Zwischen Sorge und Sehnsucht

Verzicht zum Schutz der Lieben: Ein Einblick in den Corona-Alltag Sauerländer Seniorenheime

Ein Dankeschön spricht das Team des Haus Waldesruh den Mitarbeitern aus – sie leisten wie Mitarbeiter in anderen Pflegeeinrichtigen Außergewöhnliches.
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Ein Dankeschön spricht das Team des Haus Waldesruh den Mitarbeitern aus – sie leisten wie Mitarbeiter in anderen Pflegeeinrichtigen Außergewöhnliches.

Wochenlang durften sie keinen Besuch empfangen, waren in ihren Einrichtungen quasi isoliert. Doch wie haben Bewohner von Seniorenheimen eigentlich die Zeit vor den Lockerungen der Corona-Maßnahmen erlebt?

Hochsauerland – Frau Nolten, Bewohnerin des Wohn- und Pflegezentrums St. Mauritius Medebach, ist sicher sicher, dass das Besuchsverbot in Seniorenheimen aufgrund des Coronavirus die richtige Entscheidung war: „So konnten wir nicht angesteckt werden. Wir sind hier gut aufgehoben. Tagsüber denke ich gar nicht an Corona.“ Sie sitzt mit drei anderen Bewohnern am Tisch und kniffelt. Frau Schüngel erzählt: „Klar, wir haben den Besuch schon vermisst. Aber mein Mann und ich skypen regelmäßig mit unserer Tochter. Ich finde es so völlig in Ordnung. Wir sind dankbar, dass wir hier sein dürfen.“ Auch sie hat Sorge vor Ansteckung. 

Das Coronavirus war und ist in den Seniorenzentren der Region ein großes Thema – Besuchsverbote zum Schutz der älteren Mitmenschen und der Mitarbeiter waren für viele Menschen nicht leicht, mittlerweile gibt es Lockerungen der Besuchsmöglichkeiten. Der Kurier hat sich in Seniorenzentren umgehört. Ein Tenor: Vorsicht bleibt das oberste Gebot. 

Wohn- und Pflegezentrum St. Mauritius Medebach 

Frau Hesse war vor den Lockerungen traurig: „Es darf keiner kommen. Ich finde das sehr schade. Ich halte die Maßnahme für übertrieben, hätte gerne Lockerung. Angst habe ich keine vor Corona. Ich wünsche mir, dass alles wieder so wird wie vor Corona.“ Eine 100-jährige Bewohnerin, Frau Röber, erklärte, dass Beschränkungen immer Angst machen: „Ich bin 1919 geboren, da gab es auch schwere Zeiten. Ich hätte gerne wieder Besuch.“ Eine andere Bewohnerin wirft ein: „Hier gibt es ja genug Betreuung. Es ist alles in Ordnung, auch in Corona-Zeiten.“ 

„Ich höre kaum etwas von Corona. Hier geht alles seinen gewohnten Gang. Das einzige, was mich an Corona denken lässt, sind die mundschutztragenden Mitarbeiter. Angst macht mir das Virus nicht“, so äußert sich Herr Vogt zum Thema. 

Und Herr Steffens, der das Leben mit viel Humor sieht, sagt lachend: „Mit Corona hab ich Schluss gemacht!“ Er vertritt außerdem die Meinung: „Man sollte sich nicht selbst verrückt machen. Wer es bekommt, bekommt es, wer es nicht bekommt, bekommt es nicht. Man soll das Leben nehmen, wie es kommt. Ich vertraue auf die richtigen Entscheidungen von Ärzten und auf deren Empfehlungen. Das Besuchsverbot geht für mich in Ordnung!“ Herr Temme äußerte sich zu den Lockerungen. Er ist skeptisch: „Ich bin der Meinung, dass die Lockerungen zu früh kommen. Das Besuchsverbot sollte noch aufrechterhalten werden.“ 

Frau Wasmuth, Frau Padberg und Frau Braun sitzen zusammen am Tisch: „Wir machen viele Spiele, vor allem ‘Mensch ärgere dich nicht’ und unterhalten uns. Wir haben ja die Möglichkeit mit unseren Lieben zu telefonieren, deshalb vermissen wir den Besuch nicht so sehr.“ Frau Braun nutzt die Möglichkeit zu skypen und hat so regelmäßig Kontakt. „Ich habe mich riesig gefreut, als der Musikverein für uns gespielt hat. Das war tolle Schützenfestmusik und mein Enkel war der Dirigent.“ 

Auf die Frage, ob Corona ihnen Angst macht, erklärt Frau Wasmuth: „Ich bin der Meinung, was kommen soll, kommt sowieso. Der Herrgott beschützt uns.“ Alle drei sind sich einig, dass sie im Wohn- und Pflegezentrum gut versorgt sind. Frau Padberg, die noch nicht so lange in der Einrichtung lebt, sagt: „Wir werden hier gut versorgt und liebevoll betreut. Es gibt auch in der Corona-Zeit viele Angebote der sozialen Betreuung. Ich fühle mich hier sehr wohl, ich bin froh, dass ich von so lieben Menschen umgeben bin.“ Ihrer Meinung nach war das Besuchsverbot eine sinnvolle Vorsichtsmaßnahme. 

Tatjana Hellwig, die Leitung des Sozialen Dienstes, erklärt: „Großgruppenangebote, die normalerweise mit allen Wohnbereichen gemeinsam stattfinden, sind derzeit untersagt. Aber abwechslungsreiche Angebote (Bingo, Gedächtnistraining, Gymnastik, Singen usw.) in den Wohnbereichen finden weiterhin täglich statt. Auch Spaziergänge in den Garten und zum Tiergehege werden in Begleitung angeboten. Hier geben sich alle Mitarbeiter große Mühe, dass trotz Besuchsverbots keine Langeweile aufkommt. Riesig gefreut haben sich Mitarbeiter und Bewohner über die Überraschungen von außen: Die Hospizinitiative Hallenberg/Winterberg/Medebach sang ein Ständchen für uns, die Band Black Velvet sorgte mit toller Musik für Abwechslung und der Musikverein aus Medebach sorgte am Muttertag mit Blasmusik für einen richtig gelungenen Nachmittag. Und ich möchte mich, auch im Namen unserer Bewohner, noch für die vielen tollen Osterüberraschungen bedanken. Viele Kinder haben gemalt und gebastelt und es gab auch Erwachsene, die unseren Bewohnern eine Osterfreude gemacht haben.“ 

St.-Josef-Haus Hallenberg 

„Die Bewohner reagieren einerseits mit sehr viel Verständnis und Vernunft auf die Veränderungen. Andererseits fehlen ihnen natürlich die Kontakte und Besuche ihrer Familien. Aber die schlimmste Zeit zu Beginn der Pandemie ist gut überstanden“, berichten Beate Holzky, Leitung soziale Betreuung, und Beate Heimbach-Schäfer, Einrichtungsleitung. „Inzwischen ist auch der wenige Kontakt für unsere Bewohner ein Stück weit Normalität geworden. Oftmals ist es eher so, dass die Angehörigen mehr darunter leiden als unsere Bewohner.“ 

Denn der Alltag für sie im Josefshaus hat sich kaum verändert: Es finden weiterhin – wenn auch in kleineren Gruppen und nicht mehr wohnbereichsübergreifend – Spiel-Sing-Bastel- und Bewegungsrunden statt. Die Gottesdienste, die täglich aus der Kapelle des Josefshauses übertragen werden, können mitgefeiert werden. 

Alle Mitarbeiter versuchen, gerade jetzt in dieser schweren Zeit, besonders intensiv für die Bewohner da zu sein, sie zu trösten, und wie gewohnt in den Arm zu nehmen – natürlich unter Schutzausrüstung – sowie Fröhlichkeit und gute Laune zu verbreiten. Die meisten Bewohner wissen den Einsatz und das Engagement der Mitarbeiter zu schätzen, die während dieser außergewöhnlichen Zeit zum Schutz der Bewohner, auch in ihrer Freizeit, sehr verantwortungsvoll und umsichtig agieren und auf Kontakte außerhalb ihrer eigenen Familie und des Josefshauses bewusst verzichten. Am meisten sorgen sich die Bewohner um die Gesundheit ihrer Familien, ihrer Enkel und Urenkel. Aus diesem Grund fällt es ihnen auch nicht so schwer, Kontaktverbote einzuhalten; wissen sie doch, dass sie damit nicht nur sich, sondern auch ihre Familien schützen. 

„Unsere Bewohner haben alle die Möglichkeit, von ihren Telefonen auf den Zimmern Kontakte zu halten, zu ihren Familien, Nachbarn und Bekannten. Darüber hinaus besteht die Möglichkeit, nach Terminabsprache zu skypen. Und Besuche – maximal 2 Personen – können, ebenfalls nach Terminabsprache, im eigens dafür eingerichteten Besucherzimmer empfangen werden – natürlich immer unter den geltenden Hygienemaßnahmen (Mindestabstand, Mundschutz, Plexiglasscheibe, Händedesinfektion, Begleitung durch die MA der sozialen Betreuung).“ 

Was ebenfalls gut angenommen werde, ist die Möglichkeit des „Fensterlns“. Auf dem Spazierweg, der durch den Garten führt und unter den Balkonen der Wohnküchen und vieler Bewohnerzimmer liegt, können sich Bewohner und Angehörige zum „Plauderstündchen“ verabreden. Darüber hinaus werden – wie in früheren Zeiten – vermehrt mit und für die Bewohner Briefe geschrieben mit Fotos und Infos und Grüßen. Ein recht neues Angebot ist die Entstehung von Brieffreundschaften. 

Haus Waldesruh Neuastenberg 

Mit besonderen Herausforderungen zu kämpfen hatte das Team des Alten- und Pflegeheims Haus Waldesruh in Neuastenberg. Dort ist das Coronavirus Ende März ausgebrochen (44 Infizierte gab es – 18 Mitarbeiter sowie 24 Bewohner, von denen vier im Zusammenhang mit dem Virus verstorben sind). 

Eine Station ist in einen Quarantänebereich umgewandelt worden, täglich stand das Team unter anderem mit dem Kreisgesundheitsamt, der WTG-Behörde und Hausarzt Dr. Brinkmann aus Winterberg in Kontakt, es errichtete einen Krisenstab, um diese große Herausforderung mit allen Kräften gemeinsam zu stemmen. 

„Ich möchte einen großen Dank aussprechen, besonders an unsere Mitarbeiter, die Außergewöhnliches geleistet haben und trotz der Herausforderungen für unsere Bewohner da waren, sowie an die Behörden und Dr. Brinkmann. Der Lions Club hat den Bewohnern mit Tablets die Möglichkeit zur Videotelefonie gegeben, das St.-Franziskus-Hospital Winterberg hat uns personell unterstützt, die Bevölkerung hat uns Mut gemacht. Auch das Alphornecho Sauerland hat uns mit seinem Ständchen eine Freude gemacht. Ihnen allen und vielen mehr gilt unser Dank“, so Geschäftsführer Matthias Leber. 

Mittlerweile ist das Haus Waldesruh glücklicherweise coronafrei, die Quarantäne aufgehoben – „doch Vorsicht bleibt oberstes Gebot“, so Leber. „Natürlich arbeiten wir weiterhin unter anderem mit FFP2-Masken. Das Virus ist noch nicht besiegt. Ich war erschrocken darüber, wie aggressiv das Virus ist, wie schnell es sich verbreitet hat. Was auch bleibt, ist die Sorge vor Folgeschäden.“ 

Mittlerweile dürfen Besucher aber ihre Angehörigen – unter strengsten Sicherheitsauflagen – wieder sehen. Das Team hat dafür einen gut einsehbaren Besucherraum hergerichtet, diesen mit einer zimmerhohen Plexiglaswand ausgestattet und die dadurch entstandenen zwei Bereiche „gespiegelt“ – durch die identische Einrichtung bekommen Bewohner und Besucher das Gefühl, an einem Tisch zu sitzen. Telefon und Lautsprecher ermöglichen die Kommunikation. 

Besucher können nach Terminvereinbarung und dem Ausfüllen eines Screening-Bogens rund 45 Minuten im Besucherraum bei den Bewohnern bleiben, vor und nach dem Besuch wird der Raum ordentlich durchgelüftet, eine Maske müssen Besucher und Bewohner im Besucherraum nicht tragen: „Durch die Plexiglasscheibe, die den gesamten Raum trennt, und das ständige Lüften ist ein Virenaustausch durch die Luft nicht möglich“, erklärt Matthias Leber. Da das Team rund 98 Prozent der Bewohner mobilisieren kann, ist Besuch für fast alle Bewohner realisierbar. Angehörige, deren Lieben das Erd- und Kellergeschoss bewohnen, können nach Anmeldung auch an den Fenstern mit den Bewohner per „Babyfon“ sprechen; bei gutem Wetter können Bewohner auf ihren Balkonen sitzen und Angehörige unten vor dem Haus. Auch der Umbau des Haus Waldesruh durfte am Montag wieder aufgenommen werden.

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