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„Wie ein großer Bruder“

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„Uns allen ein glückliches neues Jahr“ steht auf dem Flipboard in Tigrigna. Amanuel Oqubagabr (Mitte) ist erleichtert, im Kirchenasyl in Sicherheit zu sein. Die Pfarrersfamilie (links: Markus Pape und seine Frau Jutta, in der Mitte die Kinder Till, Julius und Silas), Jörg Schünemann vom Prebyterium (re.) und Freunde wie Temesgen Tigabu (re.) sorgen dafür, dass ihm nicht langweilig wird.  Foto: Kristin Sens
„Uns allen ein glückliches neues Jahr“ steht auf dem Flipboard in Tigrigna. Amanuel Oqubagabr (Mitte) ist erleichtert, im Kirchenasyl in Sicherheit zu sein. Die Pfarrersfamilie (links: Markus Pape und seine Frau Jutta, in der Mitte die Kinder Till, Julius und Silas), Jörg Schünemann vom Prebyterium (re.) und Freunde wie Temesgen Tigabu (re.) sorgen dafür, dass ihm nicht langweilig wird. Foto: Kristin Sens

Der sechsjährige Silas liegt zappelnd auf dem Sessel und wird von Amanuel durchgekitzelt – wie Geschwister oder ziemlich gute Freunde sich nun einmal kappeln.

„Er ist wie ein großer Bruder für meine Jungen“, erläutert Pfarrer Markus Pape lächelnd. Seit dem 12. Dezember befindet sich Amanuel Oqubagabr im Gemeindehaus der evangelischen Kirche in Bredelar im Kirchenasyl. Der junge Eritreer, der im Flüchtlingswohnheim in Marsberg untergebracht war, ist von der unmittelbaren Abschiebung bedroht.

Anfang Dezember bekam der 23-Jährige ein Schreiben, dass er Deutschland binnen zwei Wochen verlassen müsse, weil er zuerst in dem EU-Land Italien registriert worden ist. Nach dem europäischen Asylabkommen hätte er dort Asyl beantragen müssen. „Wie aber alle aus den täglichen Nachrichten wissen, ist Italien als EU-Grenzland mit den Flüchtlingsströmen völlig überfordert und nicht in der Lage für eine menschenwürdige Behandlung der Flüchtlinge zu sorgen“, erklärt Pape.

Bereits vorher hatte sich das evangelische Presbyterium in Marsberg Gedanken gemacht, wie man damit umgehen wolle, sollte jemand aus diesem Grund von der Abschiebung betroffen sein und sich dafür entscheiden, Kirchenasyl zu beantragen. Sogar auf die Räumlichkeiten hatte man sich schon verständigt. Die Entscheidung, dem jungen Eritreer zu helfen, wurde also sehr schnell getroffen und umgesetzt. Sechs Monate muss er es schaffen in Deutschland zu bleiben, dann hat er ein Anrecht auf ein Asylverfahren in Deutschland.

Wenn man Oqubagabr so mit einem strahlenden Lächeln in dem Zimmer stehen sieht, das für die nächsten sechs Monate sein Zuhause sein wird, ahnt man kaum, welche Odyssee und welche Gefahren hinter ihm liegen. Nach einer abenteuerlichen Fahrt quer durch den Sudan auf einem heillos überfüllten Pick-up landete er in Libyen – immer in der Angst, gefunden und zurück nach Eritrea geschickt zu werden, was einem Todesurteil gleich gekommen wäre. Dort musste er sich wochenlang versteckt halten, ohne nur einmal Tageslicht zu sehen.

Auch hier ist er nun „eingesperrt“, denn er darf das Kirchengelände nicht verlassen. Aber das ist kein Vergleich mit dem, was er auf seiner Flucht aushalten musste.

Lesen Sie die Fortsetzung auf ffi Seite 2 (Von Kristin Sens, marsberg@sauerlandkurier.de)

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