Vom Untergang bedroht?

Personalmangel, Sanierungsbedarf, Security: So ist die Situation in den heimischen Schwimmbädern

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Daumen hoch für die Bäderszene im Hochsauerlandkreis – trotz massiven Personalmangels berichten die Betreiber der Schwimm- und Freibäder von einem positiven Gesamtbild bezüglich Sanierungen und Sicherheitslage.

Hochsauerland - Schwimmen ist eine der gefragtesten Freizeitaktivitäten der Deutschen. Gerade jetzt in den Sommerferien haben die Freibäder Hochkonjunktur und erfreuen sich großer Beliebtheit. Doch viele öffentliche Bäder stehen vor unlösbaren Problemen, werden regelmäßig von Kommunen bezuschusst. Auch die Sicherheitslage wird nach einigen Vorfällen in größeren Städten immer mehr zum Thema. Anlass genug, für den SauerlandKurier einmal in die heimische Frei- und Schwimmbadszene „einzutauchen“ und die Situation im HSK näher zu beleuchten.

Allein in den letzten zwanzig Jahren musste jedes zehnte Bad aufgrund von nicht handhabbaren Kosten seine Pforten schließen, viele der noch offenen Bäder sind sanierungsbedürftig. Wie so oft fehlt es dafür am nötigen „Kleingeld“. Das Schwimmbadsterben, verkürzte Öffnungszeiten, Personalmangel, dringender Sanierungsbedarf und inzwischen teilweise sogar notwendige Security wie im Düsseldorfer Rheinbad beschäftigen derzeit Badbetreiber, Kommunen und Städte gleichermaßen. In der Landeshauptstadt kündigte man aufgrund von nicht angemessenem Verhalten und Randale von Besuchern drastische Sanktionen in Form von „aufenthaltsbeendigenden Maßnahmen“ wie Videoüberwachung, Ausweispflicht, „ausländerrechtliche Konsequenzen“, Ordnungswidrigkeitsverfahren und gegebenenfalls sogar strafrechtliche Verfahren an.

Nun lässt sich ein Gemengelage wie die in Düsseldorf als Metropolregion sicherlich nicht mit der Situation auf dem Land vergleichen, dennoch gibt es auch hier eine veränderte Ausgangslage. Das zeigt beispielsweise der Blick nach Arnsberg und Neheim. „Erst kürzlich gab es auch bei uns einen Vorfall. Ein 36-jähriger Mann beleidigte unsere weiblichen Mitarbeiterinnen dermaßen schwer, dass zwei Streifenwagen anrückten mussten und den Mann letztendlich in Handschellen abführten“, berichtet Geschäftsführer Bernd Löhr vom Erlebnisbad Nass in Arnsberg-Hüsten, dessen Personal auch das Freibad in Neheim betreut. 

"Personell am Limit"

Er betont:  „Es ist zwar bei Weitem noch nicht so massiv wie in Düsseldorf, aber die Intervalle werden kürzer.“ Diese Einschätzung kann Andreas Rüther, Geschäftsführer des Aqua Olsberg, für sein Bad nicht bestätigen: „So ein Verhalten wie in Düsseldorf ist bei uns bisher definitiv noch nicht aufgetreten. Gerade die Jugendlichen verhalten sich wie immer.“ Auch Toni Evers, Leiter der Badaufsicht im Freibad Grevenstein, sowie Dirk Houpt, Leitung SauerlandBAD GmbH in Bad Fredeburg vermelden eine ruhige und relativ entspannte Lage. „Triebfeder gesteuerte Probleme wie in Düsseldorf haben wir hier nicht“, so Houpt.

André Kettler, Betriebsleiter des Mescheder Hallen- und Freibads, berichtet von Sofortmaßnahmen: „Größere Probleme und Übergriffe wie in Düsseldorf hat es hier bisher noch nicht gegeben. Wenn sich etwas anbahnt greifen wir uns sofort den Anstifter der Gruppe auf und ersticken alles im Keim durch Gespräche oder im schlimmsten Fall durch Rutsch- oder Hausverbot.“

Auch im Erlebnisbad Nass in Arnsberg-Hüsten ist die Lage trotz des einzelnen Vorfalls keineswegs angespannt. Einem entspannten Badevergnügen für die Familie steht weiterhin nichts im Wege. Viel mehr als die Sicherheitslage treibt Geschäftsführer Bernd Löhr daher auch eine andere Sorge um: „Unser Bad ist seit 15 Jahren in Betrieb und eine 100 Prozent städtische Tochter. Wie auch in den anderen Bädern fehlen bei uns Fachkräfte. Das Freibad Neheim, das wir mit besetzen, mussten wir letzte Woche sogar zwei Tage lang schließen, da Fachkräfte erkrankt waren. Wir fahren personell am Limit und auf der letzten Rille, die Überstunden sind jenseits von gut und böse. Es ist äußerst schwierig Fachangestellte für Bäderbetriebe zu bekommen. Wir haben nur zehn Schließungstage im Jahr und sind daher froh, dass wir zwei neue Auszubildende einstellen konnten.“ 

„Es war die richtige Entscheidung das Bad nicht zu privatisieren. Wir wollen kein Spaßbad, sondern Schwimmen für Jedermann“, betonte Meschedes Bürgermeister Christoph Weber (5.v.l.) im Rahmen des Besuchs von Grünen-Landeschefin Mona Neubaur (6.v.l.) im Mescheder Freibad.

Ähnlich gelagert sind die Erfahrungen im SauerlandBAD in Bad Fredeburg. „Das große Problem, was wir haben ist, Personal zu finden, besonders in der Freibadzeit. Die gesetzlichen Vorgaben werden nicht gelockert, die Schere geht dadurch immer weiter auf. Das Freibad öffnen wir daher nur bei guter Wetterlage“, erklärt Dirk Houpt. 

Dadurch bedingt erhöhe sich auch der Wettbewerb untereinander, wie Andreas Rüther vom Aqua Olsberg verdeutlicht. „Alle kämpfen um dieselben Kräfte. Wir haben zwar ein paar neue Mitarbeiter hinzugewonnen, es reicht aber immer noch nicht. Daher gibt es auch bei uns die eingeschränkten Öffnungszeiten. Ohne genügend Personal können wir die Sicherheit an allen Becken nicht gewährleisten“, so der Geschäftsführer. Immerhin: Abgesehen vom Personalmangel sieht sich das Aqua Olsberg für die Badegäste gut gerüstet: „„Ein Sanierungsbedarf besteht bei uns momentan nicht; im letzten Jahr wurden erst die Fliesen ausgetauscht“, stellt Rüther zufrieden fest.

Auch die Situation im Wellen- und Freibad in Bad Fredeburg gestaltet sich dahingehend relativ gelassen. Laut Dirk Houpt erklärt: „Wir lösen Tag für Tag die kleinen Fehler und werden gut von der Stadt Schmallenberg hinsichtlich Sanierungsbedarf unterstützt.

Personell gut aufgestellt sieht André Kettler wiederum das Hallen- und Freibad in Meschede. „Personell sind wir gut aufgestellt. Wir sind zwei Meister, zwei Gesellen, eine Auszubildende und zudem können wir auf zwei Aushilfen vom DLRG zurückgreifen.“

Schwimmenlernen hoch im Kurs

Auch im Freibad Grevenstein stellt sich die Lage positiv dar. Hier arbeiten die Verantwortlichen nach eigenen Angaben eingespielt und lösungsorientiert zusammen. „Wir haben hier ein familiäres Bad, das vor 16 Jahren vom Förderverein Freibad Grevenstein übernommen wurde. Durch genügend Personal mit DLRG-Schein haben wir die Aufsicht im Griff. Wir sind acht Leute im Vorstand, wo jeder seinen Bereich hat. Der eine kümmert sich um Sanierungsarbeiten, der andere um die Technik oder die Badeaufsicht. Alle Fachleute packen mit ins Rad, sodass hier alles reibungslos läuft“, erklärte Toni Evers, Leiter der Badaufsicht.

„Durch Spenden, viel ehrenamtliche Eigeninitiative und finanzielle Unterstützung der Stadt können wir im nächsten Jahr den Beckenkopf sanieren. Viele umfangreiche Modernisierungsmaßnahmen wie die neue Solaranlage oder der Sanitärbereich sowie das Kinderbecken mit Sonnensegel wurden in den letzten Jahren vorgenommen. Bei uns können Familien mit ihren Kindern beruhigt schwimmen und Spaß haben. In den Sommerferien bieten wir zudem immer Schwimmkurse an. Vom Seepferdchen über Bronze, Silber und Gold kann hier alles abgenommen werden.“

Gerade das Schwimmenlernen steht auch in Bad Fredeburg hoch im Kurs. „Wir tun alles, damit der Schul- und Vereinsssport gesichert ist und Kinder hier ihre Prüfungen nach dem Schwimmkurs ablegen können. Leider können jedoch heute nur fünf von zehn Kindern ihr Seepferdchen bestehen, da die Eltern viel zu wenig mit ihren Kindern schwimmen gehen. Deshalb bieten wir auch Baby-, Bambini- und Kinderschwimmen an“, so Dirk Houpt.

Regelmäßige Sanierungen im September während der acht Instandhaltungstage während der Kirmes, Schulschwimmen ab Klasse fünf sowie die I-Männchen-Aktion (ein kostenloser Tag im Nass für ein I-Männchen mit einem Erwachsenen) zeichnen wiederum das Nass seit Jahren aus.

 „Zu uns kommen im Jahr zwischen 24.000 und 25.000 Schüler. Jeder hat hier die Möglichkeit sein Schwimmabzeichen zu machen. Die sechs Grundschulen aus dem Stadtgebiet verteilen sich auf die Lehrschwimmbäder in Arnsberg, Herdringen und Voßwinkel auf. Somit ist das Schulschwimmen gewährleistet, auch wenn es keine Pflichtaufgabe vom Lehrplan her ist. Kinder sollten eigentlich schwimmen können, wenn sie in die Schule kommen“, weist auch Bernd Löhr auf eine der großen Herausforderungen der heutigen Zeit hin.

"Alle Kinder sollen schwimmen können"

Doch die Realität sieht anders aus: Laut Forsa-Umfrage der Deutschen Lebensrettungs-Gesellschaft DLRG aus dem Jahr 2017 sind inzwischen 59 Prozent der Zehnjährigen keine sicheren Schwimmer mehr. Jede vierte Grundschule in Deutschland hat demnach keinen Zugang zu einem Schwimmbad. Die Folge: Laut Statistik sterben pro Monat in Deutschland drei bis vier Kinder zwischen null und zehn Jahren durch Ertrinken, 2018 ertranken mindestens 445 Menschen in Deutschland.

Alarmierende Zahlen, deren Auswirkungen natürlich auch auf die politische Bühne überschwappen. So war die Landesvorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen NRW, Mona Neubaur, kürzlich auf Schwimmbad-Tour im Sauerland unterwegs, um sich vor Ort selbst ein Bild über die aktuelle Situation in den Hallen- und Freibädern der Region zu machen. Dabei besuchte sie geschlossene Schwimmbäder ebenso wie Neubauten, sanierte Bäder oder solche, die mit Hilfe von Ehrenamt und sozialem Engagement am Leben gehalten werden.

Mona Neubaur nahm von Betriebsleiter André Kettler in Meschede symbolisch eine Badeente entgegen.

„Alle Kinder sollen schwimmen können. Dafür müssen genügend Flächen und Bäder vorhanden sein. Schwimmen ist so wichtig wie Lesen und Schreiben lernen“, erklärte Mona Neubaur bei ihrem Besuch im Mescheder Hallen- und Freibad. „Auf meiner NRW-Tour habe ich festgestellt, dass es allen Menschen eine Herzensangelegenheit ist, Schwimmbäder zur Verfügung zu haben. Das ist besonders wichtig für Menschen mit wenig Geld, da sie sich keinen Urlaub leisten können.“ Der Landesvorsitzenden von Bündnis 90/Die Grünen NRW war es daher nach eigenen Angaben ein Anliegen, die Thematik direkt vor Ort aufzugreifen und gemeinsam mit Kommunalpolitikern nach Lösungsmöglichkeiten zu suchen.

Vor Ort im Hallen- und Freibad Meschede stieß sie dabei auf ein positives kommunales Beispiel. Durchweg zufriedenstellende Besucherzahlen, Öffnungszeiten in der Woche bis 20 Uhr sowie Schwimmkurse ab fünf Jahren, Reha-Sport, Wassergymnastik, Frühschwimmen ab 6 Uhr, Crash-Kurse in den Ferien und ein aktives Vereinsgeschehen mit regelmäßigem Schulsport in den Morgenstunden tragen seit Jahren dazu bei, dass sich das Mescheder Schwimmbad großer Beliebtheit erfreut.

„Es war die richtige Entscheidung das Bad nicht zu privatisieren. Wir wollen kein Spaßbad, sondern Schwimmen für Jedermann. Ein tolles Schwimmfest im 47. Jahr mit über 2.000 Startern beweist uns, dass wir in Meschede mit unserem Familien-und Sportbad richtig liegen. Wir brauchen allerdings jetzt ein gutes Förderprogramm, denn flicken allein reicht nicht mehr in der Instandhaltung. Die 50 Jahre alte Technik verbraucht zu viel Energie“, erklärte Bürgermeister Christoph Weber.

Einig waren sich Mona Neubaur, Betriebsleiter André Kettler und Bürgermeister Christoph Weber bei der Besichtigung wiederum darin, dass es landesweit notwendig sei, dem Mangel an Fachpersonal entgegenzuwirken. Sei es durch bessere Gehälter in privatisierten GmbHs, durch familienfreundlichere Arbeitszeiten oder durch die Faszination Schwimmen selbst.

„Der Beruf des Fachangestellten für Bäderbetriebe muss mehr in den Fokus gerückt werden. Die Faszination erreicht man allerdings nur über Schwimmvereine, regelmäßiges Schwimmen im Hennesee – so wie wir es früher jeden Tag gemacht haben – oder dadurch, dass Eltern regelmäßig mit ihren Kindern ins Schwimmbad gehen“, erklärte Weber.

"Es muss unbürokratische Förderprogramme geben"

Ergänzend dazu resümierte Mona Neubaur: „Die finanzielle Ausstattung der Kommune ist das Grundproblem. Es muss unbürokratische Förderprogramme geben, die der gesamten Gesellschaft zugutekommen. Ohne das Zusammenspiel von Ehrenamt und Vereinen wäre vieles gar nicht mehr machbar. Es kann aber nicht sein, dass der Staat sich bei diesem Problem zurückzieht.“

Hohe Energiekosten in den Hallen- und Freibädern, DIN-Normen wie das Nachschießen von 30 Liter Wasser pro Person seien laut Betriebsleiter André Kettler ein weiteres Problem, was langfristig zu Schließungen der Bäder führen kann. „Wir müssen immer mehr Wasser nachschießen. Durch die langen Badehosen der männlichen Besucher, teilweise mit Unterhosen darunter, steigen die Wasserkosten immer weiter an. Wir können davon ausgehen, dass in den nächsten Jahren neue DIN-Normen aufgestellt werden“, so der Bademeister.

Allerdings sind die Bäder in der Unterhaltung auch sehr teuer. Ein durchschnittliches Freibad in Deutschland erwirtschaftet nur 27 Prozent der Kosten, ein Hallenbad knapp 30 Prozent, ein Freizeit- und Spaßbad immerhin 83 Prozent. „Ein Schwimmbad ist immer eine Zuschussposition“, räumt auch Dirk Houpt ein. Er betont: „Das Handeln von morgens bis abends ist dabei die Devise.“ Doch genau dieses Handeln benötigt Unterstützung von allen Ebenen – finanziell, personell sowie organisatorisch. Hier ist auch die Politik gefragt. Am Einsatz und Engagement von Haupt- und Ehrenamtlichen wird es in jedem Falle nicht scheitern – zumindest wenn man die derzeitigen Wasserstandsmeldungen aus der Bäderszene im HSK zugrunde legt.

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