Als „Christbäume“ vom Himmel fielen

Magret Gerlach erinnert sich an die Bombardierung Meschedes vor 75 Jahren

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Vor 75 Jahren lag Meschede in Schutt und Asche: Der Emhildisplatz mit dem zerstörten Pastorat.

Meschede. Kurz vor Ende des Zweiten Weltkrieges erreichte der Luftkrieg über Meschede seinen Höhepunkt. Genau heute vor 75 Jahren, am 19. Februar 1945, ereignete sich einer der schwersten Bombenangriffe, der die historische Altstadt in Schutt und Asche legte. Eine Zeitzeugin erinnert sich.

Die Sirenen heulen – Fliegeralarm – nichts unübliches in den letzten Monaten des Krieges. Es ist der 19. Februar 1945. Magret Gerlach schaut nach oben, noch sind keine feindlichen Flieger zu sehen oder gar zu hören. Die damals Elfjährige ist mit ihrem Zwillingsbruder Peter an diesem Montag, einem bewölkten Wintertag, im Dünnefeldweg bei einer Bekannten, die für Magrets ausgebombte Familie die Wäsche wäscht.

Verheerende Zerstörungen: Hier ist die Ernestische Stiftung (Altersheim) von der Mittelstraße (heute: Gutenbergstraße) aus zusehen, die nach dem Luftangriff nur noch eine Ruine ist.

„Schon bei einem vorherigen Angriff wurde unser Haus zerstört, seitdem lebten wir in einer Baracke. Aber es war ok. Wir haben viel Hilfe von Bekannten und Verwandten erhalten“, erinnert sich die heute 85-jährige Meschederin. Plötzlich sind Geräusche aus der Ferne zu vernehmen. Sie werden immer lauter und lauter. Ein ohrenbetäubender Lärm überzieht die Stadt, ein Gefühl „als würde einem der Kopf platzen“ – das Geschwader der alliierten Bomber hat die Kleinstadt erreicht, beladen mit seiner zerstörerischen Fracht. „Dann habe ich sie gesehen. Christbäume fielen vom Himmel“ – Magret Gerlach schließt die Augen und sieht die Leuchtbomben, die zur Markierung der Ziele eingesetzt wurden und im Volksmund „Christbäume“ genannt wurden, direkt vor sich, als wenn es gestern gewesen wäre.

"Erlebnisse, die man nicht vergisst"

Magret und Peter wissen genau, was das bedeutet, hatten sie doch schon mehrere Angriffe auf ihre Heimatstadt miterlebt. „Mein Zwillingsbruder Peter und ich rannten los, hinunter in Richtung Innenstadt. Wir wollten zu unserer Familie. Wir sagten unserer Bekannten, dass wir zurückkommen, aber das taten wir nicht.“ Die beiden Kinder laufen und laufen. Währenddessen fallen in acht Minuten mehr als 200 Sprengbomben und rund 20.000 Brandbomben, Stabbrandbomben und 250 Phosphorkanister auf die Stadt. 

Ein Familienfoto aus Kriegszeiten: Das ist nur eines von Magret Gerlachs (links) Fotos ihrer Familie, das sie als Erinnerung im Esszimmer aufgehängt hat.


„Bleib stehen“, schreit Peter plötzlich. Die Zwillinge sind in der Nähe der Abtei bei Feldern, die ihrer Familie gehören, angekommen. „Dann haben wir vor uns ein Bein liegen sehen“, die 85-Jährige ringt um Worte. „Es gehörte Josef, er war einer unserer beiden polnischen Feldarbeiter.“ Auch wenn es vom Regime strengstens verboten gewesen sei, habe die Familie die beiden Polen wie Familienangehörige behandelt. „Es war schrecklich, dass er von einer Bombe getroffen wurde . Wir haben so geweint. Ich sehe heute noch die Bilder vor mir. Das sind Erlebnisse, die man sein ganzes Leben lang nicht vergisst.“ 

Gedenkgottesdienst in der Pfarrkirche St. Walburga

Meschede liegt in Trümmern: In nur acht Minuten waren große Teile der Stadt, darunter der Altstadtkern mit dem Gebiet des früheren Stifts Meschede in Schutt und Asche gelegt. 592 Häuser mit 1135 Wohnungen waren entweder ganz oder teilweise zerstört. Nur 188 Gebäude überstanden den Luftangriff unbeschadet. Viele Zivilisten hatten sich in Luftschutzkellern oder auf dem Krankenhausberg in Sicherheit gebracht. Fast 50 Menschen kamen bei dem Angriff ums Leben. Wie viele Ausländer unter den Opfern waren, ist unklar.  „Dieses ganze Leid, diese ganzen Toten, das war schon sehr schlimm. Es sind auch Leute gestorben, die ich kannte“, seufzt die Rentnerin. 

Trotz der Kriegsgräuel hat sie versucht, sich ihre kindliche Unbekümmertheit zu bewahren: „Ich weiß noch, wie ich in der Ruhrstraße durch die Trümmer gelaufen bin. Das war wie ein kleines Abenteuer. Ich hatte auch nie Angst.“

Gedenkgottesdienst: Auch die Pfarrkirche St. Walburga stand nach dem Luftangriff in Flammen.  In der wiederaufgebauten Kirche findet am Mittwoch, 19. Februar, um 19 Uhr ein Gottesdienst zum Gedenken an den Luftangriff statt.

Weitere Informationen: Wer mehr über die Geschichte Meschedes im Zweiten Weltkrieg erfahren möchte, kann sich unter https://www.meschede.de/fileadmin/user_upload/PDFs-Sonstige/PDFs-_Geschichte/Meschede_bei_Kriegsende_-_die_Stunde_Null.pdf die vollständige Dokumentation des Stadtarchivs Meschede anschauen.

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