Unicef-Studie: Deutscher Nachwuchs sehr unzufrieden – Marsberger Experte: „Da ist was dran“

Unglückliche Jugend?

Glückliche Kinder scheint es in Deutschland laut einer Studie immer weniger zu geben. Foto: Alfred Heiler/Pixelio

Die Medien berichteten diese Woche über eine neue Unicef-Studie, wonach Kinder und Jugendliche in Deutschland unglücklicher sind als in anderen Industrieländern.

Der Sauerlandkurier wollte wissen, ob Fachleute in Marsberg, die viel mit jungen Menschen zu tun haben, diesen Eindruck bestätigen.

Von Kristin Sens, Jana Sudhoff

Materiell geht es Kindern und Jugendlichen in Deutschland meist besser als in vielen anderen Ländern der Welt. Auch ihr Lebensumfeld hat sich verbessert. Sie leben gesünder, zeigen gute Schulleistungen und sind seltener gewalttätig. Trotzdem sind sie offenbar unglücklicher als Kinder in anderen Staaten. Jeder siebte Jugendliche sei mit sich und seiner persönlichen Lebenssituation unzufrieden, heißt es in der Studie. Damit liegen sie nur auf Platz 22 von 29 analysierten Ländern. Die glücklichsten Kinder sollen in den Niederlanden leben.

Untersucht wurde das Wohlergehen der Kinder und Jugendlichen in den vergangenen sechs Jahren. Dabei wurden die materielle Situation, Gesundheit und Sicherheit, Verhalten und Risiken, Bildung sowie Wohnen und Umwelt unter die Lupe genomen. Befragt wurden mehr als 176.000 Kinder und Jugendliche im Alter zwischen elf bis 15 Jahren, in Deutschland waren es rund 5000.

Leistungsdruck in der Schule

Gemeindereferent Manuel Franke vermutete spontan, dass der Leistungsdruck in der Schule sowie die vielen Termine in der Freizeit dafür verantwortlich sind, dass Kinder und Jugendliche unzufriedener sind als früher. „Sobald die Kinder einmal aus diesen Zwängen aussteigen können, wie zum Beispiel bei Freizeiten oder in Zeltlagern, wirken sie sehr viel glücklicher und ausgelassener“, hat er beobachtet. In ihrem alltäglichen Umfeld dagegen seien sie weniger bereit, sich auf Neues und Unbekanntes einzulassen. Die zeitliche Begrenzung mache es schwieriger, sich für eine der vielen Alternativen zu entscheiden und dann auch sicher sein zu können, dass es die richtige ist. Ständig stünde die Angst dahinter, man könne dabei etwas Wesentliches verpassen. „Das mindert den Glücksfaktor enorm“, glaubt Franke.

Auch Dr. Falk Burchard, Chefarzt der Kinder- und Jugendpsychiatrie in Marsberg, sagt über die Studie: „Da ist was dran.“ 40 Prozent mehr Krisenaufnahmen hatte die Einrichtung 2012 als 2011. Täglich kommen mehrere Kinder und Jugendliche mit akuten Krisen nach Marsberg. Und auch schon Neun- und Zehnjährige haben Suizidversuche oder -ankündigungen hinter sich. Eine ganze Reihe von möglichen Ursachen bringt der Chefarzt ins Spiel. Die Zahl der Alleinerziehenden nehme zu. Lastet die Verantwortung auf nur einer Schulter, können Probleme – etwa wirtschaftliche Sorgen – schnell zu einer Familienkrise werden. Familie ist als soziale Einheit heute auch nicht mehr so tragfähig wie einst. Hinzu komme der schulische Druck, nicht zuletzt durch das Abitur nach zwölf Jahren. Die Verunsicherung und Angst in der Gesellschaft – unter anderem ausgelöst durch die Wirtschaftskrise – geben Erwachsene an die Kinder weiter, bei denen die Angst vor der Zukunft und der Erfolgsdruck zunehmen. Auch Mobbing und speziell Cybermobbing haben einen großen Stellenwert. Ferner ist die Schullandschaft im Umbau. Die daraus resultierende „Zwischensituation“ etwa an Hauptschulen würde sich in einer „schlechteren Versorgung“ niederschlagen. „Der Staat muss mehr Verantwortung übernehmen“, fordert Dr. Burchard. Schule müsse beispielsweise noch mehr zum sozialen Zentrum werden.

Karin Stolp, Leiterin der Realschule in Marsberg, zeigte sich hingegen überrascht von dem Ergebnis der Studie. „Aus meinem persönlichen Umfeld heraus kann ich das nicht bestätigen“, sagt sie. „Ich habe nicht den Eindruck, dass wir besonders unglückliche oder depressive Schüler hier hätten, oder dass es mehr Schüler als früher gibt, die die Flügel hängen lassen.“ Sie meinte aber auch, dass sie diese Aussage nur unter Vorbehalt machen könne, da sie bisher keine fundierten Untersuchungen dazu gemacht habe.

Der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie (DGKJP), Gerd Schulte-Körne, macht in einem Medienbericht die Ursachen für das Unglücklichsein noch in einem weiteren Bereich aus: „Kinder müssen heute andere gesellschaftliche Aufgaben und Verantwortungen übernehmen als früher und sind damit häufig überfordert.“ Als Beispiel nennt Schulte-Körne Scheidungen der Eltern. Die Belastungen aus solchen Trennungssituationen seien schwierig zu verarbeiten. Schulte-Körne zufolge leiden bis zu 18 Prozent der Jugendlichen in Deutschland an Depressionen, vor 20 Jahren waren es nur halb so viele.

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