Zuhause der verlassenen Kinder

Medebacher berichtet vom bolivianischen Heim Casa de los Niños

Vor Ort bei der Casa de los Niños: Julian Mönxelhaus mit einigen Kindern und Jugendlichen.

Medebach/Cochabamba. Die südamerikanische Mittagssonne erhebt sich über die massiven Anden und sorgt tagsüber sogar im bolivianischen Winter für angenehme Temperaturen. Julian Mönxelhaus sitzt in einem Sammeltaxi. Die Fahrt durch Cochabamba fühlt sich an wie eine Ewigkeit. Der Medebacher ist, wie berichtet, nicht zum ersten Mal in der Millionenstadt, doch die Spannung ist groß. Diesmal geht es um ein besonderes Projekt. Eines, das von der Organisation „Building-One -World“ aus Hallenberg gefördert werden soll. Endlich hält das Taxi an – doch angekommen ist Julian Mönxelhaus noch nicht. Erst nach einigen Blocks Fußmarsch, weiter hinein in die tieferen und dünnbesiedelten Vororte, befindet sich das Ziel vor seinen Augen: Casa de los Niños („Haus der Kinder“).

Aristides Gazzoti wartet bereits. Gazzoti ist Italiener, kam vor vielen Jahren nach Cochabamba, um in einer christlichen Gemeinschaft zu leben. Doch sein Leben sollte anders verlaufen als geplant. „Die vielen Kinder, die vor der eigenen Haustür auf der Straße leben, kein Zuhause mehr haben und von Krankheit geplagt sind, veranlassten ihn, aus dieser Gemeinschaft auszusteigen, um tatkräftig zu helfen“, erzählt Julian Mönxelhaus. „Viele Kinder waren abhängig von Klebstoff, den sie schnüffelten. Das tägliche Elend zu sehen, brachte ihn dazu, einen Ort zu erschaffen, an dem diese Kinder sicher leben können.“ 

Vor zehn Jahren gründete Gazzoti schließlich mithilfe von finanziellen Mitteln aus Italien das Heim Casa de los Niños. Das Heim ist wie ein Dorf, umgeben von Mauern, berichtet Mönxelhaus, das Gelände riesig. Im zentralen Haus wohnt Aristides Gazzoti mitsamt seiner Familie – seiner Ehefrau Tania, einer eigenen Tochter sowie etwa 15 elternlosen Kindern, viele von ihnen mit einer Behinderung. Kinderbetten und Matratzen liegen auf dem Boden, jede Nacht schläft Familie Gazzoti hier, um bei den Kindern zu sein – insbesondere bei denjenigen mit geistigen und körperlichen Behinderungen, die besondere Aufmerksamkeit benötigen. Sie leiden seit ihrer Geburt unter anderem an Hydrocephalus, Spastiken und Mucoviszidose, viele von ihnen wurden von ihren Eltern wegen ihrer Krankheiten auf der Straße zurückgelassen. 

Keine Unterstützung von der Regierung 

Ziel der Einrichtung ist es, ihre Eltern ausfindig zu machen und sie mit im Heim unterzubringen. Denn neben dem zentralen Wohngebäude der Familie Gazzoti liegt eine Siedlung mit Fußballfeld und einer Schule. In dieser Siedlung wohnen die Kinder mit ihren Eltern. „Hier sollen die Eltern lernen, Verantwortung für ihre Kinder zu übernehmen“, so Julian Mönxelhaus. „Viele Elternteile sind selbst erkrankt, zum Beispiel an HIV oder Aids. Die meisten ihrer Kinder leiden ebenfalls unter diesen Krankheiten.“ Unterstützung bekommen Aristides und Tania Gazzoti keine, zumindest nicht von der Regierung. Täglich fahren sie ins Krankenhaus, an das andere Ende der Stadt. Die Kosten für die Fahrt und viele Medikamente müssen sie selbst übernehmen. Auch Kosten für den Unterricht müssen vom Heim getragen werden, Lehrer kommen aus den benachbarten Wohngebieten – und es fehlt an geeigneten Materialien und Hilfsmitteln, um die Entwicklungsprozesse der beeinträchtigten Kinder zu fördern. 

Julian Mönxelhaus mit Gian Luca, Schulleiter sowie einer Freiwillige aus Spanien.

Keinerlei Unterstützung vom Staat zu erhalten, ist eine große Enttäuschung für die Familie, die sich mit Leib und Leben einsetzt für die Kinder und Jugendlichen, macht sie wütend, machtlos. „Und das, obwohl sie seit zehn Jahren eine großartige Arbeit leistet“, wie Julian Mönxelhaus mit eigenen Augen gesehen hat. Nach der Schule kümmern sich Sozialarbeiter, Psychiater, Zahnärzte, Krankenschwestern vor Ort um Untersuchungen, viele von ihnen Studenten, die kostenfrei arbeiten. Sie werden nicht von einer Organisation zur Casa de los Niños gesendet, sondern verbringen vielmehr ihre freie Zeit dort, um zu helfen. 

„Sie haben so viele Kinder sterben sehen“

Julian Mönxelhaus ist bewegt vom Einsatz der Familie Gazzoti, beeindruckt davon, wie sie mit der physischen wie psychischen Belastung umgehen, von der Stärke des ganzen Teams. Sie haben mit tagtäglichen Herausforderungen zu kämpfen, ebenso mit unerwarteten Problemen, wie der Hepatitisausbruch in der Kindertagessstätte vor einiger Zeit, bei dem sich die Familie gezwungen sah, die Schule und Kinderbetreuung eine Zeitlang zu schließen, um eine Epidemie zu verhindern. Die harte Arbeit zerrt an Aristides und Tania Gazzoti. „Sie haben so viele Kinder sterben sehen. Kinder, die von der Gesellschaft ausgeschlossen worden sind und versuchen, im Heim mit ihrer Krankheit zu leben“, berichtet Julian Mönxelhaus – zweifelsohne eine große Belastung für das gesamte Team. 

„Und es fehlt an vielen Dingen. So braucht das Heim dringend eine bessere Wasserversorgung, es müssen Tanks her, die das Wasser unterirdisch speichern können. Außerdem müssen viel mehr Wohnhäuser gebaut werden. Das ist alles nicht möglich ohne die finanziellen Mittel“, bedauert Julian Mönxelhaus. Die Sonne in Cochabamba verschwindet langsam am Horizont hinter den schneebedeckten Bergspitzen, die Casa de los Niños, das Haus der Kinder, liegt fast im Dunkel. Julian Mönxelhaus lässt die Eingangstore hinter sich und wird nachdenklich. „Schon viel Leid habe ich in diesem Land gesehen, aber die Situation dieses Heimes und die seiner Bewohner bestürzt mich nachhaltig.“

Der Verein Building One World und nicht zuletzt Aristides Gazzoti freut sich über Spenden für das Projekt: 

Sparkasse Hochsauerland
IBAN: DE07 41651770 0000060871
BIC: WELADED1HSL
Verwendungszweck: Bolivien
www.building-one-world.de

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