Projekt „100 Äcker für die Vielfalt“

Unscheinbare Perlen: Acker bei Giershagen bietet seltenen Wildkräutern geschützen Lebensraum

Verborgene Schönheiten mit klingenden Namen: Viele Ackerwildkräuter, wie hier das Acker-Wachtelkraut, sind bedroht und stehen auf der Roten Liste.
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Verborgene Schönheiten mit klingenden Namen: Viele Ackerwildkräuter, wie hier das Acker-Wachtelkraut, sind bedroht und stehen auf der Roten Liste.

Sie sind unscheinbar, wirtschaftlich irrelevant und für Landwirte eher störend: Ackerwildkräuter haben es nicht leicht und so ist ihr Vorkommen bedroht. Dabei haben sie – letztendlich auch für die Menschen – eine lebenswichtige Funktion, denn viele Insekten haben sich auf sie spezialisiert.

Giershagen – Fehlen sie, fehlen auch die Tiere, die am Anfang einer langen Nahrungskette stehen, welche in ihrer Komplexität noch lange nicht ausreichend erforscht ist. Und wenn man die Pflanzen, mit kundiger Hilfe, entdeckt, wird man feststellen: Sie sind wunderschön. Finden kann man solche Wildkräuter auf einem Acker am Kalkofen bei Giershagen, der nun offiziell als Schutzacker prämiert wurde.

Erste Schutzbemühungen gab es zwar schon in den 50er Jahren, aber erst seit Anfang der 70er gibt es beispielsweise in Nordrhein-Westfalen erste Programme zum Wildpflanzenschutz. Populär geworden ist inzwischen, dass man Ackerrandstreifen der Natur überlässt. Damit könne man aber nur auf circa einem Prozent der Äcker Wildpflanzen gedeihen lassen. „Das hilft uns nicht weiter – wir müssen in die Fläche gehen“, erklärte Dr. Stefan Meyer von der Georg-August-Universität in Göttingen. Er ist Projektleiter von „100 Äcker für die Vielfalt“, das durch die Deutsche Bundesstiftung Umwelt (DBU) gefördert wird. Das Projekt verfolgt seit 2009 das Ziel, ein nachhaltiges Schutzgebiets-Netzwerk zum Erhalt bedrohter Ackerwildkräuter in Deutschland umzusetzen. Mindestens 150 geeignete Ackerstandorte sollen in Kooperation von Landwirtschaft und Naturschutz für selten gewordene Ackerwildkräuter gesichert werden.

„Herausragender“ Kräuterbestand als Kriterium

Insgesamt gebe es rund zwölf Millionen Hektar Ackerflächen in Deutschland, davon würden rund ein Drittel bewirtschaftet, erläuterte Meyer. In Schutzäcker umgewidmet seien inzwischen rund 500 Hektar. Durch die engagierte Unterstützung von Behörden und Landwirten sei es gelungen, bisher mehr als 120 Ackerkomplexe langfristig für den Artenschutz im Lebensraum Acker zu sichern. „Wir haben uns die Perlen herausgesucht“, so Meyer. Wichtigstes Kriterium war ein „herausragender“ Kräuterbestand. Dann mussten ein dauerhafter Schutz, eine langfristige Bewirtschaftung für mindestens eine Generation (also die nächsten 25 Jahre) sowie ein Monitoring sicher gestellt sein.

Sehr beeindruckt von der Vielfalt seltener Wildkräuter auf diesem Schutzacker bei Giershagen waren: (von links) Dr. Reinhard Stock (DBU), Hiltrud Schmidt (Stv. Landrätin), Johannes Schröder, Richard Götte (beide VNV), Projektleiter Dr. Stefan Meyer und Sandra Pohlmeyer (Stv. Bürgermeisterin). 

Der Acker am Kalkofen bei Giershagen ist nun in diesen edlen Kreis aufgenommen worden. Entdeckt wurden seltene Ackerwildkräuter an diesem Standort Anfang der 80er durch Mitglieder des Vereins für Natur- und Vogelschutz im HSK (VNV). Damals habe der Acker einem Franz Lüdemann gehört. Als sie ihm von ihren Funden erzählten, soll er gesagt haben: „Ich bin dabei!“ Lüdemann soll sehr stolz auf seinen Acker gewesen sein und bei jeder Gelegenheit davon erzählt haben. Später gerieten die Flächen in andere Hände, die Bewirtschaftung wurde zeitweilig eingestellt und der wertvolle Bestand geriet in Vergessenheit. Schließlich gelang es dem Verein, Parzelle für Parzelle, die Fläche aufzukaufen. Seitdem pflegt und bewirtschaftet er sie. “Als wir die Fläche vor fünf Jahren erstmals umbrachen, waren wir begeistert, was da wieder zum Vorschein kam“, erinnert sich Richard Götte. Inzwischen habe man um die 20 Rote-Liste-Arten gefunden, wie Acker-Wachtelweizen, Rundblättriges Hasenohr, Acker-Rittersporn oder Echter Frauenspiegel.

Weniger Pflanzen bedeuten auch weniger Insekten. Es muss also dringend gehandelt werden. 

Sandra Pohlmeyer, Stellvertretende Bürgermeisterin Marsberg

„Als ich hierher zog, waren blühende Äcker mit Mohn oder Kornblumen noch selbstverständlich. Weniger Pflanzen bedeuten auch weniger Insekten. Es muss also dringend gehandelt werden. Umsomehr freue ich mich, dass wir hier vor Ort beitragen können.“, sagte Marsbergs stellvertretende Bürgermeisterin Sandra Pohlmeyer.

Auch die stellvertretende Landrätin des HSK Hiltrud Schmidt zeigte sich erfreut, dass das „sehr engagierte Projekt“ fortgesetzt wird. „Ein solches Projekt kann nur gedeihen, wenn Räder ineinandergreifen. Das funktioniert hier gut, dank des ehrenamtlichen Engagements des VNV.“

Dr. Reinhard Stock von der DBU betonte, dass es wichtig ist, von einzelnen Pilotprojekten zu geschützen Flächen zu kommen die miteinander verbunden sind. Das gehe nur wenn Naturschutz und Landwirtschaft zusammenarbeiteten – und wenn die Landeigner entsprechend vergütet würden. Positiv sei, dass man beim Thema Biodiversität inzwischen auf mehr Verständnis stoße.

„Als wir 2008 angetreten sind, waren die Rahmenbedingungen nicht gut“, erinnerte sich Meyer. Umso erstaunlicher sei es, dass vereinzelt noch Wildkräutersamen im Boden liegen, die nach 30, 40 Jahren anfangen zu keimen, sobald die Bedingungen stimmen.

Weitere Informationen zum Projekt gibt es unter www.schutzaecker.de

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