An der Wurzel des Bösen

Joe Bausch bringt den „Gangsterblues“ nach Meschede

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Ein Ebenbild aus Beton, dazu inhaltlich harter Tobak: Joe Bausch faszinierte mit seinem Einblick hinter die Gefängnismauer die Besucher in Meschede.

Meschede – Er war jahrzehntelang mit ihnen zusammen, mit Serienmördern, Vergewaltigern, Kinderschändern, notorischen Betrügern, Drogenabhängigen und Frauen die ihre eigenen Kinder getötet haben, hat sie als ihr Hausarzt in der Justizvollzugsanstalt Werl Tag für Tag behandelt. Einem Hochsicherheitsgefängnis, das Psychopathen und Schwerstkriminelle beherbergt und alles andere als das Mensch-Sein fördert.

Voller Empathie stellte jetzt der ehemalige Gefängnisarzt Joe Bausch am Freitagbend in der Stadthalle Meschede sein neues Buch mit dem charakteristischen Titel „Gangsterblues“ vor, berichtete mit sonorer Stimme zwei Stunden lang aus dem Alltagsleben und über die Seelentiefen der Insassen.

„In Werl ist die Crème de la Crème. Über 1.000 Insassen sitzen in dem Knast für die ganz harten Fälle, davon allein 250 Mörder“, so der Regierungsmedizinaldirektor Joe Bausch, der eingefleischten Tatort-Fans seit Jahren als Gerichtsmediziner Dr. Josef Roth aus dem Kölner Tatort ein Begriff ist.

Bausch erzählte weiter, dass alle Strafgefangenen zu langen Haftstrafen verurteilt worden seien, viele zum wiederholten Male „eingefahren“ waren. „Junkies sagten mehrfach zu mir: Wäre ich nicht regelmäßig zu ihnen gekommen, wäre ich jetzt schon tot.“

Zwölf Kapitel über seelische Abgründe

In seinem 237 Seiten langen Buch greift er genau diese Charaktere auf, beschreibt ihr Leben hinter den Gefängnismauern, ihren Alltag in der Knasthierarchie und ihre Taten. In zwölf Kapiteln berichtet er über seelische Abgründe sowie über die von ihm als „spannend“ bezeichneten psychopathischen Täter.

„Die Arbeit in der Anästesie und Venenklinik hat mich damals nicht befriedigt, also habe ich mich vor über 25 Jahren in Fröndenberg im Knastkrankenhaus beworben. Dort lagen dann die Typen, die ich bis dato selbst immer vor der Kamera gespielt hatte“, berichtete der Anstaltsarzt aus seinen turbulenten Anfängen. Anfangs auf der Frauenstation sei er von den ausgekochten RAF-Frauen immer „verarscht“ worden, danach kamen die alten über 80-jährigen Nazis und KZ-Mörder, die Drogenabhängigen und HIV-Positiven.

„Das war faszinierend, Junkie-Mädels bekamen ihre Kinder, alle wollten irgendwann ihre Geschichten erzählen. Mich hat das nachdenklich gemacht und Fragen aufgeworfen wie: Woher kommt die zunehmende Gewalt in der Gesellschaft? Wie konnte es bei den Insassen dazu kommen und was macht der Knast aus den Menschen? Was macht die Menschen böse?“, so der 1953 im Westerwald auf einem Bauernhof geborene Arzt und Schauspieler.

Die Insassen vertrauten sich dem Mediziner an, offenbarten ihm die Tiefe ihrer Seelen und ihrer Grausamkeiten. In „Gangsterblues“ schreibt Bausch über den alten Bottroper Gangsteradel in der vierten Generation, der im Knast-Ranking ganz oben steht, wie das Trio wie Silberrücken paritätisch erhoben im „Freigehege“ auf den großen Steinen sitzt und von den anderen Insassen mit Respekt behandelt wird. Auch die Geschichte eines Mörders greift er auf, der angeblich seit 14 Jahren unschuldig im Gefängnis sitzt sowie die Story über „Kunta Kinte“, der seine Männlichkeit in der JVA Werl verlor.

"Justizvollzug muss schnelle Antworten finden"

„Es gibt welche aus der Jugendhaft, die übergangslos ohne Pause bis heute in der Sicherheitsverwahrung gelandet sind. Je härter die Straftat, desto eisener ist die Mauer des Schweigens“, erklärte Bausch den faszinierten Zuhörern. Der charismatische Glatzkopf sprach weiter davon, das Gefängnis sei wie ein Finanzamt, es würde sich wie eine Schnecke bewegen. „Menschen aus 60 Nationen sitzen in Werl ein. Die ganze Welt ist bei uns eingeflogen. Die Menschen sind nicht sozialisiert, sind in Parallelgesellschaften aufgewachsen. Der Justizvollzug muss schnelle Antworten finden, sonst ist es zu spät.“

Zm Ende seiner Lesung gab der Schauspieler und pensionierte Gefängnisarzt den Zuhörern mit auf den Weg wachsam zu sein, nicht wegzuschauen und zu agieren. „Schon bei Zehnjährigen muss heute angesetzt werden. Wir sind mitverantwortlich was in der Nachbarschaft passiert. 96 Prozent der Fälle hätten verhindert werden können, wenn jemand sein Handy in die Hand genommen und angerufen hätte“, verdeutlicht Joe Bausch.

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