Neue Services als Chance

Laborgespräch Industrie 4.0 - Firmen müssen umdenken

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Ewald Mittelstädt (l.), Martin Botteck (M.) und Jürgen Burghardt sind Experten für „Industrie 4.0“. 

Verbreitungsgebiet. Digitalisierung und Industrie 4.0 sind auch für die Fachhochschule Südwestfalen in Meschede zukunftsweisende Themen. Der SauerlandKurier hat sich mit den Digitalisierungsexperten der Fachhochschule zu einem Laborgespräch getroffen, um über den Umgang heimischer Unternehmen in Bezug auf das Thema Industrie 4.0 zu sprechen.

Die Fachhochschule Südwestfalen betreibt in Kooperation mit der Universität Siegen das Start-up Innovationslabor Südwestfalen. Darin wird jungen Gründern geholfen sich zu etablieren und zu wachsen. Mit dem Projekt „Mittelstand 4.0 Südwestfalen“ sollen Unternehmen zudem näher an das Themen Digitalisierung und Vernetzung herangeführt werden.

„Es gibt ein großes Oberziel und das heißt Sensibilisierung von kleinen und mittelständischen Unternehmen für das Thema Industrie 4.0“, erklärt Projektkoordinator Jürgen Burghardt. „In Veranstaltungen sowie Arbeitskreisen mit Unternehmen in der Region sollen Projekte zwischen der Hochschule und Unternehmen, aber auch zwischen Unternehmen entwickelt werden.“

Was ist Industrie 4.0? Die Fachhochschule Südwestfalen kör

Auch wenn es in Bezug auf den Grad der Digitalisierung in regionalen Unternehmen keine öffentlich zugänglichen Statistiken gibt, so sieht Martin Botteck, Professor für Kommunikationsdienste und -anwendungen, die Unternehmen in der Region nicht so schlecht aufgestellt: „Wir haben an verschiedenen Stellen immer wieder Gespräche geführt und mein Eindruck ist, dass die Unternehmen sehr viel mehr in der Digitalisierung unterwegs sind, ohne dass die Landes- oder Bundesministerien davon wissen.“ Die meisten Unternehmen in Südwestfalen nutzen, so Botteck, die modernen Methoden der Digitalisierung in ihrem Betriebsablauf für die Steuerung interner Dinge, um Prozesse besser zu steuern und diese so effizienter zu machen. „Sie benutzen Dinge wie Big Data für ihre Maschinendaten und ihre Planung. Das ist mittlerweile sehr weit verbreitet.“

Für Professor Jürgen Bechtloff müssten viele Unternehmen aber noch weiter gehen, um tatsächlich ein „Industrie 4.0“-Betrieb zu werden: „Es wäre ein erster Schritt, wenn die von den Unternehmen genutzten Systeme anfangen würden, miteinander zu kommunizieren.“

Für Bechtloff wird es erst dann interessant, wenn Echtzeitdaten aus der Produktion miteinander in Beziehung gesetzt werden können: „Erst dann kann man von Industrie 4.0 sprechen.“

„Services müssen entwickelt werden“

Während des Laborgesprächs gibt Prof. Dr. Ewald Mittelstädt zudem einen Einblick in die digitalen Produktionsmöglichkeiten, die einige heimische Unternehmen bereits nutzen: „Wir haben vor kurzem eine Exkursion zu Arnsberger Unternehmen unternommen. Interprint hat 2015 die erste Digitaldruckmaschine für Dekore weltweit hier in Arnsberg installiert.“ Zudem besuchte die Fachhochschule das Unternehmen Desch Antriebstechnik in Neheim. „Desch hat beispielsweise bei Getrieben Sensoren angebracht und entsprechend vernetzt, um daraus Daten für die vorausschauende Wartung gewinnen zu können“, so Mittelstädt. Die Firma Trilux benutze, so Mittelstädt, jetzt zudem vernetzte Leuchten. „Ein WLAN-Adapter ist an die Leuchte geschaltet, damit Unternehmen Daten für ihr Lichtmanagement auswerten können“, erklärt Mittelstädt. „Technologisch ist man hier vorne mit dabei und entwickelt die Dinge.“

Trotzdem sieht Mittelstädt auch noch Kritikpunkte für heimische Unternehmen, da sie die Potentiale der Technik nicht vollständig ausschöpfen: „Für mich bedeutet Industrie 4.0 nicht durch Technologien noch effizienter zu werden, sondern letztendlich muss ein Unternehmen aus einem Produkt auch immer eine Dienstleistung entwickeln. Damit tun sich meiner Ansicht nach die Unternehmen hier noch schwer. Sie müssten Services entwickeln, die für den Kunden relevant sind. So können Unternehmen zu neuen Geschäftsmodellen kommen.“

Unternehmen müssen sich mehr trauen

Die Experten sind sich aber einig, dass es gerade für kleine Unternehmen schwierig sei, sich mit ihren Services am Weltmarkt zu etablieren. Für Jürgen Bechtloff müssten sich Unternehmen aber auch mehr trauen: „Kleine Unternehmen haben häufig nicht die Fantasie weltweit Services anzubieten.“

Botteck sieht auch ein Problem darin, dass sich viele Unternehmen sehr schwer tun, um sich über die Unternehmensgrenzen hinaus zu vernetzen. Für Mittelstädt sei zudem die Zusammenarbeit der Unternehmen mit Start-Ups eine Chance. „Start -Ups sind Innovationstreiber. Das glaubt der Mittelstand nur nicht richtig“, erklärt der Experte für Start-ups.

Christian Kutzera, Experte für Sensorsysteme, sieht zudem noch einen weiteren Grund für die noch ausbaufähige Kooperation zwischen kleineren Unternehmen und Start-Ups. „Bei Unternehmen des Mittelstands ist es natürlich auch noch ein finanzielles Problem.“ Im Gegensatz zu finanzstarken Großunternehmen sei es für kleine Betriebe daher schwer digitale Trends zu setzen, die durch eine Zusammenarbeit mit innovativen Start-up-Unternehmen möglich sein könnten.

Auch Sicherheitsbedenken seien ein Faktor, der die Innovationsbereitschaft der Unternehmen hemmen würde, erklären die Experten. „Deutsche Unternehmen machen sich hier die meisten Sorgen. Datenschutz ist ein wichtiger Faktor“, so Kutzera. Botteck sieht Deutschland aufgrund seiner IT-Sicherheitsgesetze aber gut aufgestellt. „Das ist ein Vorteil, den wir hier haben, aber natürlich sollte die Entwicklung von neuen Produkten nicht in vernetzten Systemen erfolgen.“

Infos zum Projekt "Mittelstand 4.0" unter www.mittelstand4.de

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