„Der Glaube ist ein Gefühl“

Ahmadiyya Muslim Jamaat klärt über den friedlichen Islam auf

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Ghafoor Mohammad, Zaheer ul Deen, Lokalpräsident von Meschede, Luqman Shahid, Iman aus Osnabrück, Basharat Ahmed, Regionalpräsident Wesfalen und Tariq Amin stellen die Aktion „Wir sind alle Deutschland“ in Freienohl vor.

Meschede. „Der Islam gehört zu Deutschland“ – kaum ein Statement löst in den vergangenen Jahren eine so hitzige und kontroverse Debatte aus, wie diese Aussage des frühere Bundespräsidenten Christian Wulff anlässlich des 20. Jahrestages der Deutschen Einheit im Jahre 2010. Von Kanzlerin Merkel bekam Wulff Rückendeckung, als sie sich 2015 deutlich zu dessenMeinung bekannte. Bundeinnenminister Seehofer hingegen betonte im vergangen Jahr, dass Deutschland christlich geprägt sei. „Der Islam gehört nicht zu Deutschland“, so sein Standpunkt. Die Ahmadiyya Muslim Jamaat aber fühlt sich als Teil von Deutschland und möchte mit ihrer neuen Kampagne „Wir sind alle Deutschland“ bundesweit über die friedliche Seite des Islams aufklären. In Freienohl stellten nun Vertreter der islamischen Gemeinde die Aktion vor.

„In den vergangenen Jahren hat sich ein negatives Bild vom Islam entwickelt. Das liegt zum einen natürlich an den zahlreichen Terroranschlägen, aber auch an der Lage in Syrien und anderen arabischen Staaten“, erklärt Luqman Shahid, der als Imam für die Ahmadiyya Gemeinde in Osnabrück tätig ist, die Beweggründe für die Kampagne. Ziel sei es, die Vorwürfe und Vorurteile aus der Welt zu schaffen. 

"Der Islam ist eigentlich friedlich"

Getreu dem Motto der Gemeinschaft „Liebe für alle, Hass für keinen“ soll ein Austausch mit nicht-muslimischen Mitmenschen stattfinden. Dazu möchte die Gemeinde, die in Deutschland etwa 45.000 Mitglieder zählt, bundesweit Flyer verteilen und auch mit Infoständen vertreten sein. Ein Infostand ist unter anderem auch in Meschede geplant. 

„Eigentlich ist der Islam nämlich friedlich und das wollen wir zeigen“, betont Shahid. Offene Fragen sollen mithilfe von sozialen Medien und auch im persönlichen Kontakt überwunden werden. „Wir wollen, dass eine schöne Atmosphäre in der Gesellschaft entsteht“, erhofft sich der 29-Jährige von der Aktion. 

Vor elf Jahren kam er als Flüchtling nach Deutschland. Wie viele andere Gemeindemitglieder stammt er aus Pakistan, wo die Anhänger der Glaubensgemeinschaft, die von Hadrat Mirza Ghulam Ahmad 1889 in Indien als Reformbewegung gegründet wurde, verfolgt werden. Von den Anhängern anderer islamischer Glaubensgruppen werden die Ahmadiyya Muslime als Gotteslästerer gebrandmarkt, da sie in ihrem Gründer den Messias sehen, während andere islamische Glaubensrichtungen die Auffassung vertreten, dass der erhoffte Messias noch eintrifft.

Aufklären ja, missionieren nein

„Als ich nach Deutschland kam, besuchte ich zuerst eine Schule und lernte die Sprache, dann entschied ich mich dazu Imam zu werden, da ich mich schon damals für die islamische Theologie interessierte“, so Luqman Shahid. Als Imam lehrt er Mitgliedern der Glaubensgemeinschaft die Lehren und die moralischen Wertvorstellungen des Korans. Missionieren wolle seine Gemeinde Menschen anderer Glaubensrichtungen aber nicht: „Der Glaube ist ein Gefühl. Glauben muss man leben. Es bringt nichts Menschen dazu zu zwingen, Moslem zu werden. Das muss jeder Mensch selber für sich entscheiden“, betont er. 

Die Ahmadiyya Gemeinde gilt als liberal und versucht sich in die deutsche Gesellschaft zu integrieren. „Wir wollen etwas für Deutschland tun, wir wollen für unser Land was tun. Wir wollen uns integrieren“, betont Shahid. Für den Iman sei Deutschland sogar mehr Heimatland als sein Herkunftsland Pakistan. „Das gilt natürlich nur für mich. Gerade ältere Gemeindemitglieder haben natürlich eine andere Bindung an ihr Geburtsland.“ Aber man wolle sich nicht ausgrenzen, sondern ein Teil von Deutschland sein. 

Trotz ihrer liberalen Haltung ist die Ahmadiyya Muslim Jamaat nicht gänzlich unumstritten. So sind Frauen zwar Männern offiziell gleichgestellt, allerdings geben Männer beispielsweise Frauen nicht die Hand. Und die Verschleierung der Frau ist der Gemeinde sehr wichtig. „Im Koran heißt es, dass Männer und Frauen von einem Wesen geschaffen wurden. Aber es ist auch klar, dass Männer und Frauen andere Stärken haben und auf verschiedene Weisen die Gemeinde unterstützen“, sagt auch Luqman Shahid. 

Mescheder Gemeinde seit 1980 aktiv

Im ganzen HSK leben aktuell 67 Mitglieder der Reformbewegung. In Meschede gibt es seit 1980 eine Ahmadiyya Gemeinde. Eines der ersten Mitglieder ist der Wehrstapeler Ghafoor Mohammad, der ebenfalls gebürtig aus Pakistan stammt. „Meine Kinder sind alle hier geboren. Wir fühlen uns hier alle sehr wohl“, betont der Moslem, der bereits seit 1976 im Kreis Meschede lebt und sich als Teil von Deutschland fühlt. Der Wehrstapeler und die anderen Gemeindemitglieder aus dem Kreis Meschede treffen sich einmal im Monat in Räumlichkeiten des Diakoniezentrums. In Neheim ist den dortigen Ahmadiyya Muslimen nun ein Raum zum wöchentlichen Freitagsgebet bereitgestellt worden. Die nächste Moschee für die hiesigen Anhänger ist in Iserlohn. Sie ist eine von insgesamt 53 Gebetshäusern und 70 Gebetszentren im Bundesgebiet. 

Auch wenn die Gemeinde sowohl im HSK als auch in ganz Deutschland eine Minderheit darstellt, fühlt sie sich hier toleriert und akzeptiert. „Wirklich nennenswerte Probleme gab es noch nicht. Auch mit anderen islamischen Gemeinden haben wir hier anders als in unseren Herkunftsländern keine Probleme. Die friedliche Luft hier tut allen gut“, so Imam Luqman Shahid.

Hintergrund 

  • Die Ahmadiyya Muslim Jamaat zählt weltweit mehrere zehn Millionen Mitglieder und ist in über 200 Ländern vertreten. 
  • Das spirituelle Oberhaupt ist ein Kalif. 
  • Die Trennung von Staat und Kirche ist ein zentraler Standpunkt.
  • Der Hauptsitz der Gemeinde befindet sich in London.
  • In Deutschland ist sie eine der größten organisierten muslimischen Gemeinden.
  • In Karlsruhe findet jährlich eine Versammlung der einzelnen deutschen Gemeinden statt.
  • Bundesweit gibt es 220 lokale Gemeinden. 
  • In Hessen erhielt die Gemeinde 2013 den Status „Körperschaft der öffentlichen Rechts“, 2014 folgte die Ahmadiyya-Gemeinde in Hamburg.

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