Eine spitze Nische gefunden

Wagyu-Rinderzüchter Christoph Willeke setzt auf Qualität und Nachhaltigkeit statt Masse

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Züchten die japanischen Wagyu-Rinder: Christoph Willeke und seine Partnerin Katrin Schütz.

Giershagen - Auf den ersten Blick sehen sie wie ganz normale Rinder aus, aber dann bemerkt man das seidig-glatte Fell, die tiefbraun-schwarze Färbung, die hübschen Köpfe. Neugierig und zutraulich beäugen fünf Kälber die Zweibeiner. Es sind japanische Wagyu-Rinder.

Ihre viel größeren Unterschiede verbergen sie aber unter der Haut: Das marmorierte Fleisch dieser Rinder gilt weltweit als das beste und gesündeste. Zwei junge Landwirte haben in Giershagen nun entschieden, neue Wege zu gehen und sich der Aufzucht und Vermarktung dieser Tiere angenommen. 

Christoph Willeke ist Wagyu-Rindern erstmals in Australien begegnet, wo er nach seinem Agrarstudium neue, praktische Erfahrungen sammelte. „Ein Nachbar der Farm, auf der ich arbeitete, hielt Wagyus und ich war von ihrer ruhigen, freundlichen Art sofort angefixt“, erzählt der 31-Jährige. Er informierte sich und entdeckte, dass dies eine Nische sein könnte, die für ihn infrage kommt. Er ist auf dem elterlichen Betrieb in Giershagen mit Kühen groß geworden und hat den ständigen Druck zur Expansion hautnah miterlebt. „Es gibt zwei Wege, die du heute als Landwirt gehen kannst: Entweder du gehst auf Masse – oder du suchst dir eine Nische“, erklärt er. 

Mit seiner Partnerin Katrin Schütz, die er während des Studiums kennenlernte, teilt er die Einstellung: Beiden ist ein guter Kontakt zu den einzelnen Tieren wichtig. „Schließlich hatte ich die ersten Embryonen gekauft, bevor ich so richtig wusste, was ich damit mache“, blickt Willeke zurück. „Wir haben sofort gespürt, dass das das Richtige für uns ist“, so Schütz. 

Freunde, Nachbarn, selbst die eigene Familie waren zunächst skeptisch. Sein Vater und sein ältester Bruder führen gemeinsam einen konventionellen Familienbetrieb mit Milchkühen. Aber sie unterstützen die „Jung-Unternehmer“. So können diese unter anderem die Stallungen und Geräte mit benutzen. „Das ist schön, so können wir, parallel zu unserer Zucht, allmählich mitwachsen und uns entwickeln“, freut sich Schütz. Beide betreiben ihr Unternehmen zunächst noch im Nebenerwerb. 

Leihmütter bringen Kälber zur Welt

Christoph Willeke arbeitet bei einem Zuchtbetrieb und hat so Zugang zu notwendigem Knowhow und kann Kontakte nutzen. Die Embryonen wurden Holsteiner Kühen des elterlichen Betriebs eingesetzt, welche diese als Leihmütter austrugen. Vorigen Sommer im August wurden die ersten eigenen Wagyu-Kälber geboren. „Der Vorteil dieser Herangehensweise ist, dass wir sofort Fullblood-Genetik haben und uns nicht erst an das Zuchtideal heranarbeiten müssen“, erläutert Schütz. Sie experimentieren aber auch mit Kreuzungen. Wagyu-Kälber sind kleiner und leichter als ihre heimischen Artgenossen, was die Geburt erleichtert. Bisher haben die Züchter noch keine Komplikationen erlebt. Inzwischen stehen die ersten Kälber des diesjährigen Jahrgangs als „Flaschenkinder“ im Stall, während ihre älteren „Geschwister“ sich bereits das frische Grün schmecken lassen. Bis zum Jahresende wollen die Wagyu-Züchter auf einen Bestand von 35 Tieren kommen. 

Wagyu-Kälber sind kleiner und leichter als ihre heimischen Artgenossen. Inzwischen stehen die ersten Kälber des diesjährigen Jahrgangs als „Flaschenkinder“ im Stall in Giershagen.

Mittelfristig verfolgen sie zwei Ziele: Eine eigene Zucht aufbauen und die Vermarktung des Fleisches. Dazu wollen sie auch weitere Betriebe in der Region mit ins Boot holen. Bisher gab es in der Nachbarschaft nur einen weiteren Betrieb, der diese japanischen Rinder hält. Die Giershagener haben nun aber ein eigenes Label gegründet: Wagyu Sauerland. – „Aus Leidenschaft. Und Liebe“, werben sie auf der Homepage und auf Flyern. 

„Marketing ist das A und O“, betont die 28-Jährige. Das ist der Vorteil der jungen Generation, sie ist versiert im Einsatz der sozialen, digitalen Medien. Darauf könnte auch zukünftig die Kooperation mit anderen Betrieben beruhen: Diese übernehmen die Aufzucht, die Giershagener die Vermarktung. Mit drei Jahren dauert das Erreichen der Schlachtreife bei den Wagyu doppelt so lang wie bei heimischen Arten. „Die aufwendigere Aufzucht ist es auch, was auf unserer Seite den Kostenfaktor in die Höhe treibt“, erläutert Willeke. Der hohe Preis – ein Kilo kostet, je nachdem, ob es Hüfte, Rumpf oder Filet ist, in der Regel zwischen 100 und 300 Euro – ist somit teilweise gerechtfertigt. Auch bei den Futtermitteln wird ein besondere Aufwand betrieben. So werden die Tiere überwiegend mit Gras, Heu und einer Getreidemischung gefüttert – unter Verzicht auf Maissilage und Sojaschrot, wie sonst üblich. 

„Im Grunde entspricht unsere Haltung der biologischen Landwirtschaft“, so Schütz. Auf das Etikett verzichten sie jedoch vorerst; der bürokratische Aufwand schreckt sie ab. Da sie als Direktvermarkter die Nähe zu den Kunden pflegen – so kann man entweder online über Blog, Facebook oder Instagram das Geschehen verfolgen oder persönlich den Betrieb besuchen, an Verkostungen teilnehmen und sogar ein Zertifikat für ein bestimmtes Tier erwerben – wäre das Vertrauen der Kunden ohnehin gegeben. 

Auch wenn sie noch keine eigenen Tiere schlachten können, so haben sie bereits, dank der Kooperation mit dem Nachbarbetrieb, mit der Vermarktung des Fleisches gestartet: Steaks, Filets, aber auch Burgerpatties sind im Angebot. Das Fleisch ist, dank seines genetisch bedingten, intramuskulären Fetts besonders saftig und zart. Zudem könne man noch viel mehr Teile des Tieres verwenden als beim herkömmlichen Rind. Dazu müsse man aber auch neue Schnitt-Techniken lernen. Der Schlachter muss sich also darauf einstellen. Bisher arbeiten sie mit einem Betrieb bei Kassel zusammen, der bereits über das notwendige Equipment und Know-how verfügt, zukünftig soll diese Aufgabe eine heimische Schlachterei übernehmen. 

Delikatesse für besonderen Anlass

„Das Fleisch ist nicht für den Alltag bestimmt, es ist eine Delikatesse für den besonderen Anlass“, betonen Willeke und Schütz. Das Wagyu ist zudem eine seltene Rasse, der Export neuer Genetik ist in Japan inzwischen verboten. Es wird also ein Nischenprodukt bleiben. 

„Eine sehr spitze Nische“, betont Schütz. Dennoch glauben die Jungunternehmer, dass der Markt hierzulande Wachstumspotenzial hat. Sie setzen auf das veränderte, am Tierwohl interessierte und gesundheitsbewusste Konsumverhalten der Verbraucher. Dass sie mit ihrer Geschäftsidee zu den drei Finalisten des diesjährigen Ceres-Awards gehören, beweist, dass der Weg erfolgversprechend ist.

Weitere Informationen gibt es im Internet unter www.wagyu-sauerland.de.

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