Teufelskreislauf von Stress

Psychotherapeut Florian Bredt referiert auf Einladung der kfd Marsberg zu Mediensucht und Cybermobbing

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Wie viel Medienkonsum ist noch im Rahmen und dem Alter angemessen? Zu diesem brisanten Thema, das immer stärker in den Fokus der Gesellschaft rückt, fand kürzlich ein Vortrag statt. 

Marsberg. „Wann ist die Mediennutzung von Kindern und Jugendlichen gut, wann ist sie riskant?“ Um diese Frage – und woran man erkennt, dass eine kritische Grenze erreicht wird – drehte sich der Vortrag des Sozialpädagogen und Psychotherapeuten Florian Bredt, zu dem die kfd Marsberg eingeladen hatte. Ein weiterer angesprochener Problembereich war das Thema Cybermobbing.

Mit den einleitenden Worten: „Wir tragen alle Verantwortung für unser Kind und müssen es vor Gefahren schützen“, traf der Referent sogleich den richtigen Nerv beim Publikum. Welcher Art diese Gefahren sind, illustrierte Bredt humorvoll mit einer bildlichen Darstellung der Evolution des Menschen vom Affen im Vierfüßler-Gang zum aufrecht gehenden Menschen – und von da ab, im Zeitalter des Smartphones, zurück in die gebeugte Haltung, bedingt durch das ständige Starren auf das Smartphone. In der Tat, so führte der Fachmann aus, verkümmere die Muskulatur, nähmen die organischen Schäden durch die Fehlhaltung sowie einseitige Belastung (Arm, Daumen, Augen) zu. Die extensive Mediennutzung führe auch zu Veränderungen in Gehirnarealen. Auch in der Psyche und im Sozialverhalten hat der extensive Gebrauch Auswirkungen. Mediensüchtige zeigten Gehirnströme, ähnlich von Cannabis-Konsumenten.

Der Referent und Psychotherapeut Florian Bredt illustrierte die gesellschaftlichen Veränderungen im Zeitalter digitaler Medien. 

Der Therapeut erklärte, was die Faszination von Computerspielen & Co. ausmacht. Er legte aber auch dar, dass es nicht darum geht, die Mediennutzung pauschal zu verurteilen. So gebe es viele sinnvolle Anwendungen. Er zeigte sowohl positive als auch negative Beispiele aus der Spiele-Welt. Gefährlich sei die Struktur mancher Spiele, die mit ihrem Belohnungssystem Spieler in eine extensive Nutzung lockten.

Richtzeiten für die Nutzung

Anschließend nannte der Referent die Diagnosekriterien, ab wann man von einem Suchtverhalten spreche: Exzessiver Konsum von mehr als 40 Stunden in der Woche, Vernachlässigen anderer Interessen und Hobbys, Überbewerten des Immersionserlebnisses bei gleichzeitiger Reduzierung der Realwahrnehmung, Verlust an Sozialkompetenz und dysfunktionale Problemlösung. Am augenfälligsten dürfte der Rückzug im sozialen Umfeld, der Verlust von Freundschaften sowie die Vernachlässigung der eigenen Körpergesundheit wie Ernährung und Hygiene sein.

Zumeist, so hat Bredt im Verlauf seiner therapeutischen Arbeit beobachtet, tritt Mediensucht im Zusammenhang mit anderen psychischen Erkrankungen auf, wie zum Beispiel Depressionen. Am meisten gefährdet seien Jugendliche im Alter von 14 bis 16 Jahren.

Der Referent nannte folgende Richtwerte: Kinder unter drei Jahren sollten überhaupt keine digitalen Medien konsumieren, Vier- bis Sechsjährige nicht mehr als 20 Minuten am Stück, Grundschulkinder maximal 45 Minuten am Stück – immer in Begleitung der Eltern. Bei 11- bis 13-Jährigen sind es maximal 60 Minuten – hier könne man schon Wochenbudgets von neun bis zwölf Stunden vereinbaren. Bei älteren Jugendlichen solle man gemeinsam die Nutzungszeiten vereinbaren. Auffällig sei, so Bredt, dass es überwiegend Jungen sind, die ihm vorgestellt werden, obwohl Mädchen nachweislich ebenso starke Konsumenten seien. Möglicherweise hänge dies mit dem unterschiedlichen Nutzungsverhalten zusammen. So nutzten Mädchen mehr die sozialen Foren, Jungen interessierten sich stärker für Computerspiele.

Wie bei jeder anderer Suchterkrankung auch, stehe am Anfang meist eine Verleugnung und Verdrängung des Problems. Hier ein Bewusstsein zu schaffen, sei der erste Schritt. Auf Internetseiten wie www.ins-netz-gehen.de könne man einen Selbsttest machen. Zumeist seien es Lehrer und Erzieher, denen eine Veränderung beim Jugendlichen auffällt, interessanterweise eher als den Eltern, die selbst häufig das Verhalten beschönigen würden und wenig Problembewusstsein zeigten; unter anderem vielleicht auch, weil ihre eigene Mediennutzung nicht viel besser ist.

Es war eher die Generation der Großeltern, die der Einladung zum Vortrag über Mediensucht gefolgt war.

Auffällig war, dass an dem Vortragsabend weniger Eltern als vielmehr Großeltern der Einladung gefolgt waren. Maria-Regina Iskenius-Müller vom Vorstand der kfd äußerte sich etwas enttäuscht über das geringe Interesse; immerhin war die Veranstaltung bewusst als Angebot an jüngere (sowie potenzielle) kfd-Mitglieder konzipiert worden.

Medienkonsum stark gestiegen

Ob es möglicherweise damit zusammenhängt, dass die Elterngeneration inzwischen selbst längst zur „Generation Smartphone“ gehört? Bredt machte auf ein weiteres interessantes Phänomen aufmerksam; die sogenannten „Silver Gamer“, Menschen ab 60, die Computerspiele für sich entdecken und die längst für die Spielehersteller eine lukrative Konsumentengruppe darstellen.

Mediensucht ist bei Weitem nicht mehr nur ein Problem von Jugendlichen, es ist ein allgemeines gesellschaftliches Phänomen geworden. Die Fragen aus dem Publikum zeigten, dass auch die Großelterngeneration längst im digitalen Zeitalter angekommen ist.

Empfohlene Internetadressen: www.klicksafe.de oder www.internet-abc.de. Hier gibt es auch weitere Links.

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