Sachstandsbericht vorgelegt

Rettungsdienst vor dem Kollaps? Kreis reagiert öffentlich auf schwere Vorwürfe

Alarmstufe Rot: Geht es nach den Verfassern des anonymen Schreibens, steht der Rettungsdienst im HSK kurz vor dem Kollaps. Der Kreis versucht, dies mit einem aktuellen Sachstandsbericht zu widerlegen.
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Alarmstufe Rot: Geht es nach den Verfassern des anonymen Schreibens, steht der Rettungsdienst im HSK kurz vor dem Kollaps. Der Kreis versucht, dies mit einem aktuellen Sachstandsbericht zu widerlegen.

Unterbesetzte Rettungsfahrzeuge, miserable Dienstzeiten, mangelhafte technische Ausstattung sowie ein angespanntes Verhältnis zwischen Arbeitgeber und Mitarbeitern – die angeblichen Missstände im Rettungsdienst, die dem Hochsauerlandkreis in einem anonymen Schreiben zur Last gelegt werden, sind gravierend. Die Kreisverwaltung hat jetzt ausführlich Stellung zu den Vorwürfen genommen.

Hochsauerland – Eine solche, öffentliche Reaktion der Kreisverwaltung ist hinsichtlich anonymer Schreiben eher ungewöhnlich. Aufgrund der Schwere der Vorwürfe und weil zur Verbreitung ein öffentlichkeitswirksamer Verteiler genutzt worden ist, habe man sich aber entschieden, diesen Weg zu gehen, teilte der Kreis mit. So legte man jetzt einen knapp neunseitigen Sachtstandsbericht als Antwort auf das Schreiben vor, welches nach Angaben der Verfasser von mehreren Mitarbeitern unterschiedlicher Rettungswachen stammen soll.

Anlass/Hintergrund

Die Verfasser erklären in dem Brief, welcher bereits im Januar neben Landrat Dr. Karl Schneider auch an die Kreisparteien und die heimischen Medien adressiert wurde, dass sie die Politik sowie die Öffentlichkeit über die Missstände im Rettungdienst informieren möchten, da es hier um die „Sicherheit der Bevölkerung“ gehe und „mehrmalige Beschwerden“ im internen Bereich „ignoriert“ oder „abgetan“ worden seien. Um keine arbeitsrechtlichen Konsequenzen fürchten zu müssen, sei das Schreiben, welches mit einer Aufforderung an den Landrat, sich der Sache anzunehmen („Es wird allerhöchste Zeit“) endet, namenlos gehalten. Die Reaktion der Kreisverwaltung erfolgte in dieser Woche in Form eines neunseitigen Sachstandsberichtes, der auch auf der Homepage des Kreises nachgelesen werden kann

Personal

Die „Mitarbeiter“ sprechen in ihrem Schreiben von einem „massiven Personalabgang“ in den letzten vier Monaten. Seit August 2020 seien rund 20 Kollegen aus dem Rettungsdienst ausgeschieden, ein Großteil davon als Notfallsanitäter mit der höchsten Qualifikation ausgebildet. Grund seien vor allem die schlechten Arbeitsbedingungen. So hätten sich „die miserablen Dienstzeiten“ sowie das Verhältnis zwischen Arbeitgeber und Mitarbeitern bereits über die Kreisgrenzen hinaus herumgesprochen, weshalb sich kaum Notfallsanitätern beim Kreis bewerben würden.

Dieser These stellt die Kreisverwaltung ihren Sachstandsbericht entgegen. Darin heißt es, dass im vergangenen Jahr zwei Notfallsanitäter von anderen Arbeitgebern eingestellt worden seien, eine Bewerbung zudem im laufenden Auswahlverfahren vorliege. Faktisch belegt werden konnte darüberhinaus, dass nicht 20 sondern 12,72 Personen in den letzten vier Monaten den Rettungsdienst verlassen haben. Diese hätten aufgrund von Eintritt in den Ruhestand, auslaufenden Verträgen, Arbeitgeberwechsel und neuen Ausbildungen/Studium das Arbeitsverhältnis beendet. Generell seien derzeit 6,53 Stellen in der Notfallrettung und im Krankentransport vakant. Der Kreis gibt sich aber optimistisch, diese im Zuge des laufenden Auswahlverfahrens „voraussichtlich kurzfristig“ besetzten zu können.

Vorhaltezeiten

Ein weiter Kritikpunkt in dem anonymen Schreiben sind die Vorhaltezeiten (also Besetzzeiten) der Rettungswagen im Kreisgebiet. So sei das Gutachten, welches einer solchen Kalkulation zugrunde liegt, auf der Basis veralteter Zahlen entstanden. Aus diesem Grund könne den mittlerweile „um ein Vielfaches“ erhöhten Einsatzzahlen keine Rechnung getragen werden. Oft müsse deshalb ein Rettungswagen aus der Nachbarschaft alarmiert werden, was die erforderliche Hilfsfrist von zwölf Minuten „deutlich“ überschreite. Die Spitzenabdeckung, die im HSK gefahren werde, sei „kein adäquater Rettungsdienst“, sondern würde nur das erfüllen, was auf Grundlage der veralteten Zahlen im Gutachten gerade minimal gefordert werde. „Dass fremde Rettungswagen in anderen Wachbereichen aushelfen müssen hört man täglich, Hier besteht absoluter Handlungsbedarf“, lautet der unmissverständliche Appell. Ansonsten sei die Überlebenschance eines Patienten “mehr als gering“. 

Bezogen auf den Vorwurf veralteter Zahlen bestätigt der HSK, dass zwar 2019 ein neues Rettungsdienstgutachten als Grundlage beauftragt, jedoch kein Einvernehmen mit den Kostenträgern für den Entwurf eines Bedarfsplans erzielt worden sei. Der aktuelle Bedarfsplan basiert somit auf der Kalkulation, deren Fortschreibung der Kreistag im Oktober 2016 beschlossen hatte. Da diese spätestens alle fünf Jahre bei Bedarf anzupassen sei, soll in der Kreistagssitzung am 18. Juni 2021 ein neuer Bedarfsplan verabschiedet werden.

Auch einen Anstieg der Einsatzzahlen seit der letzten gutachterlichen Betrachtung bestätigt der HSK, „allerdings nicht um ein Vielfaches“. Corona-bedingt sei das Einsatzaufkommen in der Notfallrettung 2020 zurückgegangen, während es es im Bereich des Krankentransport gestiegen sei. Hinsichtlich der Behauptung, fremde Rettungswagen müssten regelmäßig in anderen Wachbereichen aushelfen, erklärt der Kreis: „Eine kreisübergreifende Unterstützung zwischen den Rettungsdiensten ist üblich, da in der Notfallrettung die ,Nächste Fahrzeugstrategie‘ forciert wird. Die nachbarschaftliche Hilfe anderer Gebietskörperschaften in den Hochsauerlandkreis ist im Jahr 2020 im Vergleich zu 2019 deutlich gesunken.“

Mitarbeitermotivation

Des Weiteren wird in dem Schreiben die Mitarbeitermotivation bemängelt. Finanzielle Vergütungen, die bisher beispielsweise für Feiertage bezahlt wurden, sollen demnach in eine Stundengutschrift wechseln, ebenso habe eine Faktorisierung (einem Mitarbeiter sollen etwa für eine 24 Stunden Schicht lediglich 19 Stunden gutgeschrieben werden) zu massiver Unzufriedenheit geführt. „Durch die schlechten Dienstzeiten wird ein normales Familienleben nahezu unmöglich. Alle Arbeitgeber im Umkreis bieten bessere Konditionen als der HSK“, heißt es wortwörtlich.

Ein schwerwiegender Vorwurf, dem der Kreis mit Verweis auf den Entwurf einer gemeinsam mit den Wachleitern erarbeiteten Dienstvereinbarung entgegnet. Als wesentliche Änderungen seien dabei unter anderem die Einführung eines Verfügers (Rufbereitschaft) auf allen Rettungswachen, die Einführung eines kreisweit eingesetzten Verfügers, Vergütung der Feiertagsarbeit gemäß § 8 Abs. 1 d) Alternative 2 (35% Zuschlag und Freizeitausgleich) statt § 8 Abs. 1 d) Alternative 1 (135% Zuschlag ohne Freizeitausgleich) sowie die Reduzierung der Grenze für die Auszahlung von Überstunden geplant.

Die Faktorisierung sei wiederum nicht in der geplanten Dienstvereinbarung geregelt, da es sich um eine tarifliche Regelung handeln würde. Die Eingruppierung richte sich nach den Vorschriften des TVöD (Tarifvertrag öffentlicher Dienst). „Nachteile entstehen dadurch nicht“, so die Kreisverwaltung.

Fahrzeugausstattung

Die aktuell angeschafften Rettungswagen seien „die schlechtesten der letzten Jahre“, wird in dem Brief weiterhin bemängelt. Von Federung, über Allradfahrgestell bis hin zu Lautstärke während des Transports sei die technische Ausstattung unzumutbar. „Es ist peinlich, Patienten mit diesen Fahrzeugen transportieren zu müssen“, lautet das vernichtende Urteil.

Fünf neue Rettungswagen (RTW), drei Notarzteinsatzfahrzeuge (NEF) und vier Mannschaftstransportfahrzeuge (MTF) hat der Rettungsdienst im HSK jetzt erhalten. Die neuen Rettungswagen werden ab sofort an den Wachen in Winterberg (1 RTW), Olsberg (2 RTW) sowie Marsberg (2 RTW) im Einsatz sein. Zwei der Mannschaftstransportwagen sind als Dienstfahrzeuge eingeplant und über die zwei weiteren Fahrzeuge können sich die Auszubildenden der Rettungsdienstschule freuen.

Auch hierauf findet der von Landrat Dr. Schneider unterzeichnete Sachstandsbericht eine Antwort. Mit allen Rettungsdiensten im HSK sei ein einheitliches Fahrzeugkonzept erarbeitet worden, welches partnerschaftlich fortgeschrieben und so dem jeweiligen Stand der Technik angepasst werde. Alleine deshalb sei die pauschale Aussage über die schlechtesten Rettungswagen „unzutreffend“. Der kritisierte Allrad-Antrieb etwa bringe einen „deutlichen Mehrwert für den Einsatzerfolg im Sauerland mit“. Und zwar nicht nur an den Wintersportwochenenden, sondern auch zum Befahren von unwegsamen Gelände wie Steinbrüche und Biketrails. Bezüglich der Fahrgeräusche seien im vergangenen Jahr Lärmmessungen durchgeführt worden, wobei in keinem Modell der zulässige Wert überschritten worden sei. Richtig sei allerdings, dass in den jüngeren Fahrzeugen der Lärmpegel am Geringsten ist. Bezüglich der Federung sei es durchaus möglich, dass nach der Umrüstung von Luft- auf Blattfederung die Fahrzeuge „eventuell etwas härter gefedert sind“, allerdings sei diese Technik auch „erheblich weniger störanfällig“.

Abschließend betont der Hochsauerlandkreis in seiner Stellungnahme, dass sich zwischenzeitlich Mitarbeiter mehrerer kreiseigener Rettungswachen „insbesondere von der Art und Weise des anonymen Schreibens“ schriftlich distanziert hätten. Man habe zudem die Anschaffung von Fahrzeugen und weitere Neuerungen zuvor ausführlich in entsprechenden Arbeitskreisen besprochen, um einen möglich breiten Konsens zu finden. „Dass dies in einem Betrieb mit über 200 Mitarbeitern nicht immer gelingt, liegt in der Natur der Sache“, räumt der Kreis ein.

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