Ploy aus Bangkok ist zu Gast bei Familie Köchling in Marsberg

Positiver Kulturschock

Sie hat sich schon in Deutschland eingelebt und gehört zur Familie: Ploy (l.) aus Bangkok zu Gast bei Stefanie, Norbert und Luzia Köchling (v.l.). Foto: Patricia Bigge

Für ein ganzes Jahr jemand völlig Fremden bei sich aufnehmen? Jemanden, den man gerade mal von einem Foto kennt? Familie Köchling aus Marsberg hat sich auf dieses Experiment eingelassen.

Im Rahmen des Schüleraustauschprogrammes „Youth for Understanding“ (YFU) haben sie Ploy aus Bangkok, Thailand, für ein Jahr bei sich aufgenommen. Ihre älteste Tochter Johanna Köchling ist derweil in Michigan, USA, bei einer Gastfamilie. Nicht nur eine unvergessliche Erfahrung, sondern auch ein Kulturschock für alle Beteiligten.

„Unsere Tochter hat sich für das Parlamentarische Patenschaftsprogramm beworben und darüber sind wir an die Organisation YFU gekommen“, erzählt Stefanie Köchling. Das Parlamentarische Patenschafts-Programm (PPP) ist ein Stipendienprogramm des Deutschen Bundestages und des Kongresses der USA. Seit 1983 fördert es den Schüleraustausch zwischen den beiden Ländern. Pro Wahlkreis wird jedes Jahr ein Stipendium vergeben. Ausgewählt werden die Stipendiaten durch einen Bundestagsabgeordneten, der während des Austauschjahres die Patenschaft für den Stipendiaten übernimmt. Das PPP-Stipendium ist im Rahmen von sechs Austauschorganisationen möglich, eine von ihnen ist „Youth for Understanding“ (YFU).

YFU ist ein gemeinnütziger Verein, der sich vor allem auf die Arbeit Ehrenamtlicher stützt und sich als Ziel gesetzt hat, Gastfamilien und Jugendlichen die Möglichkeit zu geben andere Kulturen hautnah zu erleben. 1957 gründete sich die Organisation. Zunächst gab es lediglich einen Schüleraustausch zwischen den USA und Deutschland, inzwischen sind über 40 Länder beteiligt.

Nachdem feststand, dass Johanna Köchling in die USA gehen und ein Zimmer im Haus frei werden würde, war klar, dass „wir auch jemandem die Möglichkeit geben ins Ausland zu gehen“, so Norbert Köchling. Das sei aber kein Muss. Man könne auch nur jemanden aufnehmen oder nur jemanden wegschicken.

Keine Probleme bei der Verständigung

Aus vier Profilen haben sich Stefanie, Norbert und ihre jüngere Tochter Luzia Köchling dann Tritdhamon Chanthanapaiboon, Rufname Ploy, ausgesucht. Seit Ende August ist die 16-Jährige aus Bangkok nun in Marsberg. Probleme bei der Verständigung gab es bisher nicht, da „Ploy sehr gut deutsch und perfekt englisch spricht“, erzählt die Familie. Und mit der Schule habe alles problemlos geklappt, sagt Norbert Köchling. „Wir haben Glück, dass das Gymnasium bilingual ist. Einige Fächer werden auch in Englisch unterrichtet. Da ist der Einstieg für andere schwerer“, so der Gastvater.

Am Anfang habe sie etwas Heimweh gehabt, verrät Ploy, aber inzwischen sei das kein Problem mehr. Deutschland habe sie sich ausgesucht, da sie „die Sprache und die Kultur kennenlernen“ möchte.

Einen positiven Kulturschock gab es auch schon für Gast und Gastfamilie. Statt einer Umarmung zur Begrüßung, wie in Deutschland, werden in Thailand die Hände vor der Brust zusammen gehalten und sich mit dem Kopf nach vorne gebeugt. Auch das Drücken des Knopfes, um über eine grüne Ampel zu gehen, gibt es in Thailand nicht. Vor allem auch alltägliche Dinge wie Mülltrennung und Pfandflaschen wurden Ploy erklärt, denn das gibt es so ebenfalls in Thailand nicht.

In Thailand werden dagegen „die Älteren mehr respektiert“, erzählt die Gastschülerin. „Reis und scharfes Essen“ vermisse sie, aber dafür sei in Deutschland die Schule „lockerer“ und auch das Verhältnis zwischen Schülern und Lehrern sei „freundlicher“ als in ihrem Heimatland. „Man reflektiert das eigene Heimatland auch nochmal ganz anders“, so Stefanie Köchling. Viele Kulturunterschiede, die es zu verarbeiten gilt, aber „wenn alle respektvoll miteinander umgehen, wird das schon klappen“, da ist sich Norbert Köchling sicher.

Betreuung durch die Organisation

Vor dem Austausch werden sowohl Austauschschüler als auch Gastfamilien durch die Organisation YFU gut vorbereitet auf das, was kommen wird und darauf, dass es auch Probleme geben könnte aufgrund der Kulturunterschiede. Während des Austauschprogramms gibt es zudem mehrere Treffen, an denen andere Gastfamilien mit ihren Austauschschülern teilnehmen, um Erfahrungen auszutauschen. Auch haben Gast und Gastfamilie einen Ansprechpartner, der ihnen während des gesamten Austausches zur Seite steht. „Das gibt ein großes Sicherheitsgefühl“, so Stefanie Köchling.

Ein Tipp der Organisation ist, sich nicht zu verstellen, sondern das Familienleben normal weiterzuführen. Und das macht Familie Köchling auch, zumal „Ploy quasi schon zur Familie gehört“, da sind sich alle einig.

Familie Köchling ist sich sicher: „Es ist gut, dass wir das gemacht haben und wir würden es jedem empfehlen sich zu trauen und das auch zu machen“, so Norbert Köchling. Und auch Luzia Köchling überlegt an dem Programm teilzunehmen und einen Auslandsaufenthalt für ein Jahr zu machen. Das werden bestimmt auch wieder eine interessante Erfahrung und ein positiver Kulturschock zugleich sein.

Weitere Informationen zum gemeinnützigen Verein „Youth for Understanding“ (YFU) gibt es im Internet unter www.yfu.de. (Von Patricia Bigge, marsberg@sauerlandkurier.de)

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