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„Eingewöhnung erleichtern“: Heimische Schulen bereiten sich auf ukrainische Kinder vor

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Von: Daniela Weber, Stefanie Schümmer

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Peace Schulen
Die Kinder und Jugendlichen aus der Ukraine willkommen heißen – das wollen nicht nur die Schüler des Gymnasiums Petrinum, die ein Zeichen für den Frieden setzten. © Privat

Der Krieg bringt den Menschen in der Ukraine großes Leid. Millionen von ihnen flüchten. Auch in NRW sind bereits die ersten Kriegsflüchtlinge angekommen. Die Zahl wird weiter steigen. Unter den Geflüchteten sind auch viele Kinder, die hier zur Schule gehen werden. Der SauerlandKurier hat sich bei einigen heimischen Schulen umgehört, wie diese sich auf die Aufnahme ukrainischer Kinder vorbereiten. 

Meschede/Brilon/Olsberg - Das Gymnasium Petrinum in Brilon, die St. Martinus-Grundschule Bigge und die St. Walburga-Realschule in Meschede haben sich bereits Gedanken gemacht, wie sie Kinder aus dem Kriegsgebiet in den Schulalltag integrieren können und welche besondere Herausforderungen dadurch auf die Schulen zukommen.

Besuchen ukrainische Kinder bereits die Schulen?

In Brilon hat die Schulabteilung am Montag zwei ukrainische Kinder ans Gymnasium Petrinum vermittelt. „Am Dienstag haben wir als Schule Kontakt zu der Familie aufgenommen, um die beiden Geschwister in den kommenden Tagen am Petrinum in Empfang nehmen zu können“, berichtet die stellvertretende Schulleiterin Svenja Möhlmeier. Anders sieht es an der St. Martinus-Grundschule Bigge und an der St. Walburga-Realschule in Meschede aus. Dort gab es bisher noch keine Anfragen.

Wie bereiten sich die Schulen auf die geflüchteten Kinder vor? Gibt es schon eine Art Konzept?

„Zunächst geht es uns darum, die ukrainischen Kinder und Jugendlichen herzlich willkommen zu heißen, sie nach den belastenden Kriegs- und Fluchterfahrungen in Ruhe ankommen zu lassen und ihnen die Eingewöhnung in ihr neues Umfeld zu erleichtern“, erläutert Svenja Möhlmeier (Gymnasium Petrinum Brilon). Oberste Priorität habe zunächst das Erlernen der deutschen Sprache, damit sich die Kinder und Jugendlichen möglichst bald umfassend am Unterricht beteiligen und neue soziale Kontakte knüpfen können. „Zugleich geht es darum, ihnen durch die Strukturierung des Alltags Sicherheit und ein Stück weit Normalität zu vermitteln und die Bildungsprozesse der Kinder und Jugendlichen aufrechtzuerhalten“, so Svenja Möhlmeier weiter.

Integration spielt die entscheidende Rolle. So berichtet die Rektorin der St. Martinus-Grundschule Bigge, Ellen Frigger: „Die Schüler werden an unserer Schule bis jetzt direkt in den Klassen integriert. Sie nehmen am Regelunterricht der Klasse teil und werden in der Regel nach ihrem Geburtsdatum einer Klasse zugeteilt. Wenn Kinder noch keine Schule besucht haben, werden sie teilweise auch heruntergestuft und in jüngeren Jahrgängen unterrichtet. Das ist immer eine individuelle Entscheidung, die vom jeweiligen Kind und seinen Voraussetzungen abhängig ist.“

Können die Schulen aus den Erfahrungen der Vergangenheit (z.B. die Flüchtlingsbewegung 2015) einen Nutzen ziehen?

Durch die Flüchtlingsbewegung 2015 konnten die Schulen schon vielfältige Erfahrungen sammeln. Für die damals aufgenommenen Schüler wurden z.B. Materialien und Lehrwerke für den Unterricht im Fach „Deutsch als Zweit-/Fremdsprache“ angeschafft, die nun wieder verstärkt zum Einsatz kommen werden, berichten alle befragten Schulen.

Ich bin mir sicher, dass sich auch in der aktuellen Situation unsere Schüler zusammen mit ihren Lehrkräften besondere Aktionen einfallen lassen, um die ukrainischen Kinder und Jugendlichen in der Schulgemeinschaft willkommen zu heißen und das Eis schnell zu brechen.

Svenja Möhlmeier, stellvertretende Schulleiterin des Gymnasium Petrinum in Brilon

Am Gymnasium Petrinum haben ein Patensystem und abwechslungsreiche Freizeit-Aktivitäten der AG „Petriner für Flüchtlinge“ das Ankommen der neuen Schüler erleichtert. „Ich bin mir sicher, dass sich auch in der aktuellen Situation unsere Schüler zusammen mit ihren Lehrkräften besondere Aktionen einfallen lassen, um die ukrainischen Kinder und Jugendlichen in der Schulgemeinschaft willkommen zu heißen und das Eis schnell zu brechen“, so die stellvertretende Schulleiterin. Motivierend sei, dass Schüler, die im Zuge der Flüchtlingsbewegung 2015 ans Gymnasium gekommen seien, mittlerweile gut Deutsch sprechen, vollständig integriert seien und erfolgreich den gymnasialen Bildungsgang besuchen. „Im Jahr 2018 konnten wir uns sogar mit einer zugewanderten Schülerin über ihr erfolgreich bestandenes Abitur freuen.“

Die Lehrkräfte der St. Walburga-Realschule haben bislang noch keine Erfahrungen mit geflüchteten Kindern an ihrer Schule gemacht – auch im Jahr 2015 nicht: „Wir stehen jedoch in engem Austausch mit den anderen Schulen in Trägerschaft des Erzbistums Paderborn und können somit bei Bedarf sofort von deren Erfahrungen bei der Beschulung geflüchteter Kinder und Jugendlicher profitieren“, betont die stellvertretende Schulleiterin Claudia Heitkamp-Kappest.

Welche Herausforderungen (oder auch Chancen) ergeben sich durch die Aufnahme von Kindern aus der Ukraine?

„Es ist immer eine besondere Herausforderung und auch Chance, Kinder mit einer anderen Muttersprache ohne Deutschkenntnisse in der Schule aufzunehmen, insbesondere, wenn sie aus einem Kriegsgebiet kommen und eventuell traumatisiert sind“, erläutert Ellen Frigger (Grundschule Bigge). Während sich Sprachbarrieren zunächst notfalls „mit Händen und Füßen“ überwinden lassen, werden größere Herausforderungen eventuell darin bestehen, das psychische und soziale Wohlbefinden der geflüchteten Kinder und Jugendlichen zu stärken. „Der Verlust von Angehörigen und Freunden, Gefühle von Heimatlosigkeit, die Sorge um Zurückgebliebene, die Angst vor der Zukunft – das sind nur einige der Aspekte, die die Kinder und Jugendlichen je nach individueller Situation aktuell bewegen dürften“, ergänzt Svenja Möhlmeier (Gymnasium Petrinum).

Grundsätzlich ist jedes aufgenommene Kind eine Chance für die Schulgemeinschaft. Wir lernen – unabhängig von der Herkunft – mit- und voneinander.

Claudia Heitkamp-Kappest, stellvertretende Schulleiterin der St. Walburga-Realschule in Meschede

Für Claudia Heitkamp-Kappest (St. Walburga-Realschule) ergeben sich – trotz aller Herausforderungen – auch Chancen: „Grundsätzlich ist jedes aufgenommene Kind eine Chance für die Schulgemeinschaft. Wir lernen – unabhängig von der Herkunft – mit- und voneinander.“

Wie viele Schüler könnten die Schulen aufnehmen?

Am Gymnasium Petrinum hängt das unter anderem vom Alter ab. Die Klassen der Jahrgangsstufen 5 bis 7 bestehen derzeit bereits aus 29 bis 31 Schüler, so dass weitere Aufnahmen mit besonderem Förderbedarf hier schwierig würden. Zudem stehen derzeit bedingt durch Sanierungsarbeiten fünf Unterrichtsräume nicht zur Verfügung.

Auch die St. Walburga-Realschule stößt derzeit bereits an ihre Grenzen. „Die Klassen sind voll, die räumlichen Kapazitäten so gut wie voll ausgeschöpft.“ Hinzu kämen noch personelle Schwierigkeiten bedingt durch die Coronapandemie und längerfristige Ausfälle in der Lehrerschaft. „Die Zeiten sind herausfordernd und verlangen uns allen viel ab. Im Rahmen unserer Möglichkeiten haben wir uns aber bisher jeder Herausforderung gestellt“, so Heitkamp-Kappest.

Was plant das NRW-Schulministerium?

Ukrainische Schulkinder sollen möglichst schnell integriert werden. Heißt: Im Normalfall werden sie in bestehende Schulklassen aufgenommen. Das NRW-Schulministerium rechnet damit, dass an vielen Schulen mehr Platz benötigt wird. Und vor allem: mehr Lehrer. Deshalb sollen pensionierte Pädagogen, Lehrkräfte aus der Ukraine und Studenten helfen.

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