger Stamm in alle Winde zerstreut. Umso mehr freuen sie sich auf ein Wiedersehen im April. (Von Kristin Sens, marsberg@sauerlandkurier.de)

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