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Rezepte gegen Ärztemangel auf dem Land: So sieht es im HSK derzeit aus

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Immer mehr ländliche Regionen haben Probleme, junge Ärzte für sich zu gewinnen.

Hochsauerland. Flächendeckende Versorgungsgrade von über 110 Prozent bei der fachärztlichen Versorgung, 80 bis 110 Prozent Abdeckung bei der hausärztlichen Versorgung – gemessen an den aktuellen Zahlen der Kassenärztlichen Vereinigung Westfalen-Lippe (KVWL) scheint die Debatte über den Ärztemangel auf dem Land für den HSK zurzeit nicht akut zu sein. Doch es lohnt sich, genauer hinzusehen, rät Dr. Hans-Heiner Decker, Internist und Allgemeinmediziner in Neheim und Hüsten und zugleich Bezirksstellenleiter der KVWL für die Bezirksstelle Arnsberg.

„Die Gesamtsituation im HSK ist zwar zurzeit noch recht positiv, doch man muss die Entwicklung im Blick behalten und sich um die Zukunft frühzeitig kümmern“, so der 61-Jährige. Von einem „drohenden Ärztemangel“ zu sprechen, sei deshalb durchaus angemessen, ein Grund zur Panikmache gebe es aber nicht. Während Winterberg und Marsberg zurzeit bei der hausärztlichen Versorgung mit 111 Prozent Abdeckung im Bereich der Überversorgung liegen (und deshalb für Neuniederlassungen aktuell gesperrt sind – siehe Infokasten), bereitet der Bereich Brilon mit 81,1 Prozent den Vertretern der KVWL Kopfzerbrechen. „Man spricht zwar erst ab einem Versorgungsgrad von 75 Prozent von einer Unterversorgung, aber angesichts der Tatsache, dass in Brilon fast 38 Prozent der Hausärzte 60 Jahre und älter sind, werden hier in absehbarer Zeit Probleme entstehen. Das muss man im Blick behalten“, weiß Dr. Decker. Er stehe selbst vor einem Rätsel, warum ausgerechnet in Brilon diese Entwicklung seit Jahren zu verzeichnen ist. 

Wie differenziert die einzelnen Zahlen zu lesen seien, verdeutlicht der gebürtige Hüstener am Beispiel der Kinderärzte. Hier beträgt der Versorgungsgrad 123,3 Prozent – zudem praktizieren überwiegend junge Mediziner (fast 40 Prozent sind unter 49 Jahren). Aber: „Gerade in diesem Bereich gibt es einen hohen Anteil an Medizinerinnen. Das Leistungsspektrum kann erfahrungsgemäß nicht so hoch sein wie bei den männlichen Kollegen, da Familie und Beruf häufig in Einklang gebracht werden müssen und oft nur Zweidrittelstellen ausgeübt werden.“ Auf einen männlichen Kinderarzt, der in den Ruhestand geht, würden deshalb umgerechnet also eineinhalb beziehungsweise zwei Ärztinnen folgen. „Die müssen dann auch erstmal gefunden werden“, gibt Hans-Heiner Decker zu bedenken. 

Ruf des Allgemeinmediziners aufwerten

Die im HSK getroffenen Maßnahmen wie etwa das Medizinstipendium von Doktorjob hält er insgesamt zwar für „sehr gut“, dennoch wünscht er sich, dass bundesweit mehr Anreize für Mediziner geschaffen werden, nach dem Studium aufs Land zu gehen. Dafür müsse aber zunächst der Ruf des Allgemeinmediziners aufgewertet werden. Dr. Decker: „Eine solche Aufwertung erfährt der Beruf des Allgemeinmediziners, wenn diesem die Schlüsselrolle in der Koordinierung fachärztlicher Untersuchungen und Behandlungen eindeutig übertragen wird. Dies kann und darf sich aber nicht bloß auf eine rasche Terminvermittlung beschränken, sondern beinhaltet eine Prüfung auf Zielrichtung und Notwendigkeit weiterer Versorgung bei Fachärzten oder in Krankenhäusern. Ferner ist es wichtig, den Studenten schon früh im Studium diese wichtige Koordinierungsleistung und ausgesprochene Vielschichtigkeit der ärztlichen Tätigkeit durch geförderte Famulaturen (Praktika für Medizinstudenten Anm. d. Red.) in hausärztlicher Praxis erfahrbar zu machen.“ 

Die Statistik zeigt die hausärztliche Versorgung im HSK. 

Auch in der Rückgewinnung von Fachkräften sieht der Internist und Allgemeinmediziner, der selbst nach einem Studium in Italien ins Sauerland zurückgekehrt ist, großes Potenzial. Dabei nimmt er nicht nur diejenigen in den Blick, die ihre Tätigkeit zugunsten von Familie oder beruflicher Umorientierung aufgegeben haben, sondern auch hochqualifizierte Flüchtlinge und Migranten, die – eine entsprechende Integration vorausgesetzt – ebenfalls einem drohenden Ärztemangel entgegenwirken könnten. Diese müsse man speziell ansprechen und fördern.

„Qualität statt Quantität in den Vordergrund“

Von der Politik wünscht sich Hans-Heiner Decker eine „stringentere Steuerung“ von Patientenentscheidungen. „Wir müssen in den ärztlichen Dienstleistungen dahin kommen, dass nicht die Quantität der ärztlichen Leistungen sondern die Qualität wieder im Vordergrund der Behandlung oder Beratung stehen kann. So werden oft (technische) Einzelleistungen besser vergütet als zeitaufwendige Gespräche. Dabei sind es zumeist die Beratungsgespräche, die zur Aufklärung des Patienten beitragen und diesem die Angst nehmen“ räumt der erfahrene Mediziner ein. Außerdem fügt er hinzu, „dass bestimmte Gesundheitspolitiker hier unglaubwürdig und insgesamt wenig hilfreich sind, wenn sie (durchaus nachvollziehbar) einerseits die Mengenausweitung öffentlich geißeln aber im anderen Saal eine immer weitere Ausweitung der Praxisöffnungszeiten fordern“.

Auch wenn noch an zahlreichen Stellschrauben gedreht werden muss, alles in allem scheint der Hochsauerlandkreis auf das Problem des Ärztemangels auf dem Land vorbereitet. Doch aufgrund von Altersstruktur und Imageproblemen gilt das Gebot der Wachsamkeit: Denn bekanntermaßen ist Vorsicht besser als Nachsicht.

Für die fachärztliche Versorgung liefern folgende Zahlen Aufschluss.  

Und so werden die Zahlen erhoben: 

  • Wie viele Ärzte für eine Stadt, einen Kreis oder eine Region benötigt werden, legt die kassenärztliche Bedarfsplanung fest. Durch sie soll eine ausreichende flächendeckende Versorgung mit niedergelassenen Ärzten gewährleistet werden. 
  • Die Verhältniszahl für Hausärzte liegt bundesweit bei 1.671 Einwohnern je Hausarzt. Durch regionale Besonderheiten wie Altersstruktur oder auch Morbidität in einer Region können die Zahlen leicht nach oben oder unten differieren. 
  • Zum Mittelbereich (MB) Brilon gehört auch Olsberg, zum MB Meschede auch Eslohe und Bestwig und zum MB Winterberg auch Medebach und Hallenberg. 
  • Stimmt die Relation von Arzt und Einwohnern in einer Region mit der gesetzlichen Vorgabe (= Messzahl) überein, so beträgt der Versorgungsgrad genau 100 Prozent. In der hausärztlichen Versorgung spricht man ab einem Versorgungsgrad von 75 Prozent von einer Unterversorgung, ab einem Versorgungsgrad von 110 Prozent von einer Überversorgung (MB wird für Neuzulassungen gesperrt). 
  • In der allgemeinen fachärztlichen Versorgung definiert das Gesetz ab einem Versorgungsgrad von unter 50 Prozent eine Unterversorgung und ab einem Versorgungsgrad von über 110 Prozent eine Überversorgung (dann ist der Kreis für Neuzulassungen gesperrt).

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