Projekt für Menschen mit geistiger Behinderung gestartet

Gelebte Inklusion

Zielgerichtet: Jana Schaal, Elena Duplischtschev, Jessica Peters und Andrea Miske (von links) wollen mit dem Projekt „PiA“ junge Erwachsene mit geistiger Behinderung für eine Berufstätigkeit in der stationären Altenhilfe qualifizieren.

Aus der Not eine Tugend machen – so in etwa könnte man das Ziel des ambitionierten Pilotprojektes beschreiben, das Anfang dieses Monats in Meschede gestartet ist und in seiner Konzeption und geplanten Realisierung landesweit einzigartig ist. Ziel der Initiatoren ist es, die auf den ersten Blick so weit voneinander entfernt scheinenden gesellschaftlichen Herauforderungen „Pflegenotstand“ und „Inklusion“ miteinander zu verknüpfen. Mehr noch: es geht darum, aufzuzeigen, dass junge Menschen mit einer geistigen Behinderung und Einrichtungen der stationären Altenhilfe durchaus voneinander profitieren können.

„Im Pflegebereich und in der Altenhilfe wird öffentlich häufig ein Notstand angeprangert, dabei ist das Potenzial durchaus in bestimmten Bereichen vorhanden – man muss es einfach nur aktivieren“, erklärt Andrea Miske die Grundidee des auf 18 Monate ausgelegten Modellprojektes „„PiA – Perspektive in der Altenhilfe“.

Die gebürtige Münsteranerin ist Referentin für Qualitätsmanagement in Altenpflegeeinrichtungen beim Deutschen Roten Kreuz Landesverband Westfalen-Lippe und Projektleiterin in Personalunion. Ihr Projekt, das von Mitarbeitern der Diakonie Ruhr-Hellwig sowie des Integrationsfachdienstes Meschede (Ifd) mitgestaltet wird, richtet sich an junge Menschen mit einer geistigen Behinderung, die sich im Übergang Schule-Beruf oder im Übergang Werkstatt–Allgemeiner Arbeitsmarkt befinden und sich für eine Berufstätigkeit in Einrichtungen der stationären Altenhilfe (zum Beispiel Seniorenheime) qualifizieren möchten. „Aufgrund des bestehenden und zunehmenden Fachkräftemangels bestehen hier gute Chancen auf eine Beschäftigung im Bereich niedrigschwelliger Tätigkeiten“, so Miske. Diese Tätigkeiten umfassen die Bereiche Garten- und Landschaftsbau ebenso wie einfache betreuende Aufgaben, etwa die Begleitung bei Spaziergängen.

Durch diese Spezialisierung besteht für die Projektteilnehmer die Option, die Grundqualifikation für Alltagsbegleiter (nach Paragraph 87b) zu erwerben – für die Menschen mit geistiger Behinderung eine einmalige Chance, erste Erfahrungen auf dem Arbeitsmarkt zu sammeln.

Damit die Teilnehmer – derzeit sind es zehn – einer derartig verantwortungsvollen Aufgaben in Zukunft auch tatsächlich gewachsen sind, durchlaufen sie in den 18 Monaten intensive theoretische und praktische Phasen. Der schulische Teil der Qualifizierung etwa findet freitags jeweils von 8 bis 12 Uhr in den Räumen des DRK Ortsvereins Meschede/Eslohe in Meschede statt.

„Empfindlichkeiten spielen große Rolle“

Neben fachspezifischen Kenntnissen (etwa Krankheitsbilder, Demenz, Erste-Hilfe-Leistung) und Fertigkeiten werden soziale Schlüsselqualifikationen vermittelt – natürlich auf angemessene und oft spielerische Weise, da der Unterricht durchgehend von einer erfahrenen Dozentin und mit Unterstützung einer Ergotherapeutin der Diakonie-Ruhr-Hellweg geleitet wird.

„Ein Hauptaugenmerk liegt auf der Frustrationstoleranz und der Emotionskontrolle, weil bei Menschen mit geistiger Behinderung Empfindlichkeiten eine große Rolle spielen“, erklärt Andrea Miske. So würden sie sich schneller zurückgesetzt und nicht akzeptiert fühlen, was wiederum eine große Sensibilität voraussetze. Diese vermeintliche Schwäche kann nach Ansicht der Projektleiterin aber zugleich auch in der beruflichen Praxis eine große Stärke sein, da die Menschen besonders emotionsgeprägt sind und sich deshalb sehr gut auf die Patienten einlassen und – etwa bei Demenz – ihre Realität akzeptieren können.

Aus diesem Grund bietet die Qualifizierung den Teilnehmern auch die Möglichkeit, ihr theoretisch erworbenes Wissen direkt im Praktikum umzusetzen und zu erproben. So lernen sie an drei beziehungsweise vier Tagen in der Woche die betriebliche Wirklichkeit bei Einrichtungen der stationären Altenhilfe in der Region kennen und können sich in einem geschützten und von Mitarbeiterinnen des Ifd Meschede begleiteten Rahmen mit ihr auseinandersetzen. Auf der anderen Seite bietet das Projekt den Einrichtungen die Möglichkeit, die jungen Menschen kennenzulernen und einen Blick dafür zu entwickeln, wo deren besondere Fähigkeiten liegen – auch im Hinblick auf eine mögliche spätere Beschäftigung.

Das Projekt „PiA“ endet am 30. Juni 2015. Neben dem Anliegen, so viele Teilnehmer wie möglich auf dem Arbeitsmarkt zu vermitteln, haben die Initiatoren laut Andrea Miske aber noch ein übergeordnetes Ziel: Die Inklusion von Menschen mit geistiger Behinderung „gesellschaftsfähig“ zu machen; damit so etwas irgendwann zu einer Tugend wird – ganz ohne Not.

„PiA“ wird vom LWL-Integrationsamt Westfalen mit insgesamt 77.000 Euro über das Sonderprogramm „aktion5“ bezuschusst. (Von Lars Lenneper, l.lenneper@sauerlandkurier.de)

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