Aktionsbündnis will Krankheit aus der Tabuzone holen

Depression hat viele Gesichter

Karl Josef Fischer ist Psychiatriekoordinator im HSK. Foto: LL

Es gibt sie durchaus, die Momente, in denen das sensible Thema „Depression“ in die Öffentlichkeit getragen wird. Zumeist handelt es sich dabei um einschneidende und tragische Ereignisse, wie den Suizid von Nationaltorwart Robert Enke im November 2009 oder den jüngst vom Co-Piloten der Germanwings-Maschine verursachten Absturz in den französischen Alpen. Doch die Diskussion ist zumeist eine Debatte der Extreme und nur von kurzer Dauer. Genau an diesem Punkt setzt das lokale Netzwerk „Bündnis gegen Depression im Hochsauerlandkreis“ an. Den Verantwortlichen geht es um eine nachhaltige Enttabuisierung und um einen bewussten Umgang mit der „Volkskrankheit“ Depression.

Es gibt sie durchaus, die Momente, in denen das sensible Thema „Depression“ in die Öffentlichkeit getragen wird. Zumeist handelt es sich dabei um einschneidende und tragische Ereignisse, wie den Suizid von Nationaltorwart Robert Enke im November 2009 oder den jüngst vom Co-Piloten der Germanwings-Maschine verursachten Absturz in den französischen Alpen.  Doch die Diskussion ist zumeist eine Debatte der Extreme und nur von kurzer Dauer. Genau an diesem Punkt setzt das lokale Netzwerk „Bündnis gegen Depression im Hochsauerlandkreis“ an. Den Verantwortlichen geht es um eine nachhaltige Enttabuisierung und um einen bewussten Umgang mit der „Volkskrankheit“ Depression.

„Psychische Erkrankungen sind in der Gesellschaft nach wie vor einer gewissen Stigmatisierung unterworfen. Hier wollen wir mit dem Bündnis Abhilfe schaffen. Es geht darum, den Menschen zu vermitteln, dass Depression behandel- und heilbar ist, sofern sie sich dem Thema nicht verschließen“, weiß Karl Josef Fischer, Geschäftsstellenleiter im Gesundheitsamt des HSK und seit 20 Jahren Psychatriekoordinator für den Hochsauerlandkreis.

Rund vier Millionen Menschen leiden alleine in Deutschland an einer Depression. Dabei sind Frauen doppelt so häufig betroffen wie Männer. Die Suizidrate hingegen ist bei Männern deutlich höher – insbesondere im Alter. „Frauen öffnen sich eher und nehmen auch Hilfsangebote an, während Männer sich oft in den Alkohol flüchten. Besonders häufig ist zu beobachten, dass Männer sich im Alter suizidieren, nachdem ihre Partnerin verstorben ist“, erklärt Fischer dieses Phänomen.

"Depression kann jeden treffen und ist behandelbar"

Der 62-Jährige trat 1995 seine Funktion als Psychiatriekoordinator im Gesundheitsamt des Kreises an, um eine bessere psychiatrische ambulante und teilstationäre Versorgung in der Region aufzubauen. Eine „Mammutaufgabe“, die zwar noch nicht abgeschlossen sei, aber immer noch Spaß mache, so der gebürtige Bödefelder. Ohne diese jahrzehntelange intensive Vorarbeit wäre auch die Gründung des „Bündnis gegen Depression im Hochsauerlandkreis“ im Jahr 2013 kaum möglich gewesen. Die Schirmherrschaft über das Bündnis hat seither Landrat Dr. Karl Schneider inne, zudem unterstützt der HSK die sechs Beratungsstellen in Marsberg, Brilon, Winterberg, Schmallenberg, Meschede und Arnsberg jährlich mit 240.000 Euro an freiwilligen Leistungen.

Unter dem Leitsatz „Depression hat viele Gesichter, kann jeden treffen und ist heilbar“ sind die Verantwortlichen auf den verschiedensten Wegen um Aufklärung bemüht. Neben Informationsveranstaltungen mit Fachvorträgen renommierter Experten und Schulungen hat das Bündnis einen Infoflyer entwickelt, der nicht nur über die Depression als Krankheitsbild informiert, sondern auch die Kontaktdaten jeglicher regionaler Hilfsangebote und Ansprechpartner enthält. Zudem gibt es einen „Depressions-Schnelltest“.

„Jede Depression ist sehr individuell. Wenn man selbst das Gefühl hat, aus der Traurigkeit und Antriebslosigkeit nicht mehr herauszukommen, dann sollte man sich Hilfe suchen“, rät der 62-jährige Diplom-Psychologe. Auch werde eine Depression oftmals fälschlicherweise mit „Burn-Out“ gleichgesetzt. Der Begriff helfe zwar den Betroffenen, da er gesellschaftlich anerkannt und somit „salonfähig“ sei, diagnostisch handele sich bei „Burn-Out“ aber eher um eine Ausprägung beziehungsweise Vorstufe der Depression.

Hilfe zur Selbsthilfe

Medizinisch betrachtet lässt sich eine Depression am Besten als bio-psychosoziales Modell beschreiben. Der Teilbegriff „bio“ umschreibt eine genetische Vorprägung, der Aspekt „psychosozial“ bezieht sich auf die Frage, ob ein Mensch in seiner Kindheit in einem stabilen Beziehungsgefüge aufgewachsen ist und Selbstvertrauen gelernt hat. Wer ohnehin wenig belastbar ist und dann eine persönliche Lebenskrise durchmacht, könne schnell in eine Depression fallen, erklärt Fischer.

Um möglichst alle Bevölkerungsschichten zu erreichen und andere Zielgruppen anzusprechen, widmet sich das Bündnis schwerpunktmäßig den Themen „Depression im Alter“ und „Depression bei Kindern und Jugendlichen“. Dazu wird es am 12. Juni im Schmallenberger Lichtwerk erstmals ein „Rock gegen Depressionen“-Konzert mit den Bands A45 und Far Out geben. Zudem findet morgen, Donnerstag, 16. April, in Hallenberg eine Bürgerinfoveranstaltung statt. Referieren wird Priv.-Doz. Dr. Stefan Bender (Ärztlicher Direktor der LWL-Kliniken Marsberg). Die Veranstaltung beginnt um 19 Uhr im Infozentrum „Kump“. Der Eintritt ist frei.

„Wir können nicht jeden Suizid verhindern, aber wir können informieren und den Menschen helfen, über ihr Krankheitsbild zu sprechen und sich Hilfe zu suchen“, so Karl Josef Fischer – Hilfe zur Selbsthilfe als Weg aus der Krise sozusagen.

Weitere Infos: www.depression-hochsauerlandkreis.de/

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