Kreative Ideen gefragt

Ökumenisches Gespräch: „Christlicher Glaube in der ehemaligen DDR damals und heute“

+
Zum ökumenischen Gespräch hatten die christlichen Kirchen Marsbergs in die Alte Propstei geladen. Referenten waren Prälat Manfred Kania und Pfarrerin Kathrin Koppe-Bäumer.

Marsberg - Anlässlich der Feiern zu 30 Jahre Mauerfall, hatten die christlichen Kirchen zu einem ökumenischen Gespräch in die Alte Propstei in Marsberg eingeladen. Thema des Abends war: „Christlicher Glaube in der ehemaligen DDR damals und heute“.

Pfarrer Markus Pape und Propst Meinolf Kemper begrüßten im Namen des Marsberger Ökumenekreises die Gäste und zwei Referenten zum Thema in der Alten Propstei: Prälat Manfred Kania aus Paderborn, der lange in der ehemaligen DDR gelebt und gearbeitet hat, sowie die Regionalpfarrerin Kathrin Koppe-Bäumer, die am Wochenende von Allerheiligen in der ehemaligen DDR mit evangelischen Pfarrern auf Studienreise war. 

Prälat Kanias Erzählungen schlängeln sich entlang seiner Biographie. 1936 in Merseburg (Sachsen-Anhalt) geboren, erlebte er im Februar 1944 die Flucht „mit Sack und Pack nach Oberschlesien, auf dem Kinderschlitten die 82-jährige Großmutter...“ Erst an Weihnachten1947 hatte sich die Familie wiedergetroffen, in der dann sowjetischen Besatzungszone. Kirchenrechtlich gehörte sein Bezirk damals zu Paderborn. „Das Paderborner Gebiet ging bis hinter die Autobahn Berlin/Dresden, kurz vor Cottbus. Ganz Sachsen-Anhalt gehörte kirchenrechtlich zu Paderborn. Und das mit nur einem Erzbischof und einem Weihbischof.“ Bei seiner Firmung 1947 in Merseburg waren es 340 Firmlinge. In eineinhalb Jahren wird er sein 60-jähriges Priesterjubiläum feiern. Seit 30 Jahren ist er in Paderborn, seit Anfang Oktober in Pension. 

Er berichtete, wie er damals für 41 Ortschaften mit 1.100 Katholiken zuständig war. „Das war Großraum-Seelsorge. Dazwischen lag die Saale, die man nicht per Brücke überqueren konnte. Für drei Kilometer Luftlinie musste man schon mal 40 Kilometer fahren. Ich war nicht nur Pfarrer, sondern auch Fahrer,“ erzählte der Prälat. Eine eigene katholische Kirche stand ihm nicht zur Verfügung. Nach dem Volksaufstand in der DDR am 17. Juni 1953 wurden immer mehr Parteimitglieder verpflichtet, aus der Kirche auszutreten. Es gab die jungen Pioniere mit dem blauen Halstuch und die FDJ - alles andere war verboten. 

"Man konnte wirklich keinem trauen"

Vitamin B sei in der DDR „alles gewesen“. Mit Beziehungen sei vieles möglich gewesen, „unter der sogenannten Bettdecke“. Zwölf Jahre war Kania dann in Halle an der Saale in einem großen Krankenhaus als Seelsorger tätig. Das dortige Konvent der Ordensschwestern bestand aus 111 Frauen. Danach wurde er Generalvikar. Kein Bischof wurde damals von Regierungsmitgliedern als Gesprächspartner zugelassen. Die Generalvikare hätten mit der Stasi verhandelt, nicht die Bischöfe. Sein Gesprächspartner sei ein „Edelkommunist“ gewesen, der zum offiziellen Treffen mit dem Vorschlag: „Können wir wieder mit ihrem Auto etwas raus fahren?“ den überall lauernden Spionen davonkommen wollte. Damals sei Kania eine Liste von 5.000 inoffiziellen Stasi-Mitarbeitern allein aus seinem Bezirk Halle zugestellt worden. „Man konnte wirklich keinem trauen,“ so seine Überzeugung. Seit der Wende ist Prälat Kania Priester in Paderborn. 

„Der Generalvikar stirbt mit dem Bischof, wird aber nicht mit ihm beerdigt“, so Kania scherzend. Als der Bischof altersbedingt ausschied, ging er vor 30 Jahren nach Paderborn. Eine andere Sichtweise auf das Thema hatte Pfarrerin Kathrin Köppe-Bäumer, die von ihrer kürzlich stattgefunden Reise nach Thüringen, im Kreis Apolda-Buttstädt (nördlich von Weimar und Erfurt), berichtete, dazu Fotos mitgebracht hatte und Eindrücke ihrer Reise wiedergab. Die Idee zur Reise kam, weil ein Kollege aus Soest nun im Osten tätig ist und dort als einziger Pfarrer in einem Kirchspiel für sieben Gemeinden mit zwölf Kirchen zuständig ist. „Dort ist bereits jetzt die Situation eingetroffen, die wir hier in circa 30 Jahren haben werden. Der Besuch sollte dazu da sein, vom Osten zu lernen,“ meinte Koppe-Bäumer.

Kirche in Ostdeutschland zeigt neue Wege

Pfarrerin Kathrin Koppe-Bäumer besuchte Thüringen, um vom Osten zu lernen, wie Kirchen sich heute und zukünftig behaupten und Präsenz zeigen können. In Thüringen seien 30 Prozent evangelisch, das seien noch relativ gute Zahlen. 70.000 Einwohner lebten in dem Kirchenkreis. 

Nach der Wende gab es finanzielle Einschnitte durch Anpassung der Gehälter an den Westen, die Beamtenschaft der Pfarrer wurde eingeführt, weniger Geld stand zur Verfügung. In Oldersleben kämen zu den Gottesdiensten zwischen 20 und 25 Leuten. Das sei eine große Zahl, in anderen Gemeinden kämen weniger. In Rastenberg zum Beispiel wurde Whiskey zum „Wasser des Lebens“. Mitten in der Kirche gibt es ein Whiskeyfass. Die Brände werden dort verkauft, um Sponsoren für die Orgel zu gewinnen. „Man muss was machen, um die Leute zu gewinnen“, ist Koppe-Bäumer überzeugt. 

Ein anderes Beispiel ist ein Pfarrhaus, das „Winterkirche“ genannt wird. Hier gibt es einen kleinen Raum mit Altar, der die riesengroße Kirche ersetzen soll, die man im Winter für die wenigen Besucher nicht heizen kann.

Stichwort „Querdenkergruppe“ 

Ein anderes Stichwort ist „Querdenkergruppe“. Jeder, der Interesse hat, kann kommen, mitmachen und seine Meinung, beispielsweise bei baulichen Maßnahmen, beim Kirchengemeinderat vortragen. „Offenheit ist ganz wichtig – Leute einladen, die eigentlich nicht zur Kirche gehören“, so Koppe-Bäumer. Seelsorge für alle ist ein weiteres Thema. Eine weltliche Trauerfeier darf dann in der Kirche stattfinden, wenn ein Pfarrer dabei ist, ein kurzes Gebet sprechen darf und am Ende mit dem Segen abschließt. „Meistens geht das gut. Es kommt aber auch vor, dass sich dann alle dem Pfarrer beim Segen den Rücken zuwenden.“ Auf Prozesse einlassen, ohne dass man weiß, wie sie enden. 

Die Pfarrerin erzählte auch von einem sogenannten „Pilgerweg im Zwölf-Kirchenland“. Die Bedingung für Aktionen dort ist es, dass sich immer mindestens zwei Ehrenamtliche finden, die mitmachen. Von Dorf zu Dorf beteiligt sich die Kirche an bestimmten Aktionen vor Ort und sucht sich geistige Momente heraus. 

So entstand dort beispielsweise ein Männerchor, hauptsächlich mit Männern, die nicht zur Kirche gehören. Man hat die Schwelle überwunden, konfessionslosen Zutritt zu ermöglichen. “Ihr seid willkommen, auch wenn ihr nicht evangelisch seid“, lautet die Botschaft. Die Rolle des Pfarrers sei, sich zu vernetzen, Kontakte entstehen zu lassen, erklärte Koppe-Bäumer. 

„Die Tore stehen offen – das ist das Signal. Wir sind für alle da!“ Das hat die Pfarrerin als Fazit ihrer Reise mitgenommen und als richtungsweisend für die weitere Arbeit in der kommenden Zeit erkannt.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare