Musik beginnt dort, wo Worte enden

Einfühlsame Konzertlesung soll Schüler für Essstörungen sensibilisieren

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Immer wieder wirft Jana Crämer ihrem besten Freund Batomae vertraute Blicke zu – so auch bei der einfühlsamen Ballade „Unvergleichlich“, dem Titelsong für ihren Roman.

Meschede/Hochsauerland. Zaghaft steht die zierliche Frau im Hintergrund der abgedunkelten Aula im Berufskolleg Meschede, nestelt sich nervös an ihrer mit bunten Ornamenten verzierten, weiten Bluse und mustert mit verstohlenem Blick das Geschehen vor ihr. Ein klein wenig verloren wirkt sie, zwischen den zahlreichen bunten Scheinwerfern, Plakaten und Bannern. Hin und wieder huscht ein verlegenes Lächeln über ihr angespanntes Gesicht. Wohl scheint sie sich nicht zu fühlen. Ganz anders als der junge Mann, der nur wenige Meter von ihr entfernt am Mikrofon steht. Er ist präsent. Drei-Tage-Bart, tätowierte Arme, tiefblaue Augen – die schneeweiße Gitarre lässig um den Hals geschnallt, schäkert er mit den Damen in der ersten Reihe. Dann ergreift er das Wort: „Das ist meine beste Freundin Jana.“ Die neugierigen Blicke der über 200 Schüler im Publikum richten sich sofort auf das 1,68 Meter kleine Persönchen, das mit zögerlichen Schritten, aber überraschend klarem und aufgeschlossenen Blick die provisorische Bühne betritt. „Sie leidet an der Essstörung ,Binge Eating‘ (auf Deutsch ,Fress-Gelage‘) und wird euch heute aus ihrem Leben erzählen – als das Mädchen aus der ersten Reihe.“

Sie, das ist Jana Crämer, Jahrgang 1982, jahrelang Managerin der erfolgreichen deutschen Popband „Luxuslärm“. Ihr bester Freund ist David Müller, ehemaliger Bassist der Band, der mittlerweile unter dem Künstlernamen „Batomae“ Solopfade beschreitet. Gemeinsam sind sie im Rahmen des Präventionsprogramms „bauchgefühl“ des BKK Landesverbandes Nordwest an diesem Tag nach Meschede gekommen, um sich mit einer außergewöhnlichen Mischung aus Konzert und Lesung gegen Schönheitsideale, Schubladendenken und Leistungsdruck auszusprechen und auf diese Weise das Leben und vor allem die Freundschaft zu feiern.

Mit im Gepäck hat Jana Crämer dabei ihren Debütroman „Das Mädchen aus der 1. Reihe“, in dem sie als Protagonistin „Lea“ autobiographisch und mit ergreifenden Worten über ihre Vergangenheit, den alkoholkranken Vater, ihre Fressattacken, Mobbing und Selbsthass ebenso schonungslos offen und ehrlich berichtet wie über Glücksgefühle bei Konzerten ihrer Lieblingsband, das damit verbundene Kennenlernen ihres besten Freunds David (im Buch „Ben“) und den einzigartigen Stellenwert von Freundschaft. „Das Buch ist meine Erklärung und meine Entschuldigung an David. Ich habe lange Zeit alles an ihm ausgelassen. Er war mein Ventil. Je mehr ich unter mir selbst gelitten hab, desto mehr musste er unter mir leiden. Doch egal, wie grausam ich auch zu ihm war – er hat bedingungslos zu mir gestanden. Dabei hat er von nichts gewusst“, erklärt die sympathische Autorin im Gespräch mit dem SauerlandKurier. Aus ihrem Blick spricht Ungläubigkeit und tiefe Dankbarkeit.

Bis zu 10.000 Kalorien pro Mahlzeit

In ihrer Rolle als „Luxuslärm“-Managerin habe sie damals perfekt funktioniert, berichtet Jana Crämer weiter. „Während ich mich auf Tour tagsüber im Beisein der Bandmitglieder am Buffet fast nur von Salat ohne Dressing ernährt habe, schloss ich mich nach den Auftritten mit den heimlich eingesteckten Resten vom Catering in meinem Hotelzimmer ein und stopfte gnadenlos alles in mich rein. Die widerliche Masse quoll in meinem Bauch derart auf, dass ich oft vor Schmerzen gekrümmt geweint habe und bis zum nächsten Morgen wach lag.“ Wenn das Buffet nichts mehr hergab, dann musste auch mal Olivenöl mit Zuckerstückchen herhalten. In ihrer schlimmsten Phase aß die junge Frau bis zu 10.000 Kalorien bei einer Mahlzeit, das sind umgerechnet acht bis neun Maxi-Menüs bei McDonald´s und damit fast das Fünffache des Tagesbedarfs eines durchschnittlichen Erwachsenen. Sie wog zwischen 170 und 180 Kilogramm – bei einer Körpergröße von 1,68 Meter.

"Ich musste immer mehr in mich reinstopfen - um mich selbst zu bestrafen."

Ein eingespieltes Team: Batomae und Jana Crämer wollen nicht nur für Tabuthemen sensibilisieren, sondern auch für Freundschaft und Vertrauen werben. 

„Während es ganz am Anfang tatsächlich noch etwas mit Genuss zu tun hatte, war es irgendwann nur noch ekelhaft. Aber ich konnte nicht aufhören, musste immer mehr in mich reinstopfen – um mich selbst zu bestrafen.“ Wofür und vor allem warum, dieser Ursache geht Jana Crämer seit Kurzem unter anderem mit professioneller Hilfe durch einen Psychiater auf den Grund. Es habe auf jeden Fall etwas mit dem ständigen Leistungsdruck und dem Funktionieren-Müssen zu tun – und mit ihrer Kindheit. Ihr Vater sei schwerer Alkoholiker gewesen, auch wenn er seiner Familie gegenüber niemals gewalttätig geworden sei. „Vielleicht habe ich die Maßlosigkeit, die er beim Trinken hatte, schon immer beim Essen gehabt“, mutmaßt die junge Autorin. Ihr bester Freund David Müller erklärt die Attacken so: „Wenn sie sich einer Situation oder Aufgabe nicht gewachsen fühlt, dann muss Jana die Leere mit Essen füllen. Außerdem kann sie keine Komplimente annehmen. Leider bis heute nicht.“

Ein Roman als Lebensbeichte

Diese Unfähigkeit war allerdings einer der Hauptgründe dafür, dass das Projekt der Konzertlesungen überhaupt entstanden ist. Denn nachdem Jana Crämer irgendwann an dem Punkt angekommen war, an dem sie es nicht mehr ausgehalten hat und sich alles von der Seele schreiben musste, überreichte sie ihre ,Lebensbeichte‘ an ihren besten Freund, verbunden mit der Bitte, doch einen Titelsong für sie zu schreiben. Das war die Chance, auf die Singer und Songwriter Batomae schon lange gewartet hatte: „Endlich konnte ich meine beste Freundin verstehen und hatte die Gelegenheit, ihr durch meine Augen mitzuteilen, wie ich sie sehe und für wie besonders ich sie halte. Denn bei Musik hört Jana zu. Das ist die Sprache, die sie versteht.“ So steht die Konzertlesung auch nicht von ungefähr unter dem Motto: „Musik beginnt dort, wo Worte enden.“

Zurückhaltende Wortakrobatin und bühnenerfahrener Frontmann

Doch im Grunde genommen ist es die perfekte Symbiose aus beiden Welten, die die Veranstaltung so ergreifend, nahbar und außergewöhnlich macht. Auf der einen Seite die schüchterne, zurückhaltende Wortakrobatin, die in ihrer auf das absolut Wesentliche reduzierten Darbietung allein mit ihrer Stimme und Mimik Weltschmerz, Selbsthass aber auch Euphorie und Verträumtheit auf sich vereinen kann. Auf der anderen Seite der bühnenerfahrene Frontmann und Entertainer, der nicht nur mit extremer Lässigkeit und Offenheit beim jungen Publikum punktet, sondern der mit seiner extrem wandelbaren und eindringlichen Stimme zwischenzeitlich den gesamten Raum für sich einnimmt. Die musikalische Bandbreite ist dabei überaus erstaunlich und stets passend zur jeweiligen vorgetragenen Textpassage des Buches ausgewählt. Neben vier eigenen Songs interpretiert Batomae (der sich als Solokünstler wiederentdeckt hat und dessen Namen sich deshalb vom Englischen „back to me“, also „zurück zu mir selbst“, ableitet) unter anderem Songs von Joe Cocker („You Are So Beautiful“), Maroon 5 („Harder to breathe“) oder – das absolute Lieblingslied von Jana beziehungsweise der Protagonisten Lea – „Rebel Yell“ von Billy Idol.

Achterbahnfahrt der Gefühle

Dabei nimmt das Duo das Publikum mit auf eine Achterbahnfahrt der Gefühle. Die Atmosphäre zieht auch die Schüler, die anfangs überwiegend skeptisch, teils teilnahmslos oder gar spöttisch das Geschehen verfolgten, in ihren Bann. Wenn Batomae, der gleich zu Beginn der Veranstaltung schmunzelnd erkannt hatte, „dass man in Meschede erstmal liefern muss“, zur Gitarre greift und die Jungen und Mädchen zum Mitklatschen und -singen animiert, dann verwandelt sich die Aula ganz schnell in einen Konzertsaal. Von der anfänglichen Zurückhaltung ist nichts mehr zu spüren, die Stimmung ist ausgelassen.

Dann erhebt Jana ihre feste, klare und so gar nicht zaghafte Stimme. Mitten in die Euphorie hinein schlüpft sie in die Rolle der Lea und berichtet von fiesen Mobbingattacken in der Schule, Schikanierungen und der Widerwärtigkeit des eigenen Körpergefühls. Spätestens, als sie von ihrem alkoholkranken Vater erzählt, der betrunken auf der Couch liegt, sich die Mückenstiche am Körper aufkratzt und das Blut genüsslich von den Fingern leckt, steigt unweigerlich Übelkeit bei den Zuschauern hoch. Es ist mucksmäuschenstill.

Eine bemerkenswerte Verwandlung

Überhaupt ist es bemerkenswert, welche Verwandlung Jana Crämer, die mithilfe von Ernährungsberatern mittlerweile über 80 Kilogramm abgenommen hat, auf der Bühne durchmacht. Hatte sie im Vorgespräch noch davon berichtet, wie wahnsinnig viel Überwindung sie es jedes Mal kostet, vor das Publikum zu treten und einen derart tiefen Einblick in ihr Seelenleben zu gewähren, so ist davon von der ersten Minute an nichts mehr zu spüren. Sie, die sich vor Konzertbeginn noch verloren im Hintergrund aufgehalten hatte, ist plötzlich Mittelpunkt des Geschehens. Quasi spielend lenkt und leitet sie die Emotionen des Publikums – und bleibt dabei stets authentisch. Ganz gleich, ob sie ihrem besten Freund vertraute und schmachtende Blicke zuwirft, wenn sie eine Passage über ihr Kennenlernen vorstellt, oder mit brüchiger Stimme ihr mangelndes Selbstwertgefühl schildert und dabei bewusste Sprechpausen einlegt, um den Worten mehr Nachdruck zu verleihen – sie bleibt stets glaubwürdig und bei sich selbst. Diese Art der Darbietung kommt bei den Schülern an. Sie merken: Da ist nicht jemand, der nur eine Geschichte vorliest, sondern der von seinem Leben erzählt – mit all seinen Facetten, Problemen und Emotionen.

"Gefühle sind nicht uncool."

„Genau darum geht es uns auch. Wir wollen selber ja gar nicht perfekt sein, sondern den Jugendlichen zeigen, dass es gerade die Fehler sind, die einen Menschen besonders machen. Und dass sie dazu stehen sollen. Gefühle sind nicht uncool – nur so funktioniert Freundschaft“, erklärt David Müller. Deshalb wolle das Duo mit seinen Konzertlesungen den Schülern auch hauptsächlich Mut machen, über Tabuthemen zu sprechen und sich einander anzuvertrauen.

Dieser pädagogische Ansatz ist es wiederum, der die Vertreterinnen des Berufskollegs Meschede für die Veranstaltung begeistern konnte. Sandra Brand, Pädagogische Fachleiterin für Ausbildungsvorbereitung und Berufsfachschule sowie „Fit für mehr“-Klassen und Schulsozialarbeiterin Silvia Hunold wurden bei der Auftaktveranstaltung zum Präventionsprogramm „bauchgefühl“ des BKK Landesverbandes Nordwest auf Batomae und Jana Crämer aufmerksam. „Wir waren damals so bewegt und begeistert, dass wir unser Glück versucht und vor Ort an einer Verlosung der Konzertlesung teilgenommen haben“, erinnert sich Silvia Hunold. Neun Berufsschulen durften sich am Ende zu den Gewinnern zählen – das Berufskolleg Meschede gehörte dazu. Doch auch ohne das Highlight der Konzertlesung können sich Berufsschulen an der Initiative beteiligen, mit der die BKK aufklären und zur Prävention von Essstörungen bei Jugendlichen beitragen möchte. Informations- und Unterrichtsmaterial wird im Rahmen des Präventionsprogramms zur Verfügung gestellt. „Wir haben es den Lehrerinnen und Lehrern an unserem Berufskolleg freigestellt, inwieweit sie das Material in ihren Unterricht einbauen und ob die heutige Konzertlesung den Auftakt, einen Bestandteil oder das Ende des Themas bildet“, erklärt Sandra Brand. Wichtig sei im Endeffekt nur, dass man die Schüler überhaupt für dieses Tabuthema sensibilisiere.

Das Mädchen aus der ersten Reihe

In Meschede scheint dieses Anliegen zweifellos gefruchtet zu haben. Nach Ende der rund anderthalbstündigen Veranstaltung verlassen die Jugendlichen bewegt die Aula – manche sind in sich gekehrt, einige regelrecht aufgekratzt. Nicht wenige gehen Arm in Arm in Richtung Ausgang. Der ein oder andere wischt sich verstohlen eine Träne aus dem Augenwinkel.

Jana Crämer sitzt noch einen Moment lang auf ihrem Stuhl. Ihre Augen sind feucht, ihr Blick wirkt erleichtert – und zugleich verunsichert. Da ist sie wieder, die Überwindung. Ihrer Körperhaltung ist anzumerken, dass die Vorlesung Kraft gekostet hat – vor allem mental. „Ich freue mich schon darauf, wenn ich ab Mai gemeinsam mit Batomae auf Tour gehen kann. Dann wird es nämlich erst eine Stunde Lesung geben und danach eine Stunde Konzert.“ Im Mittelpunkt stehen, das wird vermutlich nie ihre Welt werden. Mit funkelnden Augen ergänzt sie: „Beim Konzert kann ich endlich wieder das sein, was ich am liebsten bin: Das Mädchen aus der ersten Reihe.“

Info: Alle Informationen zum Präventionsprogramm gibt es im Internet unter www.bkk-bauchgefuehl.de. Hintergründe und weitere Infos zu den konkreten Tourterminen finden sich auf derFacebookseite von Batomae.

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