Suchtpräventionsprojekt: "Koks, Amphetamin, Dealen - und dann meine Verhaftung"

Patienten der LWL berichten Schülern aus ihrem Leben

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Ein Patient berichtet den Schülern über seinen Weg in die Sucht und in die forensische Psychiatrie.

Marsberg. Eigentlich hatte sich Benedikt sein Leben anders vorgestellt. Cooler. Erfolgreicher. Ein guter Job. Ein dickes Auto. Vielleicht mal Familie. Reisen. Die Welt stand ihm offen mit seinem 1,8er Abitur. Aber es kam alles anders. „Koks, Amphetamin, dealen – und dann meine Verhaftung“, sagt der 30-Jährige. Benedikt (*Name geändert) ist Patient des LWL-Therapiezentrums für Forensische Psychiatrie Marsberg – eine Fachklinik für suchtkranke und verurteilte Straftäter. Benedikt ist geschlossen untergebracht. Zusammen mit anderen Patienten erzählt er Schülern der Georg-Christoph-Lichtenberg-Schule aus Kassel, welchen Einfluss Drogen auf sein Leben genommen haben und wie sie ihn „hinter Gitter“ brachten.

„Die Geschichten unserer Patienten ähneln sich fast immer. Der Großteil von ihnen aber hat durch die Suchterfahrung selten einen Schulabschluss und noch seltener eine geschlossene Berufsausbildung“, weiß Dr. Mareike Schüler-Springorum, Ärztliche Direktorin des LWL-Therapiezentrums für Forensische Psychiatrie Marsberg. Sie und ihr Team zeigen noch bis Ende Mai Schülern der achten Klasse in gesicherten Bereichen, welche Folgen der Missbrauch von Drogen im schlimmsten Fall haben kann: Wenn die Sucht in die Kriminalität führt und in den sogenannten Maßregelvollzug.

Im Mittelpunkt des Suchtpräventionsprojektes mit dem hessischen Gymnasium stehen Gespräche mit Patienten über Suchtentwicklung, den Verlauf der eigenen kriminellen Karriere bis hin zum Stationsalltag im Maßregelvollzug. „Erfahrungsgemäß beeindruckt dies die Schüler am nachhaltigsten“, sagt Schüler-Springorum.

Aus Konsum wurde schnell Kriminalität

Als Benedikt mit den Drogen anfing, war er kaum älter als die Schüler, die heute vor ihm sitzen und ihm aufmerksam zuhören. „15. Man, ich war cool. Ich machte Breakdance, rappte. Kiffen? Klar, das gehörte dazu. Irgendwie machten das ja fast alle in der Szene“, erzählt er rückblickend. Aber während es für die anderen eine Nebensache geblieben sei, habe sich seine ganze Welt bald nur noch um die Drogen gedreht. Und die wurden härter und teurer; Benedikt wurde maßloser und rücksichtsloser. Es folgten Drogenhandel, ein Tankstellenüberfall, Erpressung, schwere Körperverletzung – und dann Knast, Entzug und forensische Psychiatrie.

Heute sei sein Leben alles andere als cool. Fremdbestimmt. Überwacht. Benedikt ist wie die übrigen Patienten nicht freiwillig in der Maßregelvollzugsklinik mit der 5,50 Meter hohen Außensicherung. Der 30-Jährige ist von einem Gericht zu zehn Jahren Haft mit einer zusätzlichen Unterbringung in einer forensischen Entzugsklinik verurteilt worden. Letzteres sehe er als Chance. Weil er mittlerweile drogenfrei ist, seine Suchterkrankung und die nötige Therapie erkannt und akzeptiert hat, hat er sich erste Vollzugslockerungen erarbeitet – ein Ausgang unter Aufsicht.

„Wenn alles gut läuft, bekomme ich ab Sommer vielleicht die Möglichkeit, auch allein für ein paar Stunden die Klinik verlassen zu dürfen“, sagt Benedikt. Wie lange er nicht „draußen“ gewesen sei, möchte eine Schülerin wissen. Vier Jahre liege seine Verhaftung zurück. „Eine lange Zeit. Ich habe viel verpasst und das ist mir heute bewusst, dass ich selbst daran schuld bin und ich viele Menschen enttäuscht und verletzt habe. Lasst am besten die Finger von Drogen, wenn euch was angeboten wird. Geht einfach weg. Es ist so gar nicht cool“, appelliert er an die Schüler.

Dr. Mareike Schüler-Springorum (Mitte) informierte 50 Schüler und und die Lehrer Liliane Frackenpohl und Jakob Sievers über den Maßregelvollzug.

„Es ist spannend, beeindruckend, aber auch irgendwie traurig, diese Geschichten hier zu hören“, sagt Jana (14), die vor dem Betreten der Klinik sehr nervös gewesen sei. Gefängnisse kannte die Schülerin bislang nur aus dem Fernsehen, vom Maßregelvollzug hörte sie nun im vorbereitenden Unterricht zum ersten Mal.

Eigener Umgang mit Alkohol und Drogen

Liliane Frackenpohl, Beratungslehrerin an der Kasseler Georg-Christoph-Lichtenberg-Schule, hofft, dass Begegnungen wie diese die Schüler dazu bringt, verstärkt über den eigenen Umgang mit Alkohol und Drogen nachzudenken: „Wichtig ist, früh anzusetzen. Mit 13, 14 haben die meisten noch keinerlei Kontakt zu Alkohol und Drogen. Aber das ändert sich später meist.“

Bereits seit einigen Jahren engagiert sich das LWL-Therapiezentrum für Forensische Psychiatrie Marsberg in der Suchtpräventionsarbeit und lädt immer wieder Schulklassen ein, um über die Gefahren von Alkohol- und Drogenkonsum zu informieren. „Uns ist es ein wichtiges Anliegen, aktiv in der Suchtprävention mitzuarbeiten und aufzuklären – insbesondere, da seit Jahren die Zahl der Patienten mit einer Suchtproblematik steigt“, weiß Schüler-Springorum. Gleichzeitig sei dies ein gutes Mittel, um für Verständnis und Akzeptanz für die Arbeit im Maßregelvollzug zu sorgen.

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