Barrierefreiheit – eine Herzenssache

BIV möchte Städte für behinderte Menschen lebenswert machen

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Probesitzen auf der Baumelbank (v.li.): Ralf Gersthagen, Bürgermeister Christoph Weber, Rudolf Stöcker, Heinz Hiegemann (Fachbereichsleiter Infrastruktur), Heinz Arenhövel, Lisa Stöcker und Hans-Joachim Picht.

Meschede/Bestwig/Brilon/Olsberg. „Die Seele baumeln lassen“ – das ist das Motto der neuen Baumelbank auf dem Von-Stephan-Platz in Meschede, die mit ihrer Sitzhöhe von 70 Zentimetern ein leichteres Aufstehen ermöglicht. Die Bank war eine Idee der Behinderten-Interessen-Vertretung (BIV). Die besondere Bank ist nur eines der vielen Projekte und Ideen, die die BIV in Meschede, Olsberg, Brilon und Bestwig zusammen mit den Kommunen umgesetzt hat, um behinderten Menschen das Leben und den Alltag zu erleichtern.

„Es gibt drei Bevölkerungsgruppen, für die wir uns einsetzen. Das sind erstens die Menschen mit Behinderung, also Blinde, Hörgeschädigte und Mobilitätseingeschränkte. Dann natürlich auch Senioren, die im Alter häufig Behinderungen kriegen und dann gibt es noch eine dritte Gruppe: Personen mit Kinderwagen“, betont Heinz Arenhövel, Behindertenbeauftragter des Hochsauerlankreises, im Gespräch mit dem SauerlandKurier. 

In der Kreis- und Hochschulstadt Meschede gibt es seit einigen Jahren eine Vereinbarung zwischen der Stadt und der BIV, um den Ort behindertengerecht zu gestalten. „Wir gehen hier Schritt für Schritt vor und sind mit der Entwicklung sehr zufrieden.“ 

Planungen für Ruhrstraße laufen

So habe sich in der Vergangenheit in der Hochschulstadt in Bezug auf Barrierefreiheit viel getan. „Hier in Meschede gibt es ein sehr gutes Blindenleitsystem von der Le-Puy-Straße in Richtung Winziger Platz“, erklärt der 76-jährige Ehrenamtliche. Auf diesem Stück weisen Rillenplatten Blinden und Sehbehinderten den Weg und Noppenfelder zeigen an, dass sich der Weg kreuzt. 

„Aktuell überlegen wir noch, wie wir ein Leitsystem an der Ruhrstraße installieren können“, so der Behindertenbeauftragte. Auf dem Von-Stephan-Platz und dem Rebell seien keine so aufwendigen Leitsysteme eingearbeitet worden. „Da dort anders als am Winziger Platz kein Autoverkehr ist, sondern dort hauptsächlich Fußgänger unterwegs sind, haben wir nur an zwei Stellen vertiefte Wasserrillen mit Kante für Sehbehinderte und Blinde geplant. Das reicht dort aus.“ Im Rahmen der Baumaßnahmen an der Ruhrstraße sei es nun wichtig, den behindertenfreundlichen Übergang von Von-Stephan-Platz zur Ruhrstraße und vom Rebell zur Ruhrstraße zu schaffen. Aber auch bei Bauprojekten hat die BIV schon häufig Anregungen gegeben, wie man diese barrierefrei planen kann.

Expertise von Betroffenen wichtig

„Wir erhalten die Baupläne, schauen sie uns an und vereinbaren dann einen Termin mit dem Architekten. Danach verfassen wir dann eine Stellungnahme an die Stadt“, erklärt der Mescheder. „Wir waren bei der Bauabnahme des heruM mit dabei und haben da zum Beispiel festgestellt, dass die Türen nicht selbstöffnend sind. Das muss bei öffentlichen und öffentlich zugänglichen Gebäuden gegeben sein, um sich ohne fremde Hilfe Zugang verschaffen zu können“, so der engagierte ehemalige Schulleiter. Die Verantwortlichen hätten dann zugesichert, das noch zu ändern. 

Das Mescheder Rathaus ist seit vergangenem Jahr mit einem taktilen System ausgestattet. Das Rathaus in Brilon soll nun barrierefreier werden.

Auch nach der Fertigstellung des neuen Haupteingangs des Rathauses hat der BIV die Barrierefreiheit überprüft. „Ralf Gersthagen, der zweite Vorsitzende der Behinderten-Interessen-Vertretung Meschede, war dabei. Er sitzt im Rollstuhl und hat überprüft, ob ein Rollstuhlfahrer zurechtkommt.“ Das taktile System hat Gabriele Borutzki vom Blinden- und Sehbehindertenverein Westfalen getestet. Dabei sei aufgefallen, dass die Tafel auf dem Kopf stand. „Sowas kann man nur merken, wenn Betroffene dabei sind.“ 

"Barrierefreiheit liegt uns am Herzen"

Auch in Brilon und Olsberg sei in der Vergangenheit viel in puncto Barrierefreiheit passiert. Auch dort sei die Zusammenarbeit zwischen BIV und Kommune vorbildlich. „Wir haben unter anderem in Brilon bei dem geplanten Filmtheater einen Blick auf die Baupläne geworfen und dabei geholfen, diese barrierefrei auszuarbeiten“, berichtet Arenhövel. 

Die Stadt Brilon bestätigt, dass die Briloner Interessen-Vertretung für Menschen mit Behinderung bei Zuschussmaßnahmen und bei problematischen Situationen im Vorfeld von Baumaßnahmen beteiligt werden. „Bei allen Straßenbaumaßnahmen im Bereich der Kernstadt und je nach Erfordernis auch in den Ortsteilen werden die Belange behinderter Menschen dahingehend berücksichtigt, dass an den Straßenquerungen Bordsteine abgesenkt und taktile Elemente eingebaut werden, um diesem Personenkreis eine sichere Querung der Straßen zu ermöglichen. Zudem werden alle Straßen, Fußgängerüberwege und Kreisverkehre im Zuge von Ausbaumaßnahmen DIN-gerecht ausgeleuchtet“, heißt es vonseiten der Stadt. 

Ferner sei geplant, im Jahr 2019 an vier Standorten im Stadtgebiet Brilon Bushaltestellen barrierefrei umzubauen. An städtischen Einrichtungen sei geplant, den Eingang des Rathauses barrierefreier zu gestalten. Der Anbau der MINT-Räume am Gymnasium erhalte einen Aufzug. „Diese Maßnahmen zeigen, dass der Stadt Brilon die Barrierefreiheit am Herzen liegt.“

Kneipp-Erlebnispark wird barrierefrei

In Olsberg sind in der Vergangenheit viele Kreisverkehre entstanden, bei denen sich die BIV um ein ausreichendes Leitsystem für Blinde gekümmert habe. „Vertreter vom Josefsheim Bigge sind bei den Treffen der BIV in Olsberg auch immer dabei“, betont Heinz Arenhövel. Die Zusammenarbeit mit der Einrichtung ist auch der Stadt Olsberg ein besonderes Anliegen. 

„Der Generationenpark in Olsberg ist zumindest teilweise barrierefrei. Die Spiel- und Freizeitgeräte sind dort somit auch von den Bewohnern des Josefsheim nutzbar“, so Jörg Fröhling, Pressesprecher von Meschede, Bestwig und Olsberg. 

Dieses Jahr soll dann noch der neue Kneipp-Erlebnispark in Olsberg entstehen. „Der Park wird komplett barrierefrei gestaltet. Es werden zum Beispiel Lernorte mit Hochbeeten für Kräuter angelegt, die auch für Rollstuhlfahrer greifbar sind. Die verschiedenen Stationen im Park können problemlos von mobilitätseingeschränkten Personen erreicht werden“, betont Fröhling. In Bestwig werde die Franz-Hoffmeister-Schule modernisiert und durch neue Aufzugtürme seien dann die einzelnen Etagen barrierefrei zu erreichen.

Ampeln mit Drei-Sinne-System

Genauso wichtig wie barrierefreie Baumaßnahmen ist Heinz Arenhövel und seinen Kollegen von der BIV aber auch, dass behinderte Menschen am gesellschaftlichen Leben teilhaben können und im Alltag ohne Hilfe zurechtkommen. „Wir möchten mithelfen, dass die Städte für Menschen mit Behinderung liebenswerterter und lebenswerter werden“, so der 76-Jährige. 

So wünschen sich die Mitglieder der BIV zukünftig zum Beispiel, dass alle Ampeln mit einem Drei-Sinne-System ausgestattet werden. „Sehen, Hören und Fühlen sind hier die Stichworte: Den Piepton für blinde Menschen kennt man ja bereits. Für Hörgeschädigte gibt es Vibrationen an den Drückern. Eine starke Vibration heißt, dass die Ampel grün ist“, erklärt Arenhövel. Auch weitere Haltestellen sollen nach Wünschen der Interessen-Vertretung barrierefrei umgestaltet werden. 

"Barrieren in den Köpfen abbauen"

Das Thema Inklusion spielt auch eine wichtige Rolle bei der Arbeit der BIV. „Wir wollen im Jahr 2019 mit der VHS zusammen neue Programmhefte kreieren, die aussagen, ob die jeweiligen Kursräume für Mobilitätseingeschränkte erreichbar sind oder ob beispielsweise ein Hörgeschädigter eine FM-Anlage benötigt“, so der Ehrenamtliche. FM-Anlagen sind transportable Geräte für Hörgeschädigte, die mit dem Hörgerät gekoppelt werden können. Seit vergangenem Jahr gibt es diese in den Rathäusern in Meschede und Brilon zur Ausleihe. 

Auch behinderte Menschen sollen am gesellschaftlichen Leben teilhaben.

Für das Frühjahr plant der BIV Meschede einen interaktiven Rundgang durch Meschede. „Wir wollen dabei nicht-behinderten Menschen zeigen, warum gewisse Veränderungen in der Stadt notwendig waren. Auch hier werden Ralf Gersthagen und Gabriele Borutzki dabei sein.“ Für ihn spiele vor allem eine Bewusstseinsänderung bei Nicht-Behinderten eine zentrale Rolle. „Wir wollen nicht nur Barrieren in den Städten, sondern auch in den Köpfen abbauen. Behinderte Menschen sollen genauso ein Teil der Gesellschaft sein wie alle anderen auch“, so Arenhövel abschließend.

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