Spannung hinter „dröger Materie“

Netzwerk Streitkulturen plante Reise und Broschüre zu Stätten der Rechtskultur

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Die Mitglieder des Netzwerks Streitkulturen arbeiten gemeinsam daran, historische „Rechts-Geschichten“ für die Öffentlichkeit interessant zu präsentieren.

Marsberg/Wewelsburg. Im südlichen Paderborner Land und im nördlichen Hochsauerland prägen zahlreiche historische Stätten der Rechtsgeschichte die Kulturlandschaft. Da die heutigen politischen und verwaltungstechnischen Grenzen nicht mehr mit denen früherer Zeiten übereinstimmen, hat sich, der SauerlandKurier berichtete, ein Netzwerk gegründet. Dieses will, Kreis- und Kommunalgrenzen überschreitend, unter dem Titel „Streitkulturen – Herren, Hexen und Halunken im Hochstift Paderborn“ die gemeinsame Rechtsgeschichte beleuchten, vorhandene Erkenntnisse bündeln sowie Wissen und Stätten, wissenschaftlich fundiert aber für Laien ansprechend, einer breiten Öffentlichkeit zugänglich machen. Nun hat der Arbeitskreis im Rahmen einer Pressekonferenz erste Aktivitäten vorgestellt.

Als erste gemeinsame öffentliche Veranstaltung ist für den 18. Mai eine ganztägige Bus-Exkursion geplant, zu ausgewählten Sehenswürdigkeiten (Fürstenberg, Padberg, Wewelsburg), an denen sich „Streitkultur“ auf unterschiedliche Weise nachvollziehen lässt. Weiterhin ist eine kostenlose Broschüre in Arbeit, die als Leitfaden zu den verschiedenen Stätten führt und zur Selbsterkundung des Themas einlädt. Zu jedem der Begriffe Herren – Hexen – Halunken wird eine Tour ausgearbeitet. Das Heftchen wird voraussichtlich ab Ende des Jahres in allen kulturellen Einrichtungen und öffentlich gut frequentierten Orten der Region ausliegen. Noch im Laufe des Jahres soll zudem ein Internetauftritt freigeschaltet werden. Anvisiert sind weitere Exkursionen sowie Symposien. Im Einzelfall soll auch die Beschilderung vor Ort ausgebaut werden.

Markenzeichen für die Region etablieren

„Es gibt eine auffällige Vielzahl von Denkmälern zur Rechtsgeschichte und Streitkultur aus Mittelalter und Früher Neuzeit in der Region, aber bisher wurden diese in der Regel von ‘Einzelkämpfern‘ betreut“, erläuterte Andreas Weiß, stellvertretender Leiter des Museums Wewelsburg. Von der Zusammenarbeit erhofft man sich neue Erkenntnisse, vor allem aber die Chance, unbekanntere Stätten, wie die Hinrichtungsplätze bei Fürstenberg oder den Schandpfahl in Obermarsberg, mehr ins Licht der Öffentlichkeit zu rücken und diese für das vorhandene kulturelle Erbe zu interessieren, denn hinter all diesen Orten stünden „spannende Geschichten“. Die Initiatoren des Netzwerks sehen darin auch ein nicht unerhebliches touristisches Potential. Weiß sprach sogar von einem „kulturgeschichtlichen Markenzeichen für die Region“, das man etablieren könne.

Attraktivität verspricht man sich nicht nur durch die Vermittlung spektakulärer Anekdoten, wie zum Beispiel zu den Hexenprozessen oder zu marodierenden Räuberbanden, sondern auch durch die Aktualität, wie die Historikerin Sarah Masiak betonte: „Wir wollen Geschichte in die Gegenwart rücken.“ Es ergäben sich Parallelen zur heutigen Zeit, hat sie herausgefunden: Von der Norm abweichendes Verhalten werde, wie damals bei den Hexenprozessen, auch heute noch von der Gesellschaft abgestraft (Mobbing, Ausgrenzung).

Bei den Mitgliedern des Netzwerkes handelt es sich um Museumsleiter, wie Kirsten John-Stucke vom Kreismuseum Wewelsburg, Antonius Monkos vom Alten Patrimonialgericht Fürstenberg oder Heiner Duppelfeld vom Heimatmuseums der Stadt Marsberg. Ihm gehören zudem Laien-Historiker und Mitglieder von Vereinen an, wie Bernhard Nolte (Historisches Fürstenberg), Heinz Köhler und Heinz-Josef Struckmeier (Förderverein Kreismuseum Wewelsburg), oder Thomas und Kirsten Linnenbrink (Ring Padberg). Fachlich begleitet wird das Netzwerk durch Sarah Masiak als wissenschaftlicher Mitarbeiterin. Der Arbeitskreis trifft sich reihum in regelmäßigen Abständen in den verschiedenen Orten. Neben den bereits oben genannten Stätten und Projektpartnern sind Mitglieder im Netzwerk die Stadt Büren (Land- und Stadtgericht, Ruine Ringelstein) und die Stadt Lichtenau (Burg, Kloster Dalheim). Die organisatorische Federführung des Netzwerks liegt, dank der vorhandenen Strukturen, beim Förderverein Wewelsburg. Das Thema des Arbeitskreises ist rechtsgeschichtlicher Art, aber die Mitglieder stellten fest, dass in der juristischen Fakultät der kulturelle Aspekt bei der historischen Aufarbeitung vernachlässigt wird.

Netzwerk wird von Leader gefördert

Der Begriff „Streitkultur“ habe dagegen eher die kulturhistorische Dimension im Blick. Die Juristen würden sich mit den Institutionen, nicht aber mit den Menschen dahinter beschäftigen, erläuterte Heinz Köhler. Dabei würden hinter der „drögen Materie“ sich spannende Geschichten verbergen. Wegen der fakultätsübergreifenden Konstellation ist man froh, öffentlich gefördert zu werden. Am Netzwerk Streitkulturen beteiligt sich für drei Jahre das EU-Förderprogramm „Leader“ mit einer 65-prozentigen Förderung. Damit sollen vor allem die Publikationskosten für die Broschüre in Höhe von insgesamt 36.000 Euro bestritten werden. Kreis, Kommunen und die Mitglieder des Netzwerks bringen den restlichen Anteil auf.

Info: Start der Exkursion ist am Samstag, 18. Mai um 9 Uhr an der Wewelsburg am Besucherparkplatz des Kreismuseums. Erste Station ist das Museum im Alten Patrimonialgericht in Fürstenberg, dann geht es zum Mittagessen nach Helminghausen am Diemelsee. Im Anschluss finden eine Führung durch die Synagoge und Vorträge zur Geschichte der Juden von Padberg statt. Den Abschluss der Exkursion bildet eine Führung durch die Sonderausstellung „Aus zwei Quellen“ – Vom Leben und Wirken Jakob Loewenbergs (1856-1929)“ in der Wewelsburg. Die Veranstaltung endet voraussichtlich um 17 Uhr. Die Teilnahme an der Exkursion ist, bis auf das Mittagessen, kostenlos. Anmeldung bis spätestens 15. Mai beim Kreismuseum Wewelsburg unter Tel.  0 29 55/7 62 20.

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