"Hört auf mit Vorurteilen"

Auch Mädchen können MINT: Girl'sDay-Netzwerk diskutiert Einfluss der Eltern auf die Berufswahl

+
Ulla Schneider (Kommunale Koordinationsstelle Übergang Schule-Beruf HSK), Andrea Bergmann ( Kommunale Koordinationsstelle Übergang Schule-Beruf Kreis Soest), Cornelia Homfeld (Agentur für Arbeit Meschede-Soest) sowie Olga Harms und Dr. Stefan Brämer (Uni Magdeburg) appellieren an mehr Offenheit für MINT-Berufe.

Hochsauerland. Mit Zahlen jonglieren, chemische und physikalische Experimente durchführen oder am PC programmieren – MINT-Berufe sind vor allem für Jungen interessant, Mädchen zieht es häufig in die klassischen Frauenberufe. Dabei steht fest: „Mädchen können alles werden“ – so lautet zumindest das Motto des regionalen Girls’ Day-Netzwerks im Hochsauerlandkreis und Kreis Soest. Im Rahmen einer Fachtagung an der Fachhochschule Meschede diskutierten nun Verantwortliche, die junge Menschen auf dem Weg ins Berufsleben unterstützen, über den Einfluss der Eltern bei der Berufswahl junger Frauen im MINT-Bereich.

„Hört auf mit Vorurteilen“, appellierte Andrea Bergmann von der Kommunalen Koordinierungsstelle im Kreis Soest. Die Koordnierungsstelle, die es auch im Hochsauerland gibt, dient als Schaltstelle zwischen Lehrer, Eltern, Arbeitgebern und Hochschulen. Im Rahmen einer Informationsveranstaltung am Mittwoch, 6. März, um 18.30 Uhr in der Agentur für Arbeit in Meschede, die sich an Eltern und Töchter richtet, besteht die Möglichkeit zu einem informativen Austausch mit Akteuren des regionalen Girls’ Day Netzwerkes.

Gerade Eltern müsse man vermitteln, dass auch Berufe im technischen und naturwissenschaftlichen Bereich für Mädchen eine Chance für einen erfolgreichen beruflichen Werdegang seien. „Viele Eltern sagen: ,Da ist doch sonst kein Mädchen.’ Aber junge Frauen sollen sich ruhig trauen, sich für vermeintliche Männerberufe zu entscheiden“, so Bergmann. 

Dass sich Mädchen eher von den klassischen Frauenberufen angesprochen fühlen, liege auch daran, dass Rollenbilder in der Gesellschaft noch stark verankert seien, betont Olga Harms, Wissenschaftliche Mitarbeiterin im Bereich für Berufs- und Betriebspädagogik der Universität Magdeburg. „Eltern müssen offener werden, offener für die Interessen der Töchter“, so Harms. Bestehe bei einem Mädchen die Vorliebe für den MINT-Bereich, solle man als Mutter und Vater diesem Interesse aufgeschlossen begegnen.

"Berufsbilder haben sich stark verändert"

„Man soll aber natürlich seine Tochter, die nicht MINT-affin ist, nicht zwingen einen naturwissenschaftlichen oder technischen Berufszweig zu wählen. Aber Eltern haben die Rolle, Möglichkeiten aufzuzeigen.“ So müsse man sich auch fragen, wie junge Frauen Interesse an Technik bekommen sollen, wenn sie damit nicht in Kontakt kommen. „Unser Alltag ist von technischen Dingen geprägt, seien es Smartphones, Fernseher oder auch automatische Türen im Supermarkt. Eltern müssen die Prinzipien und die Technik, die dahinter stecken, nicht im Detail erklären können, aber es ist wichtig, dass Kinder einen ersten Kontakt mit technischem Wissen bekommen“, ergänzte Dr. Stefan Brämer, Universität Magdeburg.

Die beiden wissenschaftlichen Mitarbeiter aus Sachsen-Anhalt berichteten über ein aktuelles Projekt, welches die Bedeutung der Eltern bei der Berufswahl erforscht. Die Studie „investMINT - Familiärer Einfluss auf das MINT-Interesse von Töchtern und Konzeption aktiver Beteiligungsformate zur gendersensiblen Studien- und Berufsorientierung“ der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg befragt in Form einer Fragebogenerhebung Lehrer, Schülern und Eltern. „Man kann jetzt schon sagen, dass sich Eltern mehr Transparenz im MINT-Bereich wünschen“, informierte Olga Harms.

Generell sei es notwendig, dass Erziehungsberechtigte mehr über Berufsfelder und Karrieremöglichkeiten erfahren und Einblicke erhalten. „Es gibt 360 duale Ausbildungsberufe. Die können Erwachsene natürlich nicht alle kennen“, waren sich Olga Harms und Dr. Stefan Brämer einig. Wichtig sei es daher, dass Eltern eine Art „Fortbildung“ erhalten. „Sie müssen sich informieren. Denn die Berufsbilder haben sich natürlich seit ihrer eigenen Jugend stark verändert. Und sie sind nun mal die engsten Bezugspersonen von ihren Kindern, auch wenn es um die Berufswahl geht“, betonte Brämer.

"Mädchen haben die gleichen Chancen"

Aber auch Lehrkräfte und Erzieher sind gefragt: „Viele Grundschullehrer und Erzieher sind weiblich. Sie sind natürlich auch Vorbilder für die Kinder und vor allem die Mädchen“, so der wissenschaftliche Mitarbeiter der Uni Magdeburg. Erzieher seien häufig nicht MINT-affin, ergänzte Elke Henke von der Initiative „Zukunft durch Innovation Hochsauerlandkreis“. „Sie haben oft Angst, sich mit Kindern über naturwissenschaftliche und technische Themen zu unterhalten, weil sie befürchten, keine Antworten auf Fragen zu kennen“, so Henke. Mit Projekten wie dem Haus der kleinen Forscher sollen diese Bedenken genommen werden. Interesse für den MINT-Bereich beginnt also schon bei der frühkindlichen Bildung.

Und auch wenn bei vielen Müttern und Vätern die Angst bestehe, dass ihre Töchter in naturwissenschaftlichen und technischen Berufen benachteiligt werden, solle man mit den Kindern und nicht gegen sie handeln und müsse keine Vorbehalte haben. „Denn Arbeitnehmer werden nach ihrer Leistung bezahlt und nicht nach ihrem Geschlecht. Mädchen haben die gleichen Chancen wie Jungen.“ weiß Cornelia Homfeldt, Agentur für Arbeit Meschede-Soest. Auch die Bereitsschaft von Arbeitgebern im naturwissenschaftlichen und technischen Bereich, weibliche Bewerber einzustellen, sei gestiegen.

„Es ist tatsächlich teilweise nicht so einfach für Mädchen sich durchzusetzen und sie wünschen sich mehr Geschlechtsgenossinnen“, räumte Homfeldt ein. Aber mit mehr Offenheit von allen Seiten könne auch eine junge Frau in MINT-Berufen Karriere machen, waren sich alle Beteiligten abschließend einig.

Anmeldungen für die Informationsveranstaltung am Mittwoch, 6. März sind bis Donnerstag, 28. Februar, bei Ulla Schneider unter kaoa@hochsauerlandkreis.de oder unter ☎ 02931/944126 möglich.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare