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"Russlands Traum": Experte Dr. Reinhard Krumm wirbt für eine andere Wahrnehmung

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Von: Kristin Sens

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Der Russland-Kenner Dr. Reinhard Krumm (Mitte) referierte auf Einladung von MdB Dirk Wiese (li.) und dem Kulturring-Vorsitzenden Klaus Dropmann in Marsberg über seinen Russland-Essay.
Der Russland-Kenner Dr. Reinhard Krumm (Mitte) referierte auf Einladung von MdB Dirk Wiese (li.) und dem Kulturring-Vorsitzenden Klaus Dropmann in Marsberg über seinen Russland-Essay. © Kristin Sens

Marsberg – „Das ist etwas Neues für unseren Kulturring, denn erstmals haben wir eine Autorenlesung in unser Programm aufgenommen, erklärte Klaus Dropmann bei der Begrüßung. Der Historiker und Politikwissenschaftler Dr. Reinhard Krumm, der lange Zeit in Russland gelebt und gearbeitet hat, stellte in Marsberg seinen Essay „Russlands Traum“ vor.

Offensichtlich wurde das Neue gut angenommen – rund 50 Zuhörer fanden sich an diesem Samstagmorgen im Bürgerhaus ein. „Das Buch befasst sich nicht mit der politischen Seite Russlands, sonder es versucht, uns Russland näher zu bringen“, erklärte MdB Dirk Wiese in seiner Einführung. „Wer Russland verstehen will, der muss sich entspannen“, zitierte er aus der Publikation von Dr. Krumm.

Weitgehend von Klischees geprägt

Streng genommen, handelte es sich nicht um eine Lesung, sondern um einen Vortrag zu den wichtigsten Thesen seines Essays. „Das Buch lesen, können Sie selber“, entschied der Referent. „Wir erfahren sehr viel über den Staat, setzen Russland mit seinem Präsidenten gleich – aber das können wir nicht machen“, erklärte Krumm den Zuhörern. In Deutschland habe man enge Verbindungen zu Russland, doch sei das Denken weitgehend von Klischees geprägt. „Wir lassen die Gesellschaft außen vor“, so der Vortragende. Motivation für das Buch sei gewesen, einen anderen Schwerpunkt zu setzen, „Viele glauben, die Gesellschaft hätte in Russland nichts zu sagen – aber ist das wirklich so?“, fragte er.

Krumm ging der Vorstellung auf den Grund, dass einem starken Staat eine schwache Gesellschaft gegenüber steht – und fragte sich, wie dann Russland als Einheit habe überleben können. „Es muss etwas geben, dass Russland über den Staat hinaus zusammenhält“, so seine Theorie. 

Im Anschluss an den Vortrag konnten sich Zuhörer das Buch „Russlands Traum“ von Dr. Reinhard Krumm signieren lassen.
Im Anschluss an den Vortrag konnten sich Zuhörer das Buch „Russlands Traum“ von Dr. Reinhard Krumm signieren lassen. © Kristin Sens

In der Folge begab er sich auf Spurensuche, was „Russlands Traum“ sein könne – vergleichbar zu dem, was man als amerikanischen oder europäischen Traum verstehe. Eine aktuelle Umfrage habe zutage gebracht, dass die Menschen in Russland, neben einem besseren Leben, weniger Ungleichheit und einem Minimum an sozialer Unterstützung, sich vor allem Freiheit wünschten. 

Das erscheine auf den ersten Blick absurd, es sei das Letzte, was wir von Russland erwarteten. „Aber es gibt in Russland eine absolute, anarchistische Freiheit - und die wird vom Staat geduldet, solange sie nicht politisch ist“, hob der Referent hervor. Bei der Größe des Landes und einer Gesamtbevölkerung von über 140 Millionen sei es dem Staat nicht möglich, alles zu kontrollieren. „Man kann in Russland sein Ding machen“, so Krumm salopp. Auch wenn die Bevölkerung aus westlicher Sicht einem unfrei erscheine, so sei das heutige Russland doch das freieste Land, dass die Russen je erlebt hätten, behauptete Krumm – und verwies auf das Recht auf Eigentum, Reisefreiheit und Bildungschancen. Im Grunde würden die Menschen dort nicht anders „ticken“ als wir, aber sie blickten auf eine andere Geschichte zurück. „Es gibt Wurzeln, warum Präsidenten so handeln wie sie handeln“, erklärte Krumm. 

„Übersetzer“ nicht "Versteher"

Als „Russland-Versteher“ gelte man schnell als jemand, der Russland verteidigen wolle. Daher sehe er sich selbst eher als „Übersetzer“, betonte er. Unsere verzerrte Wahrnehmung liege unter anderem an dem Medien, die ein zu einseitiges Bild von Russland zeichneten.

Die meisten Beiträge aus dem Publikum in der sich anschließenden Fragerunde machten deutlich, dass sich hier eine interessierte und teils gut informierte Zuhörerschaft versammelt hatte; auch einige Russland-Auswanderer waren der Einladung gefolgt. Unter den Zuhörern befanden sich auch die beiden stellvertretenden Bürgermeister Johannes Wüllner und Bernd Dinkelmann – sozusagen als „Doppelspitze“, wie Dropmann scherzhaft anmerkte – sowie einige Ortsbürgermeister. 

Der gebürtige Hamburger Dr. Reinhard Krumm ist zurzeit Leiter des Wiener Regionalbüros der Friedrich-Ebert-Stiftung für Zusammenarbeit und Frieden in Europa. Zustande gekommen war die Veranstaltung in Kooperation mit MdB Dirk Wiese, in seiner Funktion als Russlandbeauftragter der Bundesregierung. Einen Tag zuvor hatte Krumm in Brilon an einer Gesprächsrunde mit dem MdL Matthias Platzeck, Vorstandsvorsitzender des Deutsch-Russischen Forums, teilgenommen.

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