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Stumme Zeugen der Erdgeschichte erwachen im Geologischen Garten zum Leben

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Von: Kristin Sens

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Geologischer Garten Giershagen Infozentrum
Der Geologische Garten komplettiert das Informationszentrum für Montanindustrie, Geologie und Bionik im Diemeltal bei Giershagen. Im Hintergrund der Pavillon mit seinen zwölf Schautafeln. © Kristin Sens

Mit der Fertigstellung vom Geologischen Garten Giershagen ist der letzte Baustein des Informationszentrums für Montanindustrie, Geologie und Bionik an der Freizeitanlage „Grube Reinhard“ eingefügt. 36 Steine – die jüngsten 10.000 bis 200.000 Jahre alt, die ältesten rund 350 Millionen Jahre – erzählen dort eine spannende und sehr, sehr alte Geschichte.

Giershagen – Das besondere: Alle ausgestellten Steine stammen aus der Gemarkung Giershagen oder der unmittelbaren Nachbarschaft.

„Giershagen hat eine ungewöhnlich große Dichte an unterschiedlichen Gesteinsarten“, erläutert Ortsheimatpfleger Reinhard Schandelle. Er beschäftigt sich seit vielen Jahren mit dem Giershagener Untergrund und entwickelte zum Beispiel auch den Themenweg „Bergbauspuren“ mit. Dabei fiel ihm die geologische Diversität auf und er begann nachzuforschen.

Er fand heraus, dass genau dort, wo heute Giershagen liegt, die geologischen Formatierungen das Münsterländer Kreidebeckens, des Rheinischen Schiefergebirges und der Hessischen Senke aufeinanderstoßen. In ihrer Schnittmenge sind Gesteinsformationen aus drei verschiedenen Erdzeitaltern, Devon, Karbon und Perm besonders präsent. Das Ergebnis ist ein wahrer Hotspot an Gesteinsarten, denn jede Formation weist zahlreiche Unterschichten auf. Versteinerte Urtierchen, Phosphatausfällungen organischen Ursprungs, vulkanische Aktivität, sinkende Meeresspiegel, Auffaltungen oder Klimaveränderungen: Die Entstehungsursachen sind so vielfältig wie die Steine selbst.

„Nachdem vor einigen Jahren das Kinderplanschbecken der Freizeitanlage Grube Reinhard stillgelegt wurde, entstand die Idee, dort einen überdachten Rast- und Treffpunkt für Wanderer und Naturfreunde zu schaffen“, erläutert Schandelle. Mit seiner Vielfalt an Möglichkeiten auch ein idealer außerschulischer Lernort, dachten sich die Aktiven vom Förderverein „Unser Giershagen“ und entwickelten ein Konzept für das Informationszentrum. Schnell war den Initiatoren klar, dass neben den Schwerpunkten Bergbau und Natur – die Anlage ist zugleich einer der Startpunkte des Bionikpfades – auch die Geologie eine zentrale Rolle spielen soll. Zwei Jahre lang recherchierte Schandelle, um sich ein Bild der geologischen Landkarte Giershagens zu verschaffen und Exemplare der einzelnen Gesteinsarten aufzuspüren.

Die Steine erzählen ihre Geschichte – aber man braucht einen Dolmetscher, der sie liest und erklärt.

Ortsheimatpfleger Reinhard Schandelle

„Noch viel aufwändiger, ja manchmal richtig abenteuerlich, war es, die Steine zu bergen“, berichtet Schandelle. Neben Sackkarren und Fleischerwannen, in denen die tonnenschweren Brocken abgeseilt und abtransportiert wurden, kam auch schweres Gerät wie Holzrückefahrzeuge im unwegsamen Gelände zum Einsatz.

Grundriss des Geologischen Gartens ist die Kartierung der Gemarkung Giershagen. In unterschiedlichen Farben sind darauf die diversen Gesteinsformationen in ihrer geografischen Lage dargestellt. Die Gesteinsexemplare wurden dann an der Stelle ihres jeweiligen Fundortes montiert. Auf Plaketten steht der Name der Gesteinsart, auf Infotafeln ist alles Wissenswerte zur Geologie Giershagens nachzulesen und mit Schaubildern illustriert.

„Die Steine erzählen ihre Geschichte – aber man braucht einen Dolmetscher, der sie liest und erklärt“, sagt Schandelle. Deshalb ist geplant, Audiotexte zu entwickeln, auf denen die Steine selbst zu Wort kommen. Über QR-Codes auf den Steinen könnte man sie gezielt abrufen. Allerdings ist bisher im Diemeltal nur schlechter Netzempfang.

Der Geologische Garten möchte in erster Linie Laien für die regionale Erdgeschichte interessieren – und mittels seiner Anschaulichkeit vielleicht auch begeistern – aber auch Fachleute, so Schandelle, hätten sich bereits beeindruckt gezeigt, angesichts der Seltenheit mancher Fundstücke.

Umgesetzt wurde das ganze Projekt mit viel Engagement und hohem Anteil an Eigenleistung und Geld durch den Förderverein „Unser Giershagen“. Weit über 1000 Stunden Arbeitseinsatz leisteten die Ehrenamtlichen. Die Gesamtkosten betrugen rund 65.000 Euro. Die Stadt Marsberg und das Leader-Regionalmanagement Hochsauerland unterstützten die Maßnahme. Rund 36.700 Euro betrug der Förderanteil aus EU-Mitteln des Leader-Programms.

Offizielle Einweihung verschoben

Eigentlich sollte am morgigen Sonntag das Informationszentrum mit seinem Geologischen Garten eingeweiht und offiziell seiner Bestimmung übergeben werden. Die ungünstigen Wetterprognosen ließen die Veranstalter aber entscheiden, die Feier zu verschieben. Auch die am selben Tag geplante traditionelle Abschlusswanderung des Fördervereins fällt aus – anlässlich der Eröffnung sollte es eine Wanderung mit wissenschaftlicher Begleitung zu den verborgenen Steinbrüchen bei Giershagen werden.

In Anbetracht der Hunderte von Millionen Jahren Erdgeschichte – der Mensch ist dabei, wenn man sie auf den Ablauf eines Jahres überträgt, erst in der Silvesternacht auf der Bildfläche erschienen – sind einige Wochen Aufschub erträglich. Die Steine jedenfalls warten geduldig.

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