Region soll gestärkt werden

„Betriebe brauchen Perspektive“ - Gesamtkonzept für Stärkung der Mittelgebirge gefordert

Auf etwa 40.000 Hektar sind in NRW Wiederbewaldungsmaßnahmen notwendig, um die sogenannten Kalamitätsschäden aufzufangen.
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Auf etwa 40.000 Hektar sind in NRW Wiederbewaldungsmaßnahmen notwendig, um die sogenannten Kalamitätsschäden aufzufangen.

Das Mittelgebirge mit viel Wald und Grünland prägt große Teile der Landschaft von NRW. Der hohe Landschaftwert ist jedoch nicht das Ergebnis ausgerichteter Aktivitäten, sondern der positive Nebeneffekt der Landbewirtschaftung. Doch der Ist-Zustand gibt Anlass zur Sorge und zwingt zum Handeln.

Hochsauerland – „Für die Familienbetriebe in Land- und Forstwirtschaft ist die Kulturlandschaft zugleich Wirtschaftsraum und Einkommensquelle. Die Betriebe brauchen Perspektiven, darum ist ein Gesamtkonzept erforderlich, um die Region zu stärken“, erklärte Hubertus Beringmeier, Präsident des Westfälisch-Lippischen Landwirtschaftsverbandes (WLV), jetzt im Rahmen einer Online-Pressekonferenz.

In Zusammenarbeit mit dem Rheinischen Landwirtschafts-Verband (RLV), dem Waldbauernverband NRW sowie Familienbetriebe Land und Forst NRW hat nun der Westfälisch-Lippische Landwirtschaftsverband einen Maßnahmeplan erstellt, der Forderungen und Ideen für die Unternehmen im Mittelgebirge aufzeigt.

Die Landwirtschaft in den Mittelgebirgslagen zeichnet sich durch hohe Anteile von Dauergrünland aus, das vor allem Wiederkäuern als Futtergrundlage dient. Wiesen und Weiden prägen das Landschaftsbild, ebenso artenreiche Säume, die als Rückzugsräume für Insekten dienen.

„Die Weideerhaltung ist wichtig für das Tierwohl“, betonte Beringmeier. „Die Marktpreise vergüten die Leistungen nicht ausreichend. Für die Zukunft ist eine Anreizkomponente einzuführen, die nicht nur zusätzliche Kosten oder entgangene Kosten vergütet.“

Förderung der Weidehaltung ausweiten

Zudem solle die Förderung der Weidehaltung nicht nur Milch- und Mastrinder umfassen, sondern auch Mutterkühe, Schafe und Ziegen. Weiterhin müsse die Ausgleichzulage künftig wieder stärker auf das Grünland ausgerichtet werden. Laut dem WLV-Präsidenten seien die Kosten und Auflagen für viele Betriebe schwer oder gar nicht zu stemmen wie beispielsweise die Lagerung von Silage oder die Ausbringung von Gülle.

„Wir müssen uns für Ausnahmen einsetzen, um die Verhältnismäßigkeit zu wahren und neue Techniken fördern, damit die Betriebe weiter arbeiten können“, so Hubertus Beringmeier. Es sei an der Zeit etwas zu unternehmen, um die Landwirtschaft zu stärken, da der Klimawandel und die damit verbundenen Dürrejahre zunehmend die Futterversorgung in den Grünregionen gefährden.

RLV-Präsident Bernhard Conzen hob in diesem Zusammenhang die Attraktivität der Mittelgebirgsregion hervor, die sich im Wechselspiel zwischen Tourismus und Land- und Forstwirtschaft begründe. „Auf Wanderungen sind Schafherden an den Hängen gerne gesehen. Wir setzen uns mit Nachdruck dafür ein, damit das so bleibt. Die Bauernfamilien brauchen Perspektiven, um dem Anspruch der multifunktionalen Land- und Forstwirtschaft gerecht zu werden“, so Conzen.

Im Bezug auf die Forstwirtschaft erklärte Dr. Philipp Freiherr Heereman von Zuydtwyck, Vorstandsvorsitzender Waldbauernverband NRW, mit Nachdruck, dass der Verkauf von Holz das Einkommen der Waldbauern sicherstelle. Jedoch sei das Einkommen auch bei guten Holzpreisen langfristig gefährdet. Ganze Gebiete seien bereits baumfrei; es würde 20 bis 30 Jahre dauern, bis nach dem Wiederaufforsten Erträge fließen. Die Trockenheit und der massive Befall des Borkenkäfers habe dem Wald großen Schaden zugefügt, sodass viele Betriebe überlegen würden, einen Teil der geschädigten Flächen nicht wieder zu bewalden sondern anderweitig zu nutzen wie z.B. durch die Umwandlung in landwirtschaftliche Fläche.

Der Wald kann sich nicht ohne Hilfe entwickeln. Ein Naturschutzausgleich im Mittelgebirge ist notwendig.

Dr. Philipp Freiherr Heereman von Zuydtwyck, Vorsitzender Waldbauernverband NRW

„Die Probleme müssen durch dritte Gelder überwunden werden, da insbesondere die Schadensgebiete bei der Fichte besonders groß sind. Der Wald kann sich nicht ohne Hilfe entwickeln. Ein Naturschutzausgleich im Mittelgebirge ist notwendig“, lautete das Fazit des Freiherrn.

Im Hinblick auf den ausgeweiteten Wald-Tourismus während der Corona-Pandemie appellierte er mit Nachdruck, der Wald sei kein Ersatz für Skigebiete. Ein einvernehmliches Miteinander sei nötig, die Regeln dürften nicht ignoriert werden, denn die Holzernte und die Jagd seien gerade im Winter erforderlich. Die Familienbetriebe seien vom Überleben des Waldes abhängig.

Große Chancen für den Klimaschutz und die Menschen vor Ort bieten laut dem Verbandsvorsitzenden deshalb bäuerliche Bürgerwindkonzepte. Der Grundgedanke sei dabei, dass die Waldbauern zusammen mit lokalen Kommunen Windenergieflächen auf den von Dürre und Borkenkäfern geschädigten Waldflächen entwickeln und planen. Mit den Erlösen könnte die Wiederaufforstung finanziert und die Flächen langfristig gesichert werden.

Vergütung gefordert

WLV-Vizepräsident Henner Braach sowie Max Freiherr von Elverfeldt, Vorsitzender Familienbetriebe Land und Forst NRW, betonten zudem, dass der Wald zur Sauerstoffproduktion und Filterfunktion für gutes Trinkwasser beitrage, den Artenreichtum an Tieren und Pflanzen erhalte, Kohlenstoff binde als auch zur Erholung besonders in den schweren Zeiten der Pandemie beisteuere. „Die Waldbauern bekommen nur 20 Prozent der Leistungen des Waldes vergütet. Die anderen 80 Prozent sind geschenkt. Waldbewirtschaftung ist aktiver Klimaschutz zum Nulltarif. Dafür muss eine Vergütung eingeführt werden“, so Max Freiherr von Elverfeldt.

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