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„Gemeinsame Nenner“ pflegen

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Das Foto zeigt eine Begegnung von Repräsentanten der christlichen Gemeinden mit der Moscheegemeinde im Gemeinsamen Kirchenzentrum im März 2012.
Das Foto zeigt eine Begegnung von Repräsentanten der christlichen Gemeinden mit der Moscheegemeinde im Gemeinsamen Kirchenzentrum im März 2012.

Vor der Wohnungstür stehen Kinderrädchen. Die Blumentöpfe neben den Stufen warten auf die Frühlingssonne. Diese Details zeigen: hier wohnen Kinder, hier wohnt eine Familie mit Kindern. Es handelt sich um Familie Tekin, die seit zweieinhalb Jahren hier in Meschede lebt. Der Vater ist Vedat Tekin. Er ist der Hodscha, das heißt der Vorbeter der muslimischen Gemeinde mit der Moschee an der Jahnstraße. Nun ist Halbzeit für ihn. Im Herbst 2016 endet die Zeit in Deutschland für ihn und seine Familie. Mit welchen Erwartungen er auf diese kommenden Monate blickt, das erklärte der Hodscha kürzlich im Dialog mit Pfarrer Wilfried Oertel.

Die vergangene Zeit diente vor allem dazu, die Gegebenheiten der Gemeinde zu entdecken. Nun möchte er im Blick auf die Zukunft mehr Aktivitäten für die Jugendlichen der Gemeinde anbieten.

Gibt es im Rückblick Erfahrungen, die besonders wichtig erscheinen? Neu für ihn war, dass der Vorbeter hier eine komplexe Rolle wahrnimmt. Er ist in einer Person Vorbeter, Prediger, Lehrer, Berater und Moderator in gemeindlichen und persönlichen Angelegenheiten. Bei der Ausführung dieser vielfältigen Aufgaben habe sich der Umgang mit den Jugendlichen als große Herausforderung herausstellt, was aber gleichzeitig seinen Horizont als Hodscha bereichert hat.

Gibt es neben dem Schwerpunkt Jugend noch andere Aspekte von hoher Priorität? Aus seiner Sicht betrachten die Gemeindemitglieder Deutschland als ihr Heimatland. Doch tauchen auch manchmal Fragen und Klagen auf wegen Nachteilen aufgrund der Religion. Eine soziale und gerechte Lebensgrundlage wäre wünschenswert, auf der sich jeder Bürger wohlfühlt. Deshalb sollte die Religionsfreiheit für alle gleichermaßen gelten, so der Hodscha.

Und wie beschreibt er das Verhältnis der Mescheder Moscheegemeinde zur allgemeinen Öffentlichkeit? Gibt es Möglichkeiten der Verbesserung? Die muslimische Gemeinde habe eine gute Beziehung zur allgemeinen Öffentlichkeit. Fernab von irgendwelchen Anzeichen des Fremdseins versuchen ihre Mitglieder fast überall gesellschaftliche Verantwortung wahrzunehmen. Ihr Engagement rühre in erster Linie aus einer positiven deutsch-türkischen Grundhaltung heraus. Sicherlich gebe es Möglichkeiten der Verbesserung, aber das habe auch mit finanziellen und personellen Voraussetzungen zu tun, die die Gemeinde an ihre Grenzen bringen.

Und wie wird das Verhältnis zur katholischen und evangelischen Ortsgemeinde beschrieben? Gibt es auch hier Möglichkeiten der Verbesserung? Das Verhältnis ist nach Ansicht von Vedat Tekin „gut bis sehr gut“. Zugleich sei es aber auch ausbaufähig. Laut Koran zählen die Christen zu jenen Schriftbesitzern, die den Muslimen am nächsten sind. Entsprechend dieser Feststellung sei es sogar eine religiöse Pflicht, die Beziehung zu den katholischen und evangelischen Ortsgemeinden permanent auszubauen. Für die Enkelkinder Adams gebe es einen großen gemeinsamen Nenner. Dieser Nenner solle gepflegt werden durch gegenseitige Einladungen, regelmäßige Gespräche und gemeinsame Projekte.

Gibt es einen speziellen persönlichen Wunsch für Hodscha Tekin für die nächsten zweieinhalb Jahre hier in Deutschland? Ganz oben steht die Hoffnung auf eine doppelte Staatsbürgerschaft für alle türkischstämmigen Mitbürger ohne jegliche Optionsauflagen. Daneben steht – mehr alltagspraktisch – der Wunsch, dass sich muslimische Schüler anlässlich des Ramadan- und Opferfestes ohne „Entschuldigung“ vom Unterricht befreien lassen könnten. Zweieinhalb Jahre in Deutschland zu leben, heißt auch, Einblicke in das Leben hier zu bekommen und zu vertiefen. Gibt es etwas, was im positiven Sinn berührt oder auch fremd geblieben ist? Hodscha Tekin spricht über viele Gelegenheiten, die ihm Eindrücke über das Leben hier verschafft haben. Gleichzeitig relativiert er dies wegen der begrenzten Zeit. Er betont aber als besonderen Eindruck die Hilfsbereitschaft der Deutschen gegenüber Fremden.

Am Ende kommt das Gespräch noch einmal auf die Familie. Die Kinder gehen hier in Meschede zur Schule und in den Kindergarten. Konnten sich die Kinder in diesen Einrichtungen zurechtfinden und haben sie Freunde gefunden? Die älteste Tochter besucht derzeit die fünfte Klasse des Benediktiner Gymnasiums. Die mittlere Tochter geht in die erste Klasse der Marienschule. Und die Jüngste ist im Johanneskindergarten. Alle drei fühlen sich sehr wohl. „Warum auch nicht?“, fragt er. Schließlich haben die Schulen und Kindergärten in Deutschland eine tolle Ausstrahlung mit vielfältigen Räumen für Kommunikation und Freundschaft. Die Kinder erzählen immer wieder, wie schnell sie sich mit Gleichaltrigen und somit auch mit der deutschen Sprache befreundet haben. Das ist für sie ein Gewinn in doppelter Hinsicht.

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