"Man darf den Glauben und Mut nicht verlieren"

Neues Buch: Enkelin erzählt Geschichte von Omas Kindheit im Zweiten Weltkrieg

Margret Berg 1942: Das Foto vom Hitlerjugenausweis/Landjahrlager ziert das Cover des Buchs.
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Margret Berg 1942: Das Foto vom Hitlerjugenausweis/Landjahrlager ziert das Cover des Buchs.

Medebach – Als der Zweite Weltkrieg begann, am 1. September 1939, war die kleine Margret elf Jahre alt. Mit ihrem jüngeren Bruder Willi, Papa Wilhelm und Mama Margarete lebte sie damals in einem Mietshaus in Wanne-Eickel. Sie trug Blumenkleidchen und ein Kettchen um den Hals, hatte ihr Haar zum Bob frisiert, mit einer Spange das Pony an der Seite fixiert. Das Mädchen lachte gern, lebte unbeschwert. Bis der Krieg begann.

In Medebach, wo der Opa wohnte, erfuhr Margret vom Kriegsausbruch. Mit Fanfaren wurde im Rundfunk bekannt gegeben, dass Deutschland Polen den Krieg erklärt hat; ihr Onkel hatte schon Stellungsbefehl bekommen und wurde sofort eingezogen. Die Bombenalarme später brachten die Familie um den Schlaf, die Kinder wurden verschickt, der ganze Haushalt ging verloren, die Freiheit wurde genommen, Familienmitglieder starben im Krieg, es herrschte Angst vor Verrat, Angst davor Kritik zu üben, Angst, dass Menschen aus den Familien geholt wurden und dann weg waren, einfach so, für immer. 

Mittlerweile ist Margret Berg, damals Ittermann, 92 Jahre alt und wohnt 75 Jahre nach Kriegsende in Medebach. Von ihrer Geschichte, von dem, was sie als junges Mädchen erlebt hat, hat sie ihrer Enkelin Melanie Hackel erzählt. Für diese stand fest: „Das, was Oma zu berichten hat, ist es wert, von vielen Menschen gelesen zu werden. Sie als Zeitzeugin hat diese schlimmen Zeiten, diese Schreckensherrschaft, miterlebt, sie kann uns sagen, welche Auswirkungen die nationalsozialistische Ideologie auf das gesamte Leben hatte. Ich wollte, dass Omas Geschichte in der Deutschen Nationalbibliothek ihren Platz findet.“ Das hat Melanie Hackel geschafft.

Margret Berg an ihrem 90. Geburtstag mit ihrer ältesten Enkelin Melanie Hackel.

2013 setzten sich Melanie Hackel und Margret Berg zusammen und sprachen über das Erlebte – eine intensive Zeit, die Oma und Enkelin einander noch näherbrachte. Zahlreiche Original-Bilder und -dokumente ergänzen die Geschichte Margret Bergs, die in dem im Juni erschienenen Buch „Ein Zeitzeugeninterview – Aus dem Leben von Margret Berg im Zweiten Weltkrieg“ erzählt wird. Die Bilder und Dokumente gemeinsam anzuschauen, war sehr bewegend für Oma und Enkelin – und ist es immer noch. „Erst vor rund einer Woche bekam ich aus Zufall ein Bild in die Hände, das das zerbombte Haus ihrer Großmutter zeigte“, so die Autorin. Neben ihrer eigenen Geschichte spricht Margret Berg vom „Menschenverführer“ Hitler, warum eine solche Gruppendynamik entstehen konnte und ob eine Wiederholung solcher Strukturen in der heutigen Zeit noch denkbar seien.

"Egal wie schlimm alles erscheint, sie lässt sich niemals unterkriegen"

Margret Berg äußert zudem ihr Unverständnis gegenüber rechtsradikalen Randgruppen, die die damaligen Zeiten nicht selbst miterlebt haben, nicht wissen, wie verstörend diese waren. So berichtet sie unter anderem: „Als ich vor einigen Jahren einen Ausflug gemacht habe, da habe ich in einem Fenster eine Hakenkreuzfahne gesehen, da ist bei mir eine Blende heruntergefallen. Wie kann man...“ „Es ist so wichtig, die Geschichten von Zeitzeugen für die Nachwelt festzuhalten. Daher bin ich sehr froh darüber, dass Bürgermeister Thomas Grosche das Buch in das Medebacher Stadtarchiv aufnehmen wird und zusätzlich den Schulleitern für den Unterricht empfehlen möchte“, so Melanie Hackel. 

Aus dem Mädchen von damals, mit Blumenkleidchen und Spange im Haar, ist eine 92-jährige Frau geworden, unternehmenslustig, fit, neugierig, Hände und Nähmaschine stehen selten still, sie nutzt Tablets und WhatsApp, ist ein wandelndes Lexikon. Ihre fünf Enkelkinder von drei Kindern nennen sie gern „Marmeladen-Oma“, da ihre Oma für sie so gern Marmeladen-Kombinationen verkocht. In ihrem hohen Alter hat sie einiges durchmachen müssen, hat Stärke bewiesen und zeigt diese immer noch. „Auch die Corona-Zeit, die sie erst verunsichert hat, hat Oma mit Bravour gemeistert, schließlich hat sie schon weitaus schwerere Zeiten erlebt“, sagt Melanie Hackel stolz. „Egal wie schlimm alles erscheint, sie lässt sich niemals unterkriegen und zeigt durch ihre Geschichte, dass jeder aus seinem Leben etwas machen kann. Man darf nur den Glauben und Mut nicht verlieren.“

Das Buch „Ein Zeitzeugeninterview – Aus dem Leben von Margret Berg im Zweiten Weltkrieg“ ist im Buchhandel als Books on Demand (BoD) erschienen. Es ist auch als E-Book erhältlich. IBAN-Nummer: 9783740767242

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