Alkoholproblem mehr in die Öffentlichkeit rücken

„Schwarzer Teufel“ im Nacken: Der Freundeskreis Suchtkrankenhilfe ist seit 33 Jahren in Marsberg aktiv

Zum Grillen trifft sich der Freundekreis Suchtkrankenhilfe jeden Sommer am Diemelsee.

Marsberg. Der Konsum von Alkohol gehört für viele Sauerländer zu einem ordentlichen Fest dazu – für einige Menschen birgt das fatale Risiken; sie rutschen in die Abhängigkeit. Gut, dass es für Betroffene Selbsthilfegruppen gibt, wie zum Beispiel den Freundeskreis Suchtkrankenhilfe in Marsberg. Alkoholsucht ist leider immer noch ein Tabuthema, obwohl es kaum eine Familie mit nicht mindesten einem Betroffenen gibt. Der Freundeskreis möchte das Problem mehr in die Öffentlichkeit rücken.

Dabei gehe es nicht darum, für ein generelles Verbot an Suchtmitteln einzutreten, sondern deren Zugänglichkeit zu erschweren. Wichtig ist vor allem aber, auf die eigene Arbeit aufmerksam zu machen, zu zeigen, dass Hilfe in erreichbarer Nähe ist. Das große Plus von Selbsthilfegruppen ist, dass hier Menschen zusammenkommen, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben und authentisch unterstützen können, ohne zu moralisieren.

Rund 30 Mitglieder hat die Marsberger Gruppe zurzeit, auch aus dem Briloner Raum sind welche dabei, einer kommt sogar aus Rüthen. Darunter sind auch etliche Angehörige von Betroffenen. „Für uns gehören die Familien, aber auch die persönlichen Freunde oder Arbeitskollegen mit dabei“, erklärt der Erste Vorsitzende Norbert Gerlach. Er ist Mitglied der ersten Stunde, im vor 33 Jahren durch Heinrich Lachenicht gegründeten Verein.

Er weiß aus eigener Erfahrung, wie wichtig es ist, dass man beim und vor allem nach dem Entzug von jemanden unterstützt wird, dem man vertraut. Denn auch ein „trockener“ Alkoholiker ist niemals geheilt. Eine winzige Menge Alkohol, sei es in der Schokolade, in einem Kuchen oder einer Sauce, sowie sogar in alkoholfreien Getränken, können dazu führen, dass der „schwarze Teufel Suchtgedächtnis“ sich wieder einschleicht. „Ein Rückfall beginnt schon lange vor dem Trinken“, weiß Gerlach.

Zum 25-jährigen Jubiläum fuhr der Freundeskreis Suchtkrankenhilfe Marsberg vor einigen Jahren in den Spreewald.

Während der Abhängigkeit können Angehörige nur machtlos zuschauen. Der Betroffene muss die Einsicht, dass er ein Problem hat und die Kraft und den Willen zur Therapie, selbst aufbringen. Danach ist aber das soziale Umfeld umso wichtiger. Nicht ohne Grund werden die Suchtkranken aus den Entzugseinrichtungen immer mit der dringenden Empfehlung entlassen, sich einer Selbsthilfegruppe anzuschließen.

Der Freundeskreis in Marsberg trifft sich jeden Montag um 19.30 Uhr im Evangelischen Jugendheim Marsberg (neben der evangelischen Kirche). „Was hier besprochen wird, bleibt im Kreis – davon wird nichts nach außen getragen“, betont Gerlach. Das Thema ist mit viel Scham verbunden; deshalb legen die Anonymen Alkoholiker zum Beispiel auch Wert darauf, unerkannt zu bleiben.

Gerlach hat für sich die Erfahrung gemacht, dass es besser ist, offen damit umzugehen. Er hängt es nicht an die große Glocke, aber wenn jemand ihn interessiert fragt, warum er beim Alkoholkonsum eine Null-Toleranz-Grenze einhält, dann klärt er denjenigen gerne auf. Am „normalen“ gesellschaftlichen Leben teilzunehmen, ist unbedingt wichtig. So lässt Gerlach kein Schützenfest aus, ist vor einigen Jahren sogar Schützenkönig geworden.

„Für das Trinken, den Abbau des Rausches, die Beschaffung von Nachschub, geht sehr viel Zeit und Geld drauf“, so Gerlach. Nach dem Entzug hat man plötzlich Zeit im Überfluss. Um hier nicht in ein Loch zu stürzen, mit der Gefahr eines Rückfalls, sei es sehr wichtig, sich neue Freizeitbeschäftigungen zu suchen. Gerlach zum Beispiel, hat für sich das Motorradfahren entdeckt.

Bei den wöchentlichen Abenden geht es nicht ausschließlich um persönliche Probleme: „Man kann nicht nur über Alkohol sprechen, das geht nicht“, sagt Gerlach. Es werde auch viel gelacht und über die Familien, die Arbeit oder den Urlaub geredet.

Gemeinsam aktiv die Freizeit gestalten

Im Sommer trifft sich der Freundeskreis zum Eis essen oder zum Grillen am Diemelsee und unternimmt Ausflüge und Reisen. Dann sind häufig auch Freunde und weitere Verwandte dabei, die Gruppe ist da sehr offen.

Der Freundeskreis ist zudem nicht auf Alkoholabhängige beschränkt, sondern setzt sich ebenfalls mit anderen Suchterkrankungen, wie Tablettenabhängigkeit oder Spielsucht, auseinander. „Sucht ist Sucht“, so Gerlach. Die Probleme seien, bis hin zu den körperlichen Symptomen, immer sehr ähnlich.

Der Freundeskreis leistet zudem wichtige Aufklärungsarbeit. Flyer werden in Arztpraxen ausgelegt, alle vier Wochen geht man auf die Entgiftungsstation der LWL Klink Marsberg und stellt die Selbsthilfegruppe vor. Auch die Suchtklinik Brilon Wald wird regelmäßig aufgesucht. Bei den von der LWL veranstalteten Präventionswochen für Schulen nehmen sie ebenfalls teil.

Mit anderen Selbsthilfegruppen, wie den AA zum Beispiel, trifft sich der Marsberger Freundeskreis mindestens einmal im Jahr zum Erfahrungsaustausch. Daneben gibt es Versammlungen mit anderen Freundeskreisen auf Bezirks- und Landesebene – die Marsberger sind Mitglied des bundesweit organisierten Verbandes Freundeskreise für Suchtkrankenhilfe. Der Landesverband bietet regelmäßig Fortbildungen und Seminare an und bildet Gruppenbegleiter aus.

Bei der Jahresversammlung des Vereins wurde vor Kurzem Michael Rehfeldt aus Marsberg zum neuen zweiten Vorsitzenden gewählt. Als Schriftführerin wurde Reinhild Kluck aus Alme in ihrem Amt bestätigt, Kassierer ist Helmut Gottlob.

Ansprechpartner beim Freundeskreis Suchtkrankenhilfe Marsberg ist Norbert Gerlach, Tel. 0 29 92 / 14 38, E-Mail: norbert_gerlach@yahoo.de. Weitere Selbsthilfegruppen sind in Korbach (Waldeck-Frankenberg) und im Paderborn-Wünnenberger Raum. Der Bundesverband sitzt in Kassel, Tel.  05 61/78 04 13, E-Mail: mail@freundeskreise-sucht.de.

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