„Es war dramatisch“

Magdalena Drinhaus spricht im WDR über Pockenepidemie

Das WDR-Team kehrte mit Magdalena Drinhaus an ihre alte Arbeitsstelle zurück und führte das Interview im Krankenhaus St. Walburga. Foto: WDR

Meschede/Calle. „Ich hätte nie geglaubt, dass das nach 47 Jahren noch aktuell ist“, sagt Magdalena Drinhaus. Die 69-jährige Callerin hatte gestern Abend im Rahmen der WDR-Dokumentationsreihe „Unser Land in den 70ern“ einen Fernsehauftritt – einer von vielen, seitdem das Schicksal sie zur „Expertin“ für die Pockenkrankheit machte. In der WDR-Serie erzählen Menschen, für die ein Jahr in den 70ern zu einem Meilenstein in ihrem Leben wurde, bewegende Geschichten. Und die Ereignisse im Winter 1970 haben „mein ganzes Leben bestimmt“, sagt die ehemalige Krankenschwester.

Als 22-Jährige – im ersten Lehrjahr – infizierte sich die junge Frau im Krankenhaus St. Walburga mit den Pocken, als im Januar 1970 eine Epidemie das Leben in und um Meschede still legte.

„Mit Pocken hatte keiner gerechnet, man hatte gar keine Vorstellungen, was Pocken waren“, berichtet die pensionierte Krankenschwester. Denn die Pocken galten damals bereits als ausgestorben in Deutschland. Eingeschleppt hatte sie damals ein 20-jähriger Mescheder, der aus Pakistan in die Heimat zurückkehrte und mit hohem Fieber auf der Isolierstation des Krankenhauses landete, wo erst seine Pockenerkrankung ausbrach und eine Ausnahmesituation entfachte.

Angst vor Ansteckung grassierte

„Krankenschwestern und Ärzte durften das Rochushaus nicht mehr verlassen, Patienten wurden nicht entlassen, neue Patienten nicht mehr aufgenommen. Die Türen waren mit Brettern zugenagelt“, erinnert sich die Callerin. „Das war damals dramatisch.“ Große Angst vor Ansteckung hätte in der Umgebung geherrscht. Menschen mit MES-Kennzeichen seien gemieden und zum Teil an Tankstellen nicht mehr bedient worden, erinnert sich die 69-Jährige, die damals eine Station über der Isolierstation arbeitete.

Und am 28. Januar abends überfiel sie hohes Fieber, zunehmend sprangen Pocken aus der Haut. „Das war gewaltig.“ Die Viren hatten sich vermutlich durch offene Fenster und den Essensaufzug verbreitet, wie Rauchversuche haben vermuten lassen.

Am 29. Januar wurde Magdalena Drinhaus (damals Geise) – wie auch andere Infizierte – in die Seuchenstation nach Wickede-Wimbern verlegt, wo sie acht Wochen in Quarantäne lebte. „Wir hatten kein Radio, kein Telefon, kein Buch. Man durfte nichts mitnehmen“, erinnert sich Drinhaus, die Tag ein Tag aus nur so dahin geträumt, Schneeflocken beguckt und Luftschlösser gebaut hat. „Die ersten 14 Tage fehlen mir ganz.“ Von eine Nonne erfuhr sie später, dass sie im Fieberwahn geschrien hatte. „Es war alles geschwollen und wir hatten alle dicke Eiterblasen. Wenn sie uns für eine Infusion den Arm abbinden mussten, sind die Eiterblasen geplatzt und der Eiter spritzte bis an die Wand“, berichtet die ehemalige Krankenschwester von den dramatischen Ausmaßen.

Noch Jahre nach der Erkrankung hatte sie mit den Nachwirkungen zu kämpfen. „Die Narben waren feuerrot und brannten.“ Daher fiel es der jungen Frau, die eine zeitlang auch eine Perücke tragen musste, zunächst schwer unter Leute zu gehen.

Dennoch sagt die 69-Jährige heute: „Die Geschichte hatte auch etwas Gutes. Man lebt ganz anders. Ich habe vieles leichter gesehen und mich weniger über Kleinigkeiten aufgeregt.“ Und ein zeitweise aufregendes Leben hat ihr die schicksalshafte Episode beschert.

„Als im Zuge des Irakkrieges die Herstellung von biologischen Waffen diskutiert wurde, flammte das Thema Pocken wieder auf.“ Und so standen seit 2003 immer wieder Reporter vor ihrer Tür – unter anderem aus London. Auch der amerikanische Autor Richard Preston zog sie für seinen Tatsachen-Thriller „Superpox“ zu Rate. Auch mit Günther Jauch saß sie bei „Spiegel TV“ zusammen auf der Couch. Insgesamt ist die Liste der Medien lang, die bei ihr schellten.

260 Mescheder in Quarantäne

„Ich zähle heute zu den letzten Deutschen, die sich mit Pocken infizierten und überlebten“, begründet Magdalena Drinhaus das mediale Interesse an ihrer Person. Einen Stapel Mittschnitte ihrer Fernsehauftritte hat sie im Wohnzimmerregal liegen. Und seit gestern Abend ist es wieder einer mehr – als das WDR-Fernsehen das jüngste Interview mit ihr zeigte – über den Moment, in dem sich ihr Leben veränderte, als sie sich als eine von 25 Menschen mit den Pocken ansteckte. In dem Winter 1970, als 260 Mescheder während der Epidemie in Quarantäne mussten.

Der WDR startete gestern Abend eine neue zehnteilige Reihe über die 70er Jahre in Nordrhein-Westfalen, bei der jedes Jahr eine eigene Dokumentation (freitags, 20.15 bis 21 Uhr) bekommt. Wer den Auftakt „Als das Wetter verrücktspielte – 1970“ der Serie „Unser Land in den 70ern“ gestern verpasst hat, kann ihn ein Jahr lang in der WDR-Mediathek anschauen.

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