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LWL veröffentlicht Studie über Gewalterfahrungen von Kindern in Marsberg

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Eng und vollgestellt: Das Foto zeigt den Blick in einen Schlafsaal des Marsberger St. Johannes-Stifts, 1965. Foto: Privatbesitz Helmut Fahle
Eng und vollgestellt: Das Foto zeigt den Blick in einen Schlafsaal des Marsberger St. Johannes-Stifts, 1965. © Privatbesitz Helmut Fahle

Marsberg/Münster. Körperliche Gewalt, sexueller Missbrauch, Ruhigstellung durch Zwangsjacken und Medikamente, Einsperren in geschlossenen Räumen, demütigende Strafrituale, lieblose Behandlung – die jungen Bewohner des St. Johannes-Stifts in Marsberg erlebten das „Fachkrankenhaus für Jugendpsychiatrie“ in der Trägerschaft des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL) in der Nachkriegszeit als eine Stätte größten Leids und Unrechts.

Zu diesem Ergebnis kommt die jetzt veröffentlichte Studie „Psychiatrie- und Gewalterfahrungen von Kindern und Jugendlichen im St. Johannes-Stift in Marsberg (1945-1980). Anstaltsalltag, individuelle Erinnerung, biographische Verarbeitung“.

Verantwortung für die Vergangenheit

„Als Chef des Verbandes, der Träger der Kinder- und Jugendpsychiatrie in Marsberg war und ist, kann ich die dortige Nachkriegszeit nicht ungeschehen machen, sondern mich nur der Verantwortung für die Vergangenheit stellen. Vor allem die persönlichen Schilderungen der Betroffenen haben mich tief berührt. Viele der damaligen Patienten leiden noch heute unter ihren traumatischen Erfahrungen und Erinnerungen“, betont LWL-Direktor Matthias Löb. Die Ergebnisse des Forschungsprojekts wurden der Öffentlichkeit erstmals im Februar 2017 in Münster vorgestellt und liegen nun als Buch vor.

Das St. Johannes-Stift war in der Nachkriegszeit mit zeitweise mehr als 1100 Jungen und Mädchen die größte westfälische Anstalt ihrer Art. Wie die Untersuchung anhand eindringlicher Interview-Schilderungen von 19 Betroffenen belegt, herrschte dort jahrelang ein autoritäres Regime von Ärzten, Pflegern und Nonnen des Vinzentinerinnen-Ordens. Ergänzt durch Patienten- und Verwaltungsakten beleuchten die Autoren der Studie, die Historiker Prof. Dr. Franz-Werner Kersting vom LWL-Institut für westfälische Regionalgeschichte und Prof. Dr. Hans-Walter Schmuhl von der Universität Bielefeld, die Erfahrungen der Opfer. Außerdem zeigen sie die Rahmenbedingungen auf, die zu einer Subkultur der Gewalt im St. Johannes-Stift führten.

„Die Bedingungen, unter denen sich die Verwahrung, Pflege, Therapie, Erziehung, Beschulung und berufliche Ausbildung von Kindern und Jugendlichen mit geistigen Behinderungen, psychischen Erkrankungen und Erziehungsschwierigkeiten vollzogen, waren äußerst ungünstig“, beschreibt Kersting die damalige Situation. Die karge Einrichtung, die notdürftige Versorgung, der Personalmangel, die mangelhafte fachliche Qualifikation des Personals, die Überfüllung der Stationen und die Konzentration eines besonders schwierigen Klientels seien die Gründe dafür gewesen, warum das St. Johannes-Stift seinen Aufgaben als Fachkrankenhaus für Kinder- und Jugendpsychiatrie kaum gerecht werden konnte. „Insbesondere das Pflege- und Lehrpersonal sah sich einer permanenten Überforderungssituation ausgesetzt“, fügt Schmuhl hinzu. Die Zeitzeugeninterviews offenbaren ein breites Spektrum von Gewaltformen, darunter auch der missbräuchliche Einsatz von Medikamenten, vielfach ohne ärztliche Anweisung, in hohen Dosen und oft unter Zwang. Dagegen haben die beiden Historiker keine Anhaltspunkte für systematische Medikamententests oder -studien in der LWL-Einrichtung gefunden, wie sie andernorts im Herbst 2016 bekannt geworden waren.

Hintergrund: Die Betroffenen können Unterstützung durch die Stiftung „Anerkennung und Hilfe“ erhalten. Die Stiftung arbeitet seit Jahresbeginn 2017. Sie soll Menschen helfen, die als Kinder und Jugendliche in den 1950er bis 1970er Jahren in der Bundesrepublik Deutschland Leid und Unrecht in stationären Einrichtungen der Behindertenhilfe und der Psychiatrie erfahren haben. Die Stiftungsmittel von bundesweit 288 Millionen Euro tragen Bund, Länder und Kirchen, vergleichbar dem 2012 aufgelegten Entschädigungsfonds für ehemalige Heimkinder. Am Anteil des Landes Nordrhein-Westfalen beteiligt sich der LWL mit 1,6 Millionen Euro.

Anlaufstelle für Betroffene

Außerdem hat der LWL in Münster eine Anlauf- und Beratungsstelle für Betroffene eingerichtet (Kontakt: LWL Münster, Tel. 0 25 1/5 91-42 90). Für Nordrhein-Westfalen rechnen die Stiftungsverantwortlichen mit schätzungsweise 3300 Betroffenen. Bei der Anlauf- und Beratungsstelle bekommen die Betroffenen über Gesprächsangebote zur Aufarbeitung ihres Schicksals hinaus pauschale Geldleistungen von 9000 Euro. Eine zusätzliche Rentenersatzleistung von bis zu 5000 Euro kann erhalten, wer in einer Einrichtung „dem Grunde nach“ sozialversicherungspflichtig gearbeitet hat, ohne dass jedoch Sozialversicherungsbeiträge gezahlt wurden.

Mehr Infos unter http://www.stiftung-anerkennung-hilfe.de.

Info: Das Buch ist im Handel erhältlich: Franz-Werner Kersting, Hans-Walter Schmuhl: Psychiatrie- und Gewalterfahrungen von Kindern und Jugendlichen im St. Johannes-Stift in Marsberg (1945-1980) Anstaltsalltag, individuelle Erinnerung, biographische Verarbeitung. Ardey-Verlag, Münster 2018, 384 Seiten, Klappenbroschur, ISBN 978-3-87023-405-8, Preis: 24,90 Euro.

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