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Kulturerbe und Aberglaube: Marsberger Stadtarchiv erforscht die „Fünfte Jahreszeit“

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Eine Karnevalsgesellschaft 1935 vor der Gaststätte Mische in Padberg mit den „Strohmännern“. Foto: Bildarchiv Norbert Becker, Padberg
Eine Karnevalsgesellschaft 1935 vor der Gaststätte Mische in Padberg mit den „Strohmännern“. © Bildarchiv Norbert Becker, Padberg

Marsberg. Überall im Stadtgebiet Marsberg laufen „Narren“ und „Vermummte“ durch die Straßen und Gassen. Schon seit einiger Zeit löst eine Prunksitzung die nächste ...

Marsberg. Überall im Stadtgebiet Marsberg laufen „Narren“ und „Vermummte“ durch die Straßen und Gassen. Schon seit einiger Zeit löst eine Prunksitzung die nächste ab. Das wurde jetzt im Marsberger Stadtarchiv zum Anlass genommen, die Tradition der „Fastnacht“, landläufig auch als Karneval bezeichnet, zu erforschen.

Dazu das Stadtarchiv: „Dabei fanden sich die eigentümlichsten Riten und Bräuche. Ursprünglich, also ganz weit zurück im Mittelalter, beschränkte sich das närrische Treiben auf den Tag vor Aschermittwoch. Denn das Wort leitet sich von ,Fastowend’, also dem Abend vor der Fastenzeit ab. Aber auch das war nicht der Beginn der Fastnacht. Noch weiter zurück in der Vergangenheit feierte man schlicht das Gedeihen und Fruchten, mittelhochdeutsch ,faseln’, also Erwachen der Natur. Und schließlich noch davor vermuten die Volkskundler die Wurzeln alter Fastnachtsbräuche in heidnischen Fruchtbarkeits- oder Schutzriten. Haus- und Lebensfeinde sowie Dämonen sollten durch Opferreigen mit Masken und Fell-Verkleidung ausgetrieben werden.“

Ausschweifendes Feiern vor dem Fasten

Konkret in Zahlen ausgedrückt, wurden im Stadtarchiv folgende Eintragungen gefunden:

Im 12. Jahrhundert ließ man es sich, bevor das lange Fasten begann, bei ausschweifenden Festen und gutem Essen noch einmal richtig gutgehen. Ausgedehnt auf den Montag und Dienstag vor Aschermittwoch wurde die Feierlaune der Bevölkerung der Obrigkeit 1565 zuviel und so versuchte der Stadtmagistrat von Münster „den Unsinn und die Lasterhaftigkeit“ einzuschränken, indem er kurzer Hand das Treiben unter Strafe verbot. Ohne Erfolg, wie noch heute an den zahlreichen Umzügen und Feiern zu sehen ist. Das Verbotene reizt doppelt und so schlüpfte 1608 ein Schüler des Jesuiten-Gymnasiums in Münster in eine Puppe aus Stroh und segnete, mit einem Talar angetan, das umstehende Volk. „Diese harmlose Verunglimpfung der geistlichen Lehrerschaft finden wir in den großen und kleinen Karnevalsumzügen heute im großen Stil bezogen auf Obrigkeit und Politik wieder. Ebenso die Strohpuppe, vielerorts ,Bruder Fastnacht’ genannt, begegnet uns in einigen Städten und Dörfern noch heute“, so das Stadtarchiv.

Viel turbulenter jedoch waren die Bräuche während der tollen Tage in den folgenden Jahrhunderten. „Müssen unsere männlichen Mitbürger heute lediglich auf Schlips und Schnürbänder achtgeben, hatten es die Damen früher auf die große Zehe der Mannsbilder abgesehen. Unter viel Jucherei versuchte man mit List oder sanfter Gewalt eines Mannes habhaft zu werden, Schuhe und Strümpfe wurden ausgezogen und in die große Zehe gebissen. Obendrein musste das Opfer noch eine Wurst spenden. Nun, unsere Vorfahren waren, so scheint‘s, wenig zimperlich. Jedoch galt im Volksglauben damals die große Zehe als Sitz besonderer Kraft und diese sollte durch das Zehenbeißen übertragen werden.“ In Erlinghausen fand sich später eine hygienischere Abwandlung, man rieb das Schienbein kräftig mit einem Strohwisch (Bündel oder kleiner Besen aus Stroh).

Zum Thema „Aberglaube“ findet sich in der Literatur des Stadtarchivs außerdem folgender Hinweis: Am Rosenmontag begossen die Jungen die Mädchen mit Wasser und am Dienstag vor Aschermittwoch ging das Ganze umgekehrt. Dadurch sollte man im Sommer gegen Fliegen- und Mückenstiche gefeit sein und überhaupt vor Unglück bewahrt bleiben.

In Marsberg und Brilon gab es bis ins letzte Jahrhundert eine harmlosere Tradition; so ritten früher die Müllersknechte am ersten Fastnachtstage auf bekränzten Eseln in die Stuben ihrer Mahlkunden und sagten einen Reim auf. Und auch hierbei ging es um eine Sammlung für das leibliche Wohl. „Isst man heute Berliner, darunter auch ,beschwipste’, waren früher die ,Heyteweggen’, also Weißbrot oder süßer Stuten das übliche Fastnachtsgebäck. Ziemlich bekannt ist das ,Spießsingen’. Das Wursteinsammeln ist für den Marsberger Raum urkundlich schon 1750 nachweisbar. Und noch heute ziehen unsere Burschen in Anlehnung an dieses Erbe unserer Vorfahren in den Faschingstagen mit einem Spieß oder Stecken, etwas moderner auch mit Bollerwagen, von Tür zu Tür und sammeln Wurst, Eier und Geld für die anschließende Feier. Dabei wird der althergebrachte Spruch ,Lüttke, lüttke Fastnacht! Wir hab‘n gehört, ihr habt geschlacht‘, habt so fette Wurst gemacht...’ aufgesagt“, so das Stadtarchiv weiter.

Getränkeausgabe an Betrunkene unter Strafe

Um seine Zehen muss wohl niemand mehr fürchten und auch eine unfreiwillige Dusche ist nicht mehr zu erwarten. Der ein oder andere Schnaps als Anfeuchtung für die Kehle ist völlig ausreichend. „Doch Vorsicht, auch hier konnte man früher ganz schnell mit dem Gesetz in Konflikt geraten. Durch Verordnung der königlichen Regierung vom 7. Februar 1835 wollte man ,gegen die Völlerei in geistigen Getränken und zwar namentlich dem übermäßigen Genusse des Branntweins vorgehen.’ Mal ehrlich, eine Karnevalsfeier ohne ein Schnäpschen? Am 13. April 1876 wurde ,das Verabreichen von Getränke an betrunkene Personen’ gar unter Strafe gestellt, auch für Gastwirte. Selbst 1884 war dies nach wie vor ein Thema.“

Wer diesen Bräuchen und Traditionen sowie interessanten und kuriosen Fakten aus der Justizgeschichte auf den Grund gehen will, ist für Forschungen im Stadtarchiv Marsberg (Bahnhofstraße 11, rechts neben dem Eingang der Bibliothek) an der richtigen Stelle. Besucher sind freitags von 8 bis 12 Uhr auch ohne Termin willkommen. Unter Tel. 0 29 92/97 91 65 können für montags bis donnerstags zusätzliche Benutzungstermine vereinbart werden.

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