Angeklagter weint bittere Tränen

Mord oder Totschlag im Affekt? Urteil im Medebacher Mordprozess gefallen

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Der 22-jährige Angeklagte muss für achte Jahre und sechs Monate ins Gefängnis.

Medebach/Arnsberg - Mord oder Totschlag im Affekt? Diese zentrale Frage im Medebacher Mordprozess wurde am Dienstagnachmittag im Landgericht Arnsberg endgültig juristisch entschieden. Der Angeklagte Florin M. wurde wegen Totschlags an einem 67-jährigen Rentner aus Medebach zu einer Freiheitsstrafe von acht Jahren und sechs Monaten verurteilt. Die ebenfalls Angeklagte Rebeca L. wurde unterdessen freigesprochen. 

Damit folgte der Richter weitestgehend dem Antrag der Staatsanwaltschaft, die den Tatbestand "Mord aus Habgier" nicht als bestätigt angesehen und deshalb wegen Totschlags eine neunjährige Haftstrafe für den 22-jährigen Angeklagten gefordert hatte. Die Tat sei angesichts des mehrfachen Einschlagens auf das Opfer mit dem Waffeleisen sowie das neunmalige Stechen in den Hals mit einem Messer dennoch mit unheimlicher Brutalität ausgeführt worden. Für die ebenfalls Angeklagte Rebeca L. hatte die Staatsanwaltschaft Freispruch beantragt, da nicht zweifelsfrei geklärt werden konnte, ob sie zum Tatzeitpunkt überhaupt vor Ort war. 

Dieser Forderung schloss sich die Verteidigung der 22-Jährigen an. Für den Angeklagten wiederum wurden wegen Totschlags im Affekt aufgrund vorheriger sexueller Annäherungen durch das Opfer und dadurch freigesetzte traumatische Erlebnisse fünf Jahre und sechs Monate gefordert.  Vor ihrem Plädoyer hatten die Kölner Verteidiger jedoch dem Gutachten des Schmallenberger Sachverständigen Dr. Thomas Schlömer widersprochen, da sie nicht über die tatsächliche Exploration informiert worden seien.

Gutachter sieht keine Affekthandlung und volle Schuldfähigkeit

Florin M. hatte in der Untersuchung zu Protokoll gegeben, dass der Verstorbene ihn mit Whisky „abgefüllt“ habe um danach die Rollladen herunterzulassen und sexuelle Handlungen an ihm vorzunehmen. Laut dem Gutachter soll er gesagt haben, ‚er könne nicht mehr klar denken, wäre total besoffen’. Über eine Vergewaltigung und Prostitution habe der Angeklagte nicht gesprochen. Schlömer sprach dem jungen Rumänen ab, die Tat im Affekt begann zu haben, schloss eine posttraumatische Belastungsstörung aus. „Bei einer tiefgreifenden Bewusstseinsstörung durch Missbrauch in der Vergangenheit wäre eine Amnesie oder eine Phase der Erschütterung zu erwarten gewesen. Seine Einlassung steht entgegen jedem Nachtatverhalten“, so der Psychiater, der zudem berichtete, dass Florin M. berichtet habe, seine Lebensgefährtin sei während der Tat im Nebenzimmer putzen gewesen. Beiden Angeklagten sprach er volle Schuldfähigkeit zu.

Im darauffolgenden Plädoyer erklärte der Staatsanwalt, die Begleitung von Rebeca L. während der Tat sei nicht erwiesen, genauso wenig sei zu beweisen gewesen, dass das Schränkchen im Schlafzimmer des Opfers von den Angeklagten aufgebrochen worden sei. Als erwiesen sah die Staatsanwaltschaft das Tötungsdelikt an, jedoch nicht als Mord aus Habgier sondern als ganz normalen Totschlag nach Paragraph 212. „Der sexuelle Übergriff des Opfers kann nicht eindeutig widerlegt werden. Die Zeugenaussage hinsichtlich der Vergewaltigung vor 30 Jahren wirft jedoch ein böses Schlaglicht auf den Getöteten. Es gibt keinen Zweifel daran. Florin M. hat jedoch in Tötungsabsicht dem Opfer neun Stiche mit der Schere versetzt“, so der Staatsanwalt. „Im Zweifel kann davon ausgegangen werden, dass der Angeklagte von dem Opfer bedrängt worden ist, sich affektiv aufgeladen zur Wehr setzte.“ Die Staatsanwaltschaft warf dem 22-jährigen Rumänen jedoch eine ungeheure Brutalität vor, forderte letztendlich neun Jahre wegen Totschlags.

"Die Sicherung ist ihm durchgebrannt"

Im darauffolgenden Plädoyer ging Rechtsanwalt Markus Haupt auf die Vorgeschichte des Opfers ein, hob die Hilflosigkeit seines Mandanten hinsichtlich Sprachbarrieren im Bezug auf Behördengänge hervor, die der Verstorbene schamlos ausgenutzt habe. Haupt bezeichnete den Zeitpunkt der Tat als „Trigger-Moment“, ging zudem auf die Panik vor einer erneuten Vergewaltigung ein. „Die Sicherung ist ihm durchgebrannt, er hat die Vergewaltigung in Rumänien nur verdrängt. Er ist regelrecht explodiert.“ Weiterhin erklärte er, die „Masche des Geschädigten“ sei vor Gericht bestätigt worden. „Das Oper hat gezielt für Sex nach jungen ausländischen Männern gesucht. Die Vergewaltigung wurde eindrucksvoll durch die Zeugenaussage am letzten Verhandlungstag belegt.“ Letztendlich forderte der Kölner Strafverteidiger fünf Jahre und sechs Monate wegen Totschlags. Sein Kollege Ingmar Rosentreter schloss sich der Forderung der Staatsanwaltschaft an und plädierte auf einen Freispruch für seine Mandantin.

Die Nebenklage, die von dem Bruder des Opfers geführt wird, sah unterdessen den ursprünglichen Tatvorwurf "Mord aus Habgier" als erwiesen an und plädierte für eine lebenslange Freiheitsstrafe. 

"Sowas erleben wir nicht alle Tage."

Das anschließende Urteil des Vorsitzenden Richters Klaus-Peter Teipel lautete schließlich: Freispruch für Rebeca L., acht Jahre und sechs Monate wegen Totschlags für Florin M. Teipel wertete den sexuellen Übergriff des Opfers als Annäherung, hob die kriminelle Energie und die schwere der Art und Weise der Tat hervor. „Die Schere im Halsbereich, die dann noch in die Hand des Getöteten gelegt wurde damit es nach Selbstmord aussieht, erleben wir nicht alle Tage.“ Weiterhin spielten in seiner Urteilsfindung die Zahl der Schläge als auch der Einstiche eine Rolle. Im Bezug auf Rebeca L. äußerte er abschließend: „Es gab keine Erkenntnisse, dass die Angeklagte einen strafrelevanten Beitrag geleistet hat.“

Der Angeklagte Florin M. zeigte am mittlerweile achten Verhandlungstag erstmals emotionale Regungen und weinte im Gerichtssaal bitterliche Tränen. 

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