"Profis sind auch nur Menschen"

Fußballkomiker Ben Redelings gastiert für den guten Zweck in Eversberg

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Ben Redelings gastiert mit seinem Programm „55 Jahre Bundesliga in 90 Minuten“ in Eversberg.

Eversberg. „Solche Geschichten schreibt nur der Fußball.“ Diesen Satz hat wohl jeder Fan der deutschen Sportart Nummer eins schon mindestens einmal gehört. Einer, der sich intensiv mit diesen Geschichten auseinandersetzt und sie bei seinen Auftritten in ganz Deutschland weitererzählt, ist Ben Redelings. Der Autor und Filmemacher kennt sie (fast) alle, die kuriosen und spektakulären Anekdoten rund um das runde Leder. Am kommenden Mittwoch, 9. Mai, tritt der gebürtige Bochumer zum „Auswärtsspiel“ an: Anlässlich des 20. Geburtstages der „Torfabrik Meschede“ wird er ab 20 Uhr mit seinem aktuellen Programm „55 Jahre Bundesliga in 90 Minuten“ in Markes Haus in Eversberg auftreten. Im Interview spricht Redelings über die zunehmende Kommerzialisierung, HSV-Mannschaftsfotos aus den 80ern und die soziale Bindung des Fußballs.

„Wandelndes Fußballlexikon“, „ungekrönter Meister im Aufspüren von kuriosen Fußballgeschichten“, Kult-Kommentator Manni Breuckmann hat Sie sogar als „Baby Schimmerlos der bunten Kickerwelt“ bezeichnet – als was sehen Sie sich denn selbst, Herr Redelings? 

Ben Redelings: „Manni Breuckmann hat ja unter anderem auch über mich gesagt, dass ich der ‘Chronist des Fußballwahnsinns’ bin und das trifft schon ziemlich gut zu. Ansonsten würde ich mich als klassischen Geschichtenerzähler sehen, der versucht, seine Leser oder Zuhörer zu unterhalten.“ 

Woher kommt Ihre Leidenschaft zum Fußball? 

Redelings: „Die ist mir in meinen Kindertagen von meiner Familie mitgegeben worden. Und dann kam vielleicht noch die glückliche Fügung dazu, dass ich im Schatten des Bochumer Ruhrstadions aufgewachsen bin und da mit dem VfL auch gleich den richtigen Verein fürs Leben finden durfte, der sich seit vielen Jahren so tapfer wie ein gallisches Dorf gegenüber den großen Nachbarn aus Gelsenkirchen und Dortmund beweist.

Durch die Dauerpräsenz in den Medien ist der Fußball so gläsern wie nie zuvor. Haben Sie manchmal die Befürchtung, dass alle Geschichten bereits erzählt sind? 

Redelings: „Gläsern ist sehr doppeldeutig: Wir haben zwar einen Sportsender, der rund um die Uhr direkt vom Sportplatz berichtet, aber am Ende bleiben relativ wenig nachhaltige und schöne Geschichten hängen. Das hat eher damit etwas zu tun, dass der Fußball sich abgeschottet hat, was beides wohl zusammenhängt: Wenn viel berichtet wird, muss man als Verein offensichtlich versuchen, sich dagegen zu wehren, indem man versucht, alles zu kontrollieren. Dementsprechend bleiben an unterhaltsamen, spannenden und menschlichen Geschichten tatsächlich relativ wenige hängen und das ist ein bisschen schade.“ 

"Vereinen geht Leidenschaft und Geld flöten"

Wie gelingt es Ihnen dennoch, immer neue Anekdoten aufzuspüren? 

Redelings: „Man muss manchmal ein bisschen warten, natürlich immer ein waches Auge haben und seine Lauscher überall haben. Dazu sollte man sich mit Leuten umgeben, die dem Fußballbusiness sehr nahe sind. Dann hat man hier und da schon mal die Chance, ein paar Geschichten abzugreifen. Aber ich gebe auch offen zu: Es ist wahnsinnig schwer geworden in den letzten Jahren. Ich gucke deshalb gerne immer mal mit einem Zeitabstand von zehn bis 15 Jahren auf die Ereignisse zurück und dann hat man genug alte Recken, die einem schon Geschichten von damals erzählen.“ 

Die Vereine schotten sich ab, es gibt unzählige Diskussionen über Videobeweis, Montagsspiele oder aberwitzige Transfersummen. Bekommt man da nicht den Eindruck, dass sich der Fußball immer mehr von der eigentlichen Basis entfernt? 

Redelings: „Bis auf ganz wenige Jahre rund um die 2000er und eventuell auch noch die WM 2006 war der Fußball eigentlich immer schon etwas, bei dem die Fans nicht unbedingt total nah dran waren. Es haben sich schon häufig Fans beschwert, dass ihre Stars abgehoben sind. Das Geld, was jetzt in den Markt reingespült wurde, und vor allem auch diese Dauerpräsenz in den Medien, das ist ein anderes Thema, was uns das Ganze ein bisschen verleidet. Aber ich habe den Eindruck, dass sich viele Fans ihre Rosinen rauspicken und nicht mehr alles bedingungslos konsumieren. Ich glaube, da wird etwas Spannendes raus entstehen, weil den Vereinen irgendwann möglicherweise doch ein bisschen von dem flöten geht, was sie brauchen – und zwar die Leidenschaft und das Geld der Fans. Und wenn beides ein bisschen weniger wird, dann müssen die Vereine irgendwann reagieren. Da bin ich Optimist.“ 

Hat die rasant fortschreitende Kommerzialisierung einen konkreten Einfluss auf Ihre Arbeit? Macht sie Ihnen heute noch genau so viel Spaß wie früher? 

Redelings: „Ehrlich gesagt macht es mir wieder mehr Spaß. In den letzten Jahren waren sicherlich Situationen dabei, in denen ich dachte, dass ich mich so weit vom Fußball entfernt gefühlt habe, dass ich dachte, die Kommerzialisierung könnte einem das richtig verleiden. Aber das sind alles – und das ist das schöne, wenn man sich das vergegenwärtigt – nur Menschen, die sich da in der Bundesliga rumtummeln. Und wo Menschen sind, da gibt es auch menschliche und schöne Geschichten. Ich bin relativ optimistisch, dass auch die Vereine bald wieder erkennen, dass man in diese Richtung arbeiten muss. Und wenn wir wieder mehr Geschichten zu erzählen haben, dann werden die Leute wieder näher an den Fußball ranrücken. Und dann wird es möglicherweise alles wieder netter und menschlicher für alle.“ 

"Begeistert, dass Jonas Hector verlängert hat"

Woran haben Sie denn festgemacht, dass Sie sich vom Fußball entfernt haben? 

Redelings: „Wenn ich heute ein Mannschaftsfoto vom HSV aus den 80er-Jahren sehe, dann kann ich da mindestens neun Spieler sofort auf den ersten Blick beim Namen nennen. Wenn ich die HSV-Mannschaft von vor drei Jahren jetzt aufzählen sollte, würde ich möglicherweise nur zwei oder drei Namen zusammenkriegen. Und das ist ist natürlich ein Problem, wenn die Spieler ständig weg sind, bevor man sich überhaupt mit denen identifizieren konnte. Das macht eine Annäherung sehr, sehr schwer. Deshalb haben aber auch alle so wahnsinnig begeistert vernommen, dass Jonas Hector in Köln verlängert hat. Das sind seltene Erscheinungen, die aber vielleicht in Zukunft wieder vermehrt passieren werden.“ 

Ihr aktuelles Programm, mit dem Sie auch in Eversberg gastieren, heißt „55 Jahre Bundesliga in 90 Minuten“. Wie schwer war es, 55 Jahre in 90 Minuten zu packen? 

Redelings: (lacht) „Der Name des Programms ist natürlich eine total überzogene Aussage, die schon fast in eine Mario Baslerische Dimension reicht. Es ist völlig unmöglich, 55 Jahre Bundesliga in 90 Minuten zu packen. Ich habe es selbst bei meinem Buch bei 416 Seiten nicht mal annähernd geschafft, all das Schöne der Fußball-Bundesliga aufzuschreiben. Aber wir werden in den 90 Minuten auf jeden Fall eine Menge Spaß haben und danach sicherlich einige Typen der Bundesliga abgefeiert haben, die es verdient haben, erwähnt zu werden.“ 

Was erwartet die Besucher denn konkret an diesem Abend? 

Redelings: „Wir werden uns definitiv genauer die Geschehnisse rund um den berühmten Hundebiss an Friedel Rausch 1969 in der Roten Erde anschauen. Zudem werden wir uns auf jeden Fall verschiedene Schiedsrichter anschauen – Wolf-Dieter Ahlenfelder etwa, auch Walter Eschweiler wird eine Rolle spielen. Und wir werden natürlich in die heutige Zeit gucken und uns an dem erfreuen, was uns ein Jürgen Klopp hinterlassen hat, als er noch Bundesliga-Trainer war.“ 

"Torfabrik ist super und unterstützenswert"

Sie gastieren anlässlich des 20. Geburtstags der Torfabrik Meschede im Sauerland. Wie ist der Kontakt zustandegekommen und was halten Sie von dem Projekt? 

Redelings: „Wir sind angesprochen worden und da hat man natürlich genau den Richtigen gefragt. Denn wenn irgendwer versteht, was der Fußball bewirken kann, was er für eine großartige soziale Bindung haben kann und was er für einen Spaß und Freude bereiten kann, dann bin ich das sicherlich. Ich finde das Projekt super und unterstützenswert und als die Anfrage kam, haben wir nicht lange darüber nachgedacht, zu diesem besonderen Jubiläum zuzusagen und das für die gute Sache zu unterstützen.“ 

Deshalb verzichten Sie auch auf ihre Gage für diesen Abend? 

Redelings: „Absolut. Ich finde es klasse, dass sich da seit 20 Jahren Leute engagieren, damit Menschen mit geistiger Behinderung zusammenkommen können und einfach Fußball spielen können. Das kostet natürlich auch Geld neben dem ehrenamtlichen Engagement und wenn man ein bisschen dazu beitragen kann, dann tue ich das gerne und freue mich natürlich, wenn möglichst viele Leute kommen und das Ganze dann durch ihre Anwesenheit unterstützen.“

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