Zwei Welten, eine Sonne

Von Soest nach Meschede: 14-Jährige organisiert Friedensmarsch für Israel und Palästina

+
Ein Lächeln, das alle kulturellen und örtlichen Grenzen überwindet: Jonna Biermann zeigt in traditioneller Landestracht stolz ein Foto ihrer Brieffreundin Alaa, die im umkämpften Gazastreifen lebt (für Vollbild oben rechts klicken).

Meschede/Soest. Die eine lebt im beschaulichen Soest – wohl behütet im Kreise ihrer Familie; die andere im zwischen Israel und Palästina umkämpften Gazastreifen, konfrontiert mit der ständigen Angst vor einem neuen Krieg. Eigentlich sind es Welten, die Jonna und Alaa trennen. Und doch sind diese beiden Mädchen miteinander vereint. Nicht geografisch, denn getroffen haben sie sich noch nie. Dafür aber in tiefstem Herzen – Seelenverwandte auf zwei Kontinenten sozusagen. Um ihrer palästinensischen Brieffreundin Alaa Hoffnung zu schenken und auf die schreckliche Situation im Gazastreifen aufmerksam zu machen, veranstaltet die erst 14-Jährige Jonna Biermann ab dem morgigen Sonntag einen viertägigen Friedensmarsch, der von Soest nach Meschede führt. Interessenten können sich spontan anschließen. 

Der Beginn dieser außergewöhnlichen Freundschaft geht auf den Sommer 2014 zurück. Die damals zehnjährige Jonna wird durch einen Fernsehbericht auf den grausamen Krieg zwischen Israel und Palästina aufmerksam. Es sind Bilder, die sie aufwühlen und nicht mehr loslassen. Sie beginnt, Fragen zu stellen. Anfangs kann ihre Mama ihren Wissensdurst noch stillen, doch Jonna möchte mehr erfahren – über die Hintergründe des Nahostkonfliktes, aber vor allem über die Menschen und ihre Lebensumstände. 

Ein Freund der Familie ist es schließlich, der ihr den Kontakt zur damals elfjährigen Alaa vermittelt, die mit ihren Eltern und ihren (mittlerweile) vier Geschwistern im Gazastreifen lebt. Da die aufgeweckte Waldorfschülerin weiß, dass man keine Briefe nach Gaza schicken kann, sendet sie dem bis dato völlig unbekannten Mädchen daraufhin eine E-Mail mit einem Foto ihres Briefes und sollte damit ihr Leben für immer verändern. „Alaa hat mir seitdem so viel Lebensfreude, wunderschöne Momente, Hoffnung und Liebe geschenkt, dass ich es kaum in Worte fassen kann. Sie hat mein Leben bereichert und ich habe so unglaublich viel von ihr gelernt“, blickt Jonna mit leuchtenden Augen auf die Anfänge zurück. 

Natürlich war der Start etwas holprig. Da war zum einen die Sprachbarriere: Jonna schrieb zunächst in Deutsch, Mama Lotte tippte mühevoll alles ab und verschickte es als Mail an einen Freund, der ins Englische übersetzte und es der Familie im Gazastreifen übersandte, wo Alaas Mutter das Englische wiederum ins Arabische brachte, damit Alaa die Nachrichten verstehen konnte. Zum anderen enthielt der erste Brief gewiss auch einige Belanglosigkeiten. „Was isst du am Liebsten? Welches ist dein Lieblingstier?“ – Fragen, die sich Zehn-/Elfjährige untereinander eben so stellen. 

„Wir betrachten alle dieselbe Sonne“

Doch das Eis war schnell gebrochen und der Austausch wurde rasch tiefgründiger. Anstatt vom Lieblingstier berichtete Alaa vom schwierigen Alltag im Gazastreifen, von Trinkwasserknappheit und Strommangel, vom zerbombten Haus ihrer Tante und von ihrem in den Wirren des Krieges getöteten Onkel. 

Trotz dieser tragischen Ereignisse ist die Korrespondenz der Mädchen ausdrücklich nicht von Schwermut getragen. Im Gegenteil, beide haben sich bewusst eine gewisse Leichtigkeit bewahrt. „Ich wollte von Anfang das Schöne und die positiven Seiten in Alaas Leben tragen“, erinnert sich Jonna Biermann mit einem ansteckenden Lächeln. „Denn ganz gleich wo auf dieser Erde wir uns auch befinden, wir betrachten doch alle dieselbe Sonne.“ 

Mit genau dieser Einstellung haben die (Brief-)Freundinnen buchstäblich den Sonnenschein in das Leben der jeweils anderen gebracht. Diesen Eindruck untermalen auch die zahlreichen kleinen Aufmerksamkeiten und Geschenke, die sie in den viereinhalb Jahren ausgetauscht haben. Von einem Memory mit persönlichen Bildern über ein selbstgezeichnetes Wimmelbuch von Soest bis hin zu mit Namen besticken Kissen und Kleidern als Landestracht – ja selbst handgemachte Marmelade wurde mittels eines Diplomatenautos über die streng bewachte Landesgrenze gebracht. 

Symbolischer Marsch gegen das Vergessen 

Aber auch Fotoaufnahmen und Zeitungsartikel befinden sich darunter. Darauf zu sehen: Krieg und Zerstörung – in Schutt und Asche gelegte Häuser, Orte, dem Erdboden gleich gemacht. Die sonst so lebensfrohe und energiegeladene Jonna wird plötzlich still. „Alaa hat mir mal erzählt, dass sie nicht weiß, wie sie einen neuerlichen Krieg verkraften soll. Am meisten Angst hat sie davor, dass sie eines Tages unter den Trümmern ihres Hauses begraben liegt und sich niemand an sie erinnert.“ 

Diese berührende Worte ihrer Brieffreundin haben die Soesterin im vergangenen Sommer auf eine außergewöhnliche Idee gebracht: einen Friedensmarsch für Israel und Palästina. Im Rahmen ihrer Jahresabschlussarbeit widmet sich die heute 14-jährige Waldorfschülerin seitdem voller Inbrunst und viel Herzblut der Planung und Umsetzung dieses Vorhabens. Den heutigen Samstag nutzt Jonna Biermann noch für die letzten Vorbereitungen, am morgigen Sonntag geht der viertägige Friedensmarsch dann los. Eine beachtliche Anzahl von 67 Teilnehmern hat die quirlige junge Dame bisher für ihre Idee begeistern können, 50 von ihnen werden bei allen Etappen von Soest bis nach Meschede dabei sein. 

„Wir werden zusammen pilgern, singen, lachen, erzählen, zuhören, uns mit Israel, Palästina und Gaza beschäftigen, Meinungsunterschiede haben, die Natur genießen, still sein, trommeln, auf uns aufmerksam machen, Frieden leben, Straßenaktionen machen, das Leben genießen und picknicken“ – mit diesen Worten fasst Jonna Biermann Ansinnen und Inhalt ihres Friedensmarsches zusammen. 

„Suche Frieden und gehe ihm nach“ 

So bunt und vielfältig wie das Programm sind auch die Teilnehmer, aus denen sich die Wandergruppe zusammensetzt. Neben bekannten Gesichtern aus der Glaubensgemeinschaft der „Quäker“, denen die tiefreligiöse 14-Jährige angehört, haben sich auch einige Mitschüler und Lehrer sowie Israelreisende zusammengefunden, die über ihre eigenen Erfahrungen hautnah berichten können. Während der jüngste Teilnehmer gerade einmal vier Jahre alt ist, zählt der älteste bereits 79 Lenze. Möglich ist dies vor allem, weil das Gepäck mit Fahrgemeinschaften von Zielort zu Zielort gefahren wird. 

Unter dem Motto „Suche Frieden und gehe ihm nach“ beginnt das Abenteuer am Sonntag, 14. April, um 11 Uhr auf dem Petrikirchplatz am Rathaus in Soest. Dort werden mit Kreide Friedensmandalas gemalt, ehe die erste Tagesetappe rund 15 Kilometer nach Völlinghausen führt. Nachdem die Gruppe in der dortigen Turnhalle übernachtet hat, geht es am zweiten Tag nach Hirschberg. Hier steht am Abend ein besonderes Highlight an: am Lagerfeuer werden gemeinsam Friedenslieder gesungen. 

Doch damit nicht genug, denn Jonna Biermann hat im Vorfeld Kontakt zu einer israelischen Friedensvereinigung aufgenommen, die ihr zugesichert hat, am Montag um dieselbe Zeit ebenfalls Friedenslieder zu singen. „Dabei kommt es auf die Sprache gar nicht an, sondern vielmehr auf den Text und die damit verbundene Botschaft. Es ist einfach unglaublich bewegend und inspirierend zu wissen, dass an diesem Tag zu dieser Uhrzeit ein paar Menschen auf der Welt das Gleiche tun. Und es ist ein tolles Zeichen an Alaa, dass sie eben nicht allein ist. Das wird sie bestärken und ihr Hoffnung geben“, freut sich die Organisatorin. 

Gedanken an Frieden im Alltag wecken

Die dritte Etappe führt tagsdrauf nach Meschede, wo die dann sicherlich erschöpften Wanderer am Abend im Pfarrheim St. Walburga Unterschlupf finden werden. Für Mittwoch, 17. April, ist noch eine gemeinsame Aktion am Stiftsplatz/Kaiser-Otto-Platz geplant, ehe der Friedensmarsch gegen Mittag mit einer großen Abschlussandacht enden wird. 

Geht es nach Jonna Biermann, ist dieses Ende allerdings erst der Anfang. Sie erhofft sich nachhaltige, positive Effekte, etwa, dass so ein Friedensmarsch jährlich stattfinden und dabei stetig an Zulauf gewinnen könnte. Vor allem aber möchte sie den Gedanken an Frieden im Alltag wecken. Naiv ist die 14-Jährige dennoch nicht: „Politisch wird diese Aktion sicherlich nichts bewirken. Aber wenn wir in die Köpfe und Herzen der Menschen gelangen und im Bewusstsein etwas verändern, haben wir viel erreicht“, so das bemerkenswerte Mädchen. 

Bleibt für alle Teilnehmer eigentlich nur noch zu hoffen, dass der Wettergott mitspielt. Denn für diesen Sonnenschein kann Jonna Biermann ausnahmsweise einmal nicht selber sorgen. 

Wer sich kurzfristig dem in dieser Form einmaligen Friedensmarsch anschließen und Kontakt mit der Gruppe aufnehmen möchte, meldet sich einfach telefonisch auf dem Friedensmarsch-Handy unter ☎ 01 59-01 46 40 99.

Friedensmarsch von Soest nach Meschede

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare