Komplexe Sachlage

Corona im HSK: Familie erhebt schwere Vorwürfe gegen Impfzentrum - langer Kampf um Termin

Auf die Impfung gegen Corona musste Familie Rodorigo aus Meschede-Berge lange warten.
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Auf die Impfung gegen Corona musste Familie Rodorigo aus Meschede-Berge lange warten. (Symbolfoto)

Deutschland legt den Impfturbo ein – eigentlich eine erfreuliche Nachricht. Mitunter gibt es aber auch massive Beschwerden über die vorgenommenen Priorisierungen und die teils problematische Impfterminvergabe. Im Hochsauerlandkreis erhebt eine Familie aktuelle schwere Vorwürfe gegen das Impfzentrum in Olsberg. Dort ist man um Klarstellung bemüht. Eine komplexe Sachlage.

Meschede/Olsberg – Fassungslosigkeit, Wut, Entsetzen, aber auch ein Stück Verzweiflung sind wohl die Begriffe, die das Gefühlsleben von Marc Rodorigo aus Meschede-Berge derzeit am besten beschreiben. Der gebürtige Attendorner versucht seit Wochen vergebens, einen Impftermin für seine Frau, deren Eltern und sich selbst im Impfzentrum Olsberg zu bekommen. Ein Kampf gegen Windmühlen, mit dem er in der Region nicht alleine dasteht.

Für Unverständnis sorgt bei ihm vor allem die Nicht-Beachtung der Krankheitsgeschichte seiner Schwiegereltern. Schwiegermutter Marika Giebel hat nicht nur mit einer Herz-Kreislauferkrankung zu kämpfen, sondern zudem mit der Diagnose Blasenkrebs. Noch dramatischer ist die Lage für seinen Schwiegervater Hans-Jochen Giebel: Der 73-Jährige hatte Prostatakrebs, eine Organtransplantation und bekam dazu noch ein neues Hüftgelenk. Durch seine chronische Lungenentzündung (COPD) ist er ständig auf ein stationäres sowie mobiles Sauerstoffgerät angewiesen, um seinen Alltag zu meistern. Ein Schwerbehindertenausweis und Pflegestufe zwei spiegeln seine schwere Krankheitsgeschichte wider.

Bescheinigung von Hausärztin abgelehnt

Auch Marc Rodorigo selbst leidet seit dem Kindesalter an Asthma, genauso seine Frau Inga Giebel-Rodorigo, die zudem im produzierenden Pharmagewerbe tätig ist und somit in einem systemrelevanten Beruf arbeitet.

Inga Giebel-Rodorigo und Marc Rodorigo erheben schwere Vorwürfe gegen das Corona-Impfzentrum in Olsberg.

„Als ich aufgrund unserer Vorerkrankungen von der Priorisierung gelesen habe, lies ich mir eine Bescheinigung von unserer Hausärztin ausstellen. Die Kassenärztlichen Vereinigung Westfalen-Lippe (KVWL) hatte mir zuvor gesagt, ein Zweizeiler reicht“, berichtet Inga Giebel-Rodorigo vom Anfang ihrer Impftermin-Odyssee.

Die Hausärztliche Bescheinigung mit dem Wortlaut „„Bei o.g. Patientin liegt eine Erkrankung im Sinne von Paragraph 4, Ziffer 2 der Impfverordnung vor“ vom 5. März wurde bereits am 8. März abgelehnt. Begründung: Aufgrund fehlender Unterlagen könne dem Antrag nicht stattgegeben werden. „Ich habe sofort dort angerufen und um Klärung gebeten. Unsere Hausärztin hatte nämlich gesagt, dass sie aufgrund der Datenschutzgrundverordnung und Schweigepflicht genau diese Begründung abgeben sollte“, erklärt Marc Rodorigo.

Immer wieder vertröstet

Noch am selben Tag ließ sich seine Frau die Daten inklusive Medikationsplan von ihrer Hausärztin geben und reichte alles beim Kreis ein. Am 30. März erhielten die beiden Familien, die zusammen in einem Haus in Berge leben, schließlich ihre Impfpriorisierung aufgrund der vielen Vorerkrankungen.

„Auf der entsprechenden Homepage des Kreises klickte ich dann sofort auf den Bestätigungslink mit der Impfpriorisierung. Seit dem 1. April sind wir somit offiziell registriert, rufen mehrmals in der Woche an, um einen Impftermin zu erhalten“, berichtet Inga Giebel-Rodorigo.

Doch sie wurde immer wieder vertröstet. Zunächst seien die Bettlägerigen an der Reihe, dann die alten Leute entsprechend ihrer Altersgruppen. „Am 21. April rief ich dann beim HSK an, wo man mir mitteilte, dass man nicht nach Prioritätslisten vorgehe, sondern ausschließlich nach Altersgruppen. Zudem teilte man mir mit, dass laut Impfverordnung vom 20. April zwei Leute eine Person mit Pflegestufe zwei begleiten dürften. Alle drei würden dann geimpft“, so der Immobilienkaufmann.

Erfolglose Anrufe bei KVWL und HSK

Ein Anruf bei der KVWL zwecks Terminvergabe blieb erfolglos, das gehe nur über die 116117. Das nächste Telefonat beim Hochsauerlandkreis ergab, dass das Impfzentrum zuständig sei. „Über zwei Stunden habe ich versucht etwas zu erreichen. Mir wurde schließlich mitgeteilt, die Jahrgänge 46/47 wären an der Reihe. Allerdings könnte ich einen Termin für den Jahrgang 48 buchen, wenn der Patient vor dem 31. Mai geboren sei“, ergänzt Rodorigo. Die Familie erhielt weiterhin die Information, es dürfe nun doch nur eine Begleitperson mitgebracht werden, nicht, wie zuvor zugesichert, zwei.

„Ich schickte schließlich alle Unterlagen von meinem Vater ins Impfzentrum. Als Begleitperson sollte mein Mann mitgehen. Mir wurde zuvor nur gesagt, der Name wird auf den Unterlagen nicht eingetragen. Er darf aber mitgehen, da wir dieselbe Adresse haben. Das sei Pflicht“, erklärt Inga Giebel-Rodorigo. Allerdings habe sie weder eine Bestätigungsmail noch einen Anruf vom Impfzentrum Olsberg erhalten, dass ihr Vater angemeldet sei. Auf erneutes Nachfragen, ob ihr Mann überhaupt als Begleitperson mitkommen darf, wurde er mitgeteilt, dass man weder verheiratet sein, noch in einer Wohnung zusammenleben müsse. Allerdings seit ein partnerschaftliches Verhältnis erforderlich. Auf den Hinweis der Priorisierung, Pflegestufe und Systemrelevanz habe sie die Antwort erhalten, dass sich diese Fakten nicht aufaddieren ließen, es dürfe keine Bevorzugung geben.

KVWL bittet um Nachsicht und Verständnis

Doch von einer „Bevorzugung“ könne aus Sicht der Rodorigos ja nun keine Rede sein. Also blieb das Ehepaar hartnäckig. „Nur durch permanentes Anrufen habe ich einen Impftermin für meinen Vater bekommen. Am 26. April soll er jetzt seine Spritze zusammen mit meiner Mutter erhalten. In allen Kreisen gibt es eine Extra-Anmeldung für Pflegende und Personen mit Vorerkrankungen, nur nicht im HSK“, bemängelt Inga Giebel-Rodorigo. In der Nachbarkommune im Kreis Olpe etwa sei das Impfen seiner Eltern im Impfzentrum Attendorn völlig unkompliziert verlaufen, berichtet Marc Rodorigo. Sein Vater (70 Jahre) und seine Mutter (68 Jahre) hätten problemlos unabhängig von der Altersklasse sofort einen Impftermin erhalten.

Um etwas Nachsicht und Verständnis bittet wiederum die KVWL. Auf Nachfragen des SauerlandKurier erklärte Dr. Hans-Heiner Decker, Leiter der KVWL-Bezirksstelle Arnsberg: „Die Vorgaben ändern sich ständig. Derzeit dürfen beispielsweise Personen mit Pflegestufe vier und fünf zwei Begleitpersonen mitbringen.“ Es sei für alle Seiten manchmal schwierig den Überblick zu behalten. Im Impfzentrum Olsberg allerdings werde tatsächlich sehr streng nach Altersgruppe geimpft, die Verantwortlichen vor Ort würden sich dort sehr strikt halten an die Erlassstruktur des Landes halten. Dies sei nicht immer einfach zu verstehen.

Bei Impfpriorisierung besser an den Hausarzt wenden

Darum rät Decker, dass man sich mit einer Impfpriorisierung besser an den Hausarzt wenden solle. Der hätte mehr Spielraum und könne entscheiden, wie hoch die Priorisierung zum Impfen zu bewerten sei. So könnten beispielsweise auch durchaus 25-jährige mit chronischen Erkrankungen bereits jetzt geimpft werden.

Der Hochsauerlandkreis wehrt sich gegen die Vorwürfe und ist um sachliche Klarstellung bemüht. Entscheidend für das Vorgehen bei der Impfung sei neben Priorisierungsvorgabe vom Land auch die vorhandene Impfstoffmenge. So gaben Verwaltung und Impfzentrum Olsberg auf Nachfrage an, dass in der vergangenen Wochen insgesamt nur 606 Impfdosen zur Verfügung gestanden hätten, in der kommenden Woche sähe es ähnlich aus. Von den vorhandenen Impfdosen stünden laut Verordnung 90 Prozent den entsprechenden Altersgruppen zur Verfügung, lediglich zehn Prozent (also 60 Impfdosen) den Priorisierten. In der ersten Maiwoche sei sogar nur eine Lieferung von knapp 232 Impfdosen zu erwarten.

Ein Problem, was auch den Verantwortlichen vor Ort erkannt hätten, für das sie aber nicht verantwortlich gemacht werden könnten. Martin Reuther, Pressesprecher des HSK, stellte klar und deutlich heraus, dass ohne genügend Impfstoff schlichtweg keine umfassende Impfung möglich sei: „Der Impfstoff wird uns vom Land NRW gemäß Impftabelle zugeteilt. Die Menge hängt dabei ab von der Einwohnerzahl. Bei uns im HSK haben wir eine sehr hohe Impffreudigkeit; deutlich niedriger ist die in anderen Kreisen, wo Altersgruppen ihre Termine verfallen lassen“, erläutert Reuther.

HSK führt Wartezeiten auf Impfstoff-Mangel zurück

Zumindest das dürfe man durchaus positiv sehen. Man sei froh, dass die Leute geimpft werden und alle Termine ausgebucht sind. Die Wartezeiten, die für viel Ärger sorgen, seien ausschließlich den strikten Vorgaben und dem mangelnden Impfstoff zuzuschreiben. 70-jährige müssten mit Stand 23. April fünf bis sechs Tage auf ihren Impftermin warten.

„Jeder Priorisierte ist natürlich berechtigt. Und sollte mal etwas übrig bleiben, wird sofort telefoniert und an nachfolgende Personen bis spät abends verimpft. Nur, wenn nicht genügend Impfstoff vorhanden ist, kann auch nicht geimpft werden. Die Reihenfolge muss ganz einfach nach den Verordnungen eingehalten werden“, so Reuther. Der Kreispressesprecher übt sich deshalb in Optimismus: „Wir brauchen hier keine Werbung fürs Impfen. Die Leute wollen von sich aus geimpft werden. Bei uns landet 100 Prozent Impfstoff im Arm.“

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