Rückzugsort für Traumatisierte

Marsberger erfüllen sich Traum von eigenem Therapie-Hof

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Refugium für Mensch und Tier: Kerstin Fingerhut-Pluskat (Mitte) und Tobias Fingerhut haben sich mit der Kolsberg Ranch einen Lebenstraum erfüllt.

Marsberg - „Von Anfang an war klar, dass wir helfen möchten, Tieren und Menschen. Tieren, weil unser Herz einfach dafür schlägt und Menschen, weil ich weiß wie es ist, wenn man keine schöne Vergangenheit hat“, erklärt Kerstin Fingerhut-Pluskat, warum sie sich in Marsberg nicht nur ihren Traum vom Leben auf dem Land erfüllt haben, sondern mit ihrem Hof auch als Refugium Menschen offen steht, die einen Rückzugsort brauchen: Misshandelte Kinder, missbrauchte Frauen, unheilbar Kranke...

Erst Anfang des Jahres ist Kerstin Fingerhut-Pluskat mit ihrem Mann Tobias und der dreijährigen Tochter Leah aus Hamm nach Marsberg gezogen. „Als wir den Hof gesehen haben, wussten wir sofort, der ist es“, erinnert sich Tobias Fingerhut. Zwischen Niedermarsberg und Westheim gelegen, wurde im Wohnhaus zuletzt eine Katzenzucht betrieben. Dementsprechend viel Arbeit erwartete die kleine Familie, als sie hier mit ihren beiden Pferden und Hunden einzogen. Das Haus musste von Grund auf renoviert werden, draußen reparierten sie Stallungen, legten einen kleinen Reitplatz und Paddocks an. Inzwischen ist der Tierbestand beträchtlich gewachsen: Vier Pferde, ein Pony, drei Esel, ein Dutzend Kaninchen, zwei Laufenten und einige Hühner sowie drei Hunde und vier Katzen bevölkern nun die Kolsberg Ranch. 

Kaum waren sie eingezogen, als die ersten Anfragen für Abgabetiere bei ihnen eintrafen. Zwei der Esel befreiten sie aus schlechter Haltung, einige Tiere gehören noch privaten Besitzern. „Die Einsteller bezahlen aber keine Pacht, sondern beteiligen sich nur an den Futterkosten“, betonen die Tierfreunde, damit kein Grund zu Missgunst entsteht. 

Auch die „Zweibeiner“, die ihren Hof besuchen – zurzeit kommen regelmäßig zwei Kinder und vier Frauen – müssen dafür nichts bezahlen. Sie kommen für einige Stunden, zum Streicheln, Kuscheln, Putzen oder Reiten und helfen manchmal beim Versorgen der Tiere. Seit Kurzem haben sie Kontakt zu zwei Pädagogen. Vielleicht entwickelt sich daraus eine kontinuierliche Zusammenarbeit, eventuell auch mit der LWL in Marsberg. „Wir sind beide keine Therapeuten. Wenn, dann empfehlen wir, sich professionelle Hilfe zu suchen“, betont Kerstin Fingerhut-Pluskat. Als Familienpflegerin habe sie aber einige Erfahrung im Umgang mit Menschen gesammelt. 

Mit Tieren zur Ruhe kommen: Das ermöglicht der Hof.

Wenn man den Hof betritt, wirkt es zunächst wie Idylle pur: Kaninchen hoppeln frei auf der Wiese herum, Katzen streichen einem um die Beine und die Esel schnuppern neugierig an den Besuchern. Dieser Eindruck trügt leider etwas: Vor wenigen Tagen fanden die Besitzer eines Morgens in ihrem Kleintierauslauf zahlreiche tote Tiere vor. Zunächst hatten sie an einen Fuchs gedacht, aber als sie bei den Tieren keinerlei Bissspuren fanden, dafür vielen Kaninchen die Augen fehlten, fragten sie bei Förstern nach. Diese rieten ihnen, sich an die Polizei zu wenden, welche ihren Verdacht bestätigte, dass offensichtlich ein Mensch sich an den Tieren vergangen hatte: Ob Neider oder Tierquäler – das Ehepaar zuckt ratlos die Schultern: „Wir kriegen eigentlich nur positive Rückmeldungen und sind in Marsberg gut aufgenommen worden. Oft klingelt jemand an der Haustür und lässt Geld- oder Sachspenden da.“ Über Facebook haben sie einige treue Unterstützer und Freunde gefunden; darunter eine Frau aus Bayern, die nun sogar ein Theaterstück über den Hof schreiben will.

 Aus der Nachbarschaft kommt Tatjana Clements mit ihrem Verlobten Mike und Sohn Niclas. Inzwischen ist daraus eine intensive Freundschaft entstanden und die Westheimer packen mit an, wo immer Not am Mann ist. Auch sie haben in dieser Nacht Tiere verloren: „Wir haben sie von zu Hause hergebracht, weil sie hier mehr Auslauf haben“, so Tatjana Clements. „Das war ein großes Drama, eines war der Lieblingshase unserer Tochter“, sagt Kerstin Fingerhut. Alle drei schütteln den Kopf. Über das Internet haben sie erfahren, dass es in der Umgebung ähnliche Vorfälle gab. „Wir wollen uns jetzt austauschen, vielleicht kann dann die Polizei der Sache intensiver nachgehen“, so ihre Hoffnung. Aufgeben werden sie jedenfalls nicht. So planen sie einen Bewegungspaddock für ihre Pferde. Mit den Eseln wollen sie geführte Wanderungen anbieten. Weihnachten wollen sie einen Wunschbaum aufstellen, wo Geschenkwünsche hinterlassen werden können, die andere erfüllen wollen. Damit ihre Gäste sich hier unabhängiger von der Witterung aufhalten können und auch übernachten, möchten sie ein Gartenhaus bauen. Dazu suchen sie zurzeit noch Spender. 

„Ich habe selbst schlechte Erfahrungen mit Missbrauch gemacht – und möchte, dass auch andere Menschen Mut fassen und wieder Spaß am Leben haben“, fasst Kerstin Fingerhut-Pluskat zusammen, was sie antreibt.

Infos im Internet:
www.facebook.com KolsbergRanch oder www.gofundme.com/f/stark-gegen-missbrauch.

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