Weil jedes Leben zählt

Mescheder Krankenschwester Theresa Müller rettet Flüchtlinge im Mittelmeer

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Ein Flüchtling ist von dem völlig überfüllten Boot gesprungen und greift nach der Rettungsweste. 

Meschede/Libyen. Mit weit aufgerissen Augen kauert das kleine Mädchen am äußersten Rand des Bootes. Nur ein marode anmutendes Stück Holz trennt sie von den reißenden Fluten – und somit vom sicheren Tod. Gerade, als ihre ausgemergelten Ärmchen die letzte Kraft zu verlassen droht, packen sie zwei starke Hände und ziehen sie beherzt an Bord des großen Schiffes, das zur Hilfe geeilt war – und somit in Sicherheit. In ihrem Blick spiegelt sich Dankbarkeit, auch wenn das Gesicht noch leer und ausdruckslos wirkt. Die Todesangst weicht erst langsam der Erleichterung. Es sind Szenen wie diese, die sich auch derzeit noch nahezu tagtäglich vor der libyschen Küste in Nordafrika abspielen. Theresa Müller aus Meschede hat das alles hautnah erlebt. Im SauerlandKurier berichtet die 27-Jährige über den dramatischen Kampf um Leben und Tod im Massengrab am Mittelmeer.

Als sie im Juni dieses Jahres auf der „Sea Watch 2“, einem privat betriebenen Seenotrettungsschiff des gemeinnützigen Vereins „Sea-Watch e.V.“ als Krankenschwester anheuerte, ahnte Theresa Müller noch nicht, wie sehr sie diese Mission an die Grenzen ihrer psychischen und physischen Belastbarkeit führen würde.

„Natürlich habe ich gewusst, dass die Menschen dort zu Tausenden sterben. Aber gerade deshalb wollte ich helfen. Man kann ja nicht einfach tatenlos zuschauen“, erklärt die gebürtige Bromskirchenerin mit entschlossener Stimme. Dass sie damit durchaus auch ihr eigenes Leben riskieren würde, sei ihr zwar bewusst gewesen, habe für sie aber nur eine untergeordnete Rolle gespielt. 

Menschenleben nicht gegeneinander aufwiegen

Menschenleben könne man nicht gegeneinander aufwiegen. „Ich bin halt so“, sagt sie mit bemerkenswerter Selbstverständlichkeit. Und man glaubt ihr jedes Wort.

Dabei begann der zweiwöchige Einsatz, für den sich die Wahl-Meschederin im Dezember 2016 mittels eines Online-Formulares beworben hatte, zunächst überaus gemächlich. Die ersten Tagen auf hoher See muteten für die 16 Crewmitglieder (nahezu alle ehrenamtlich dabei) fast idyllisch an. Nur Theresa Müller hatte bereits zu kämpfen – und zwar gegen die Tücken des Meeres. Sie wurde seekrank und war zunächst Patient statt Krankenschwester. Doch just nachdem sie wieder einigermaßen hergestellt war, sollten die wahren Herausforderungen auf die Crew warten.

An ihren allerersten Rettungseinsatz im Mittelmeer erinnert sich Theresa Müller noch ganz genau. Sie war für die Schicht von 3 bis 6 Uhr eingeteilt und beobachtete im Krähennest des Ausgucks am Mast mit einem Fernglas die Wellen des Mittelmeeres. Dann plötzlich tauchte am Horizont ein Punkt auf. Und ein weiterer. Und noch einer. Aus dem Punkt wurden Punkte, aus den Punkten wurden Boote – allesamt überladen mit Menschen. 

"Es wirkte alles so surreal"

„Ach du Scheiße“, war ihre spontane und wohl sehr nachvollziehbare Reaktion auf das sich ihr bietende Szenario. Heute sagt sie rückblickend: „Es wirkte alles so surreal.“ Trotzdem begriff die ausgebildete Krankenschwester, die auch für fast zwei Jahre in der Gesundheitsstation der Notunterkunft an der ehemaligen Franz-Stahlmecke-Schule tätig war, in Windeseile den Ernst der Lage. Nachdem sie die gesamte Crew geweckt hatte, wurde die Strategie für das weitere Vorgehen abgestimmt. 

Das sonst tosende Meer ist ganz flach und überall sind Boote – bei diesem Anblick ahnte Theresa Müller, dass der Tag ihr „persönlicher Albtraum“ werden sollte.

Grundvoraussetzung für ein Eingreifen der Hilfsorganisationen vor Ort ist, dass sich die Flüchtlingsboote außerhalb der sogenannten „Zwölfmeilenzone“ vor der Küste befinden, da dieser Bereich in das Hoheitsgebiet Libyens und somit der libyschen Küstenwache fällt. „Und mit denen ist nicht zu spaßen“, weiß Theresa Müller. Zudem sollten Einsätze grundsätzlich mit der Seenotleitstelle in Rom abgestimmt werden. 

Da beide Kriterien erfüllt waren, näherte sich die Sea Watch 2 den hoffnungslos überfüllten und veralteten Booten (Müller: „Die sind so konzipiert sind, dass sie untergehen müssen“). Während ein Gummi-Schnellboot („Rhib“) sozusagen als Vorhut mit medizinischer Besatzung und entsprechendem Behandlungsequipment sowie Rettungsmaterial wie Westen, Decken und Trinkwasser vorgeschickt wurde, wartete Theresa Müller im extrem beengten „Behandlungsraum“ ungeduldig auf ihren ersten Patienten. Nach einiger Zeit kam schließlich ein junger Mann, der völlig dehydriert war und mittels Infusionen erstversorgt wurde. 

Die Boote waren hoffnungslos überfüllt, aber: "Wir haben alle gerettet"

In dem kleinen OP-Saal bekam die Sauerländerin indes zunächst gar nicht mit, welches Chaos draußen an Bord herrschte. Die Helfer hatten alle Hände voll zu tun, der unübersichtlichen Lage Herr zu werden. Immer mehr Menschen wurden auf das Boot geholt. Am Ende der Rettungsaktion befanden sich an diesem 25. Juni 311 Männer, 26 Frauen (davon vier hochschwanger) und 17 Kinder an Bord der Sea Watch 2 – einem Schiff, dass mit 31 Metern Länge und knapp 8 Metern Breite für eine eigentlich 16-köpfige Crew ausgelegt ist. 

Theresa Müller mit einem geretteten Kind. „Die Dankbarkeit spürt man sofort“, sagt die Meschederin. 

Nachdem die Flüchtlinge alle an Bord übernachtet hatten, wurden sie am nächsten Morgen in die Obhut der italienischen Küstenwache übergeben. „Wir haben alle gerettet“, sagt Theresa Müller mit sichtlichem Stolz, ohne damals zu wissen, dass die größte Prüfung noch bevorsteht. 

Überhaupt wurden laut Internationaler Organisation für Migration (IOM) im Juni 2017 mehr als 20.000 Menschen aus dem Mittelmeer in Sicherheit gebracht. Für 3.000 Männer, Frauen und Kinder indes kam in diesem Jahr bisher jede Hilfe zu spät.

"Überall waren Menschen"

Ihr „persönlicher Albtraum“, so bezeichnet die 27-Jährige den nächsten Tag rückblickend, begann erneut mit einem surrealen Bild: Das sonst oft tosende Meer war komplett flach – und überall waren Boote. Auch andere Hilfsorganisationen wie „Jugend rettet“ oder „SOS Mediterranee“ waren vor Ort, sodass die Rettungsaktion koordiniert werden konnte. Dennoch strömten die Flüchtlingsmassen an Bord der Sea Watch 2. „Aufeinander, nebeneinander, übereinander – überall waren Menschen“, erinnert sich Theresa Müller. Selbst in dem Behandlungsraum wurden aus Platzmangel fünf Flüchtlinge untergebracht – während die Krankenschwester weiter versuchen musste, die medizinische Versorgung zu gewährleisten. Doch trotz dieser lebensbedrohlichen Lage, der Enge und der Erschöpfung sind sowohl die Crew als auch die Geretteten stets erstaunlich besonnen geblieben. So erhielt jeder Flüchtling, der an Bord genommen wurde, zunächst ein farbiges Bändchen, damit man nachher die verschiedenen Boote zuordnen konnte, von denen die Opfer gerettet wurden. 

„Man denkt nicht, man macht einfach“

Das ist Sea-Watch

  • Gemeinnützige Initiative, die sich der zivilen Seenotrettung von Flüchtenden verschrieben hat 
  • Ende 2014 aus einer Initiative von Freiwilligen entstanden Gegründet vom 
  • Unternehmer Harald Höppner, der einen alten Fischkutter umbaute und ihn ins Mittelmeer schickte
  •  Der Verein finanziert sich bis heute rein durch Spenden

„Man denkt gar nicht nach, sondern man macht einfach. Ich hatte irgendwann plötzlich ein ganz kleines Baby auf dem Arm, das übersät war mit blauen Flecken. Vermutlich war es gerade erst frisch zur Welt gekommen“, erinnert sich Theresa Müller. Auch der friedvolle und bedächtige Umgang untereinander hat die junge Meschederin nachhaltig beeindruckt. Nicht Stimmengewirr oder Panikschreie haben sich in ihr Gedächtnis eingebrannt, sondern ein ganz bestimmtes Geräusch: Das Rascheln der Rettungsdecken, mit denen die Flüchtlinge versorgt wurden, bevor sie an Bord gingen. Ansonsten herrschte an Bord eine fast gespenstische Stille. 

Obwohl das Schiff an diesem Tag schon übervoll war, stand dennoch ein weiterer ebenso dramatischer wie gefährlicher Rettungseinsatz bevor. In unmittelbarer Nähe der Sea Watch kenterte ein Flüchtlingsboot in der Zwölfmeilenzone – also in libyschem Hoheitsgewässer. Für die Crew war dennoch klar, dass sie die Opfer aus dem Wasser ziehen musste. Die Genehmigung holten sie sich direkt von der Seenotrettungsstelle aus Rom. 

Mit den Kräften am Ende

Die Menschen, die Krankenschwester Theresa Müller dann versorgen musste, wiesen weitaus kompliziertere Verletzungen auf. Es waren Patienten mit Wasser in der Lunge oder Verbrennungen (mutmaßlich durch das entzündete, ausgelaufene Motorenöl), eine Person musste sogar reanimiert werden. „Die Leute waren zum Teil völlig gaga, weil sie so lange im Wasser waren.“ Auch wenn nicht alle gerettet werden konnten – am Ende waren über 500 (!) Menschen an Bord und das Schiff nahezu manövrierunfähig. Theresa Müller selbst war mit ihren Kräften völlig am Ende: „Der Schlafmangel, die Übelkeit – ich war physisch und psychisch so kaputt, dass ich am Ende nicht mal mehr Englisch sprechen konnte.“ 

Dennoch hat die 27-Jährige auch fast ein halbes Jahr danach ihre Entscheidung nicht bereut. „Mich persönlich haben diese Zeit und diese Erfahrungen auf jeden Fall gestärkt. Jeder Mensch ist ein Mensch und verdient, es so behandelt zu werden.“ 

Alle Infos zum Projekt und Möglichkeiten zur Spende gibt es hier.


Das Video zeigt den dramatischen Einsatz, bei dem Theresa Müller mit an Bord war: 

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