Kommentar: Ein bürokratischer Unfug

Man stelle sich folgendes Szenario vor: Die Schützen marschieren ins Festzelt. Der letzte macht die Tür zu und schließt ab. Draußen stehen die Frauen und dürfen nicht mitfeiern. So oder so ähnlich könnten sich die Finanzämter das vorgestellt haben. Und daraufhin entschlossen sie, einen Brief an den Sauerländer Schützenbund zu schicken und zu drohen, ihnen die steuerliche Gemeinnützigkeit abzuerkennen, wenn sie nicht auch Frauen in ihren Reihen aufnehmen. Das Szenario ist zwar überspitzt, aber dennoch: Willkommen in der Bürokratie!

Ich bin mir sicher, dass die Finanzbeamten nach bestem Wissen und Gewissen gehandelt haben. Ich bin mir auch sicher, dass sie ihre Entscheidung im Einklang mit der aktuellen Gesetzeslage getroffen haben. Das ändert aber nichts daran, dass sich die Drohung, Schützenvereinen die Gemeinnützigkeit abzuerkennen, wie grober bürokratischer Unfug anfühlt.

Seit wann leisten die Vereine nur dann etwas für die Allgemeinheit, wenn jeder bei ihnen mitmachen darf? Was würden denn Verantwortliche von Männer-/Frauen- oder Kinderchören dazu sagen? Oder von der kfd? Oder, oder, oder... Beispiele von Gemeinschaften, die die Finanzämter ebenso ins Visier hätten nehmen müssen, gibt es zuhauf. Alle haben gemeinsam, dass sie nur einen Teil der Bevölkerung als Mitglied akzeptieren. Und doch sind sie gemeinnützig im wahrsten Sinne des Wortes. Denn sie leisten etwas für das Allgemeinwohl. In vielen Orten sind die Vereine „treibende Kraft“ wenn es um Dinge wie die Dorfsäuberung, das Abholen der Weihnachtsbäume, Altpapiersammlungen und die Organisation von Osterfeuer oder Martinszug geht. Dass es jetzt Bürokraten gibt, die dieses Engagement in Frage stellen wollen, wirkt befremdlich, ja fast schon verstörend.

Richtig absurd wird es, wenn man sich anschaut, woher die „geänderte Rechtsprechung“ kommt, auf die sich die Finanzämter berufen. Das Finanzgericht Düsseldorf hatte entschieden, dass Freimaurerlogen nicht gemeinnützig sind. Freimaurerlogen. Also Gemeinschaften, an deren wichtigstem Ritual, der sogenannten Tempelarbeit, nur männliche Mitglieder teilnehmen dürfen. Das wäre so, als wenn nur die Mitglieder des Frauenchores zu dessen Konzert kommen dürften. Wenn die Finanzämter Vereine mit Freimaurern gleichsetzen, dann haben sie den Sinn der Vereine nicht verstanden.

Ob die Schützenvereine auch Frauen als Mitglieder aufnehmen sollen, das steht auf einem anderen Blatt. Diese Diskussion ist längst überfällig, für Antworten sind aber nicht die Finanzämter zuständig. Auch nicht in Zeiten überbordender Bürokratie. 

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