„Wie passt Opa in die Kugel?“ 

„Hospiz macht Schule“: Wehrstapeler Schüler gehen unbedarft mit Trauer um

Die Grundschüler aus Wehrstapel pflanzten im Rahmen der Projektwoche „Hospiz macht Schule“ Prunkbohnen und malten Gefühlsbilder. Foto: Daniela Weber

Wehrstapel. Farbenfrohe Gefühlsbilder, die die eigenen Empfindungen zum Ausdruck bringen sollen, kleine Prunkbohnenpflanzen, die als Zeichen des Neuanfangs aus bunt dekorierten Kübeln hervorragen und zahlreiche engagierte Schüler, die unbeschwert ihren Aufgaben nachgehen – nichts deutet an diesem frostig-kalten Januarmorgen darauf hin, dass sich die Kinder der Grundschule Wehrstapel gerade im Rahmen des Projekts „Hospiz macht Schule“ von der Bundes-Hospiz-Akademie eine komplette Woche lang mit den Themen „Tod, Trauer und Sterben“beschäftigt haben. Sie arbeiten konzentriert oder plappern wild durcheinander – es wird gelacht. Trotz der Schwere des Themas ist der Raum mit einer erstaunlichen Leichtigkeit erfüllt. Es ist gerade diese Unbedarftheit der Kids, die das Projekt so außergewöhnlich macht – und auch uns Erwachsenen in mancherlei Hinsicht als Vorbild dienen könnte.

„Tod bedeutet nicht immer nur Schmerz, die Erinnerungen an den Verstorbenen geben auch Hoffnung. Bei dem Projekt haben die Schüler die Möglichkeit, offen ihre Fragen zu stellen und über Tod, Trauer und Sterben zu sprechen“, erklärt Daniela Jaworek vom Ambulanten Hospiz und Palliativpflege-Team in Meschede. Das Thema Tod sei zwar im Religionsunterricht verankert, könne dort aber nicht so intensiv besprochen werden. Auch für Schulleiterin Christina Plett bietet die Projektwoche einen deutlich besseren Rahmen. „Nach einer Religionsstunde, die sich mit Tod und Trauer beschäftigt hat, müssen die Schüler dann direkt wieder umschalten, weil sie zum Beispiel zum Matheunterricht müssen. Das ist für die Kinder nicht schön und auch für mich nicht zufriedenstellend.“

"Kinder trauern auch"

Das Thema während der Grundschulzeit behandeln, sei für die 38-Jährige aber wichtig. „Trauer ist ja nicht immer nur auf Menschen bezogen. Kinder trauern auch um Haustiere oder um ein Stofftier, das plötzlich nicht mehr da ist. Durch die Projektwoche lernen sie auch, die positiven Dinge zu sehen.“

Für Christina Plett war es nun schon das zweite Mal, dass sie die Projektwoche an ihrer Schule veranstaltete. „Kinder gehen mit einer ganz anderen Leichtigkeit an dieses Thema heran. Ich finde sogar, und das sage ich aus eigener Erfahrung, dass Kinder Erwachsenen in Zeiten der Trauer helfen können. Sie können helfen, den Tod mit Kinderaugen zu sehen“, berichtet sie von ihren positiven Erfahrungen mit „Hospiz macht Schule“.

Für das Projekt wurden die 28 Kinder der vierten Klasse der Grundschule Wehrstapel in Kleingruppen mit fünf bis sechs Schülern eingeteilt, denen jeweils eine Sterbebegleiterin zugewiesen wurde. Diese Ehrenamtlichen haben zusätzlich zum Lehrgang zur Sterbebegleiterin auch noch eine Schulung für das Projekt „Hospiz macht Schule“ durchlaufen.

"Kinder sind kleine Philosophen"

Dorothee Müller-Czowalla ist eine von insgesamt fünf Sterbebegleiterinnen, die das Projekt begleiten. Auch sie weiß, wie unbekümmert Kinder mit dem Thema umgehen: „Ein Kind meinte mal:, Mein Opa war so dick, was wenn der nun aus dem Himmel fällt, weil er zu schwer ist?’ Kinder sind kleine Philosophen“, sagt die Ehrenamtliche schmunzelnd.

Auch Daniela Jaworek weiß, dass Kinder bei der Thematik Tod und Sterben sehr offen sind. Das habe sie auch schon bei ihren eigenen Kindern festgestellt. „Mein Vater wurde nach seinem Tod eingeäschert. Meine Kinder waren bei der Beisetzung mit dabei und eines meiner Kinder fragte dann: ‘Wie passt denn Opa eigentlich in die Kugel?’.“

In diesen Koffern waren die Themen für den jeweiligen Tag aufbewahrt.

Im Rahmen des Projekts können die Kleinen nun einfach mal ganz unbedarft die Fragen loswerden, die ihnen auf der Seele liegen, und haben mit den Sterbebegleiterinnen neutrale Personen als Ansprechpartner: „Die Kinder bauen schnell ein Vertrauensverhältnis zu ihnen auf und öffnen sich den für sie eigentlich fremden Personen “, so Jaworek. Die ehrenamtlichen Trauerbegleiter haben auch die Möglichkeit, sich mit Kindern, die bei gewissen Themen überfordert sind, für persönliche Gespräche zurückziehen. „Die betroffenen Schüler werden dann aus der Situation herausgeholt. Auch die Klassenlehrerin ist an allen Tagen mit dabei, auch sie dient dann für die Schüler als Vertrauensperson“, weiß Daniela Jaworek.

Unterstützung vom Lions Club Bestwig-Olsberg

Unterstützt wird das Hospiz und Palliativ-Team bei dem Projekt vom Lions Club Bestwig-Olsberg. „Für mich ist das ein absolutes Herzensprojekt. Ich habe 2017 meine Eltern verloren und finde es total wichtig, das Hospizarbeit geleistet wird und auch Kinder bei dem Thema Tod nicht ausgeschlossen werden“, so Sabine Knipschild vom Lions Club. Der Verein hat mit einer Spende in Höhe von 500 Euro die Anschaffung von Materialien ermöglicht. Von Erfahrungen aus ihrem familiären Umfeld weiß Knipschild, dass Kinder vor dem Thema Tod keine Angst haben, sondern sehr offen damit umgehen. „’Oma, wenn du dann gestorben bist, bist du für mich nicht mehr nutzbar’, das ist so eine Aussage, die im Kopf bleibt und über die man dann auch lacht.“ Daniela Jaworek plädiert daher für einen offenen Umgang mit dem Tod. „Man sollte mit Kindern darüber sprechen. Eltern sollten auch nicht vom Einschlafen sprechen. Es gab schon Kinder, die Angst hatten zu schlafen, weil sie befürchtet haben, nicht wieder aufzuwachen.“ Eltern dürften Trauer nicht verstecken und ein Kind auch ruhig mit zu einer Beerdigung nehmen. „Man sollte dann einen Freund oder Bekannten dabei haben, der das Kind dann aus dem Geschehen nehmen kann, wenn man merkt, dass es für das Kind nicht mehr auszuhalten ist“, erklärt sie. Totschweigen sei ein großer Fehler. 

Den Tod nicht totschweigen

Während der Projektwoche wurde nichts totgeschwiegen. Verschiedene Schwerpunkte wurden offen angesprochen. Für jeden Tag gab es einen Koffer, in dem die Materialien für das jeweilige Tagesthema aufbewahrt waren. Am ersten Tag ging es um Werden und Vergehen. Dazu brachten die Schüler Baby- und Kindergartenfotos mit, um die Entwicklung in ihrem bisherigen Leben zu sehen. Am zweiten Tag lag der Fokus auf Krankheit und Leid. Im Rahmen des dritten Tages, als es sich um Sterben und Tod drehte, wurden Sequenzen der Fernsehsendung „Willi will’s wissen – wie ist das mit dem Tod“ gezeigt, der am vierten Tag noch weiter geschaut wurde. Außerdem pflanzten die Kinder Prunkbohnen: „Das verdeutlicht, dass wenn etwas vergeht, dafür etwas Neues wieder wäschst und entsteht“, so Jaworek. Mit Fingerfarben sollten sie Kinder die Blumentöpfe anmalen und auch noch Bilder malen, mit denen sie ihre Gefühle zum Thema Tod ausdrücken. Schwarz ist dabei fast gar nicht zu sehen. Am Freitag stand zum Abschluss ein Besuch auf dem Friedhof an und nachmittags präsentierten die Kinder ihre Ergebnisse ihren Eltern. 

"Man muss vor dem Tod eigentlich keine Angst haben, weil jeder Mensch stirbt"

Bei den Kindern kam das Projekt durchweg gut an. Mit Begeisterung pflanzten sie die Prunkbohnen, malten bunte Gefühlsbilder und sangen jeden Morgen und jeden Mittag gemeinsam ein Lied. „Wie man mit dem Tod umgehen sollte, ist total interessant. Man muss davor ja auch eigentlich keine Angst haben, weil ja jeder Mensch stirbt“, schildert die neunjährige Emilia ihre Eindrücke der Projektwoche. Für die gleichaltrige Marie sei vor allem wichtig gewesen, dass durch „Hospiz macht Schule“ auch Kinder die Chance hatten über Tod und Trauer zu sprechen, bei denen das Thema zu Hause nicht besprochen wird. Auch die Jungen, die laut Schulleiterin Christina Plett natürlich viel lockerer mit so einem zeigten Sensibilität. „Für mich war der Schwerpunkt Sterben und Tod schon erschreckend. Einige Mitschüler haben auch geweint. Aber das fand ich auch gut“, so der neunjährige Mika. Aber es wurde nicht nur geweint und gegenseitig Trost gespendet. Die Kinder hatten auch Spaß und haben gelacht. 

Aufgrund des positiven Feedbacks seitens der Schüler und der Eltern, möchte Plett das Projekt dauerhaft integrieren: „Ich war von vornherein begeistert. Als Daniela Jaworek damals auf mich zukam und mir das Projekt vorgestelle, dachte ich nur ,Wow’. Wir nehmen von der Woche alle etwas mit, nicht nur die Schüler auch wir Lehrer“, so die 38-Jährige abschließend.

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