„Wald ist nicht gleich Wald“

Stadt Meschede informiert in digitaler Bürgerversammlung über Baugebiet An der Sündelt

Der Blick vom Hennesee auf die Waldfläche An der Sündelt zeigt, wo ein Teil des Baugebiets entstehen soll. Die Kuppe bleibt unangetastet, versprechen die Planer.
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Der Blick vom Hennesee auf die Waldfläche An der Sündelt zeigt, wo ein Teil des Baugebiets entstehen soll. Die Kuppe bleibt unangetastet, versprechen die Planer.

Eine Bürgerinformationsveranstaltung coronakonform in digitaler Form zu einem emotional aufgeladenen Thema zu veranstalten – vor dieser kniffligen Aufgabe stand die Stadt Meschede am Donnerstag. Im Rahmen eines Zoom-Meetings nahmen rund 50 virtuelle Besucher aus Verwaltung, Rat, Investorengruppe, Anliegergemeinschaft und interessierten Bürgern an dem Info-Abend zum geplanten Baugebiet An der Sündelt teil.

Meschede – Zur Erinnerung: Die Frank & Jörg Hohmann Betriebsverpachtung & Immobilien GbR plant am Ortsausgang von Meschede ein neues Baugebiet mit rund 30 Grundstücken, für dessen Umsetzung ein knapp 4,3 Hektar großes, natürlich gewachsenes Waldstück weichen müsste. Dagegen formierte sich eine Protestwelle der Anwohner, die mittlerweile unter anderem durch eine Online-Petition auch auf viele Bürger in anderen Ortsteilen überschwappt. Im Rahmen der digitalen Versammlung sollte allen Bürgern und Interessierten nun die Möglichkeit geboten werden, Anregungen zu liefern und sich mit den zuständigen Fachleuten auszutauschen.

„Ein Teil des vorhandenen Waldstücks soll weichen“, betonte sogleich Diplom-Ingenieur Christian Dickert vom Ingenieurbüro „momentum:bau“ aus Hagen, das für den Planentwurf des künftigen Baugebiets verantwortlich zeichnet. Im öffentlichen Diskurs und in den sozialen Medien würde fälschlicherweise der Eindruck erweckt, dass der komplette Wald abgeholzt werde. Dies sei aber nicht der Fall. Überhaupt habe man die Planung mit hoher Sensibilität und einem erwünschten Mehrwert vorangetrieben. „Wir haben uns bei dem Entwurf ganz nach dem Entwicklungsziel der Stadt, eine Unmittelbarkeit von Grün- und Siedlungsräumen zu schaffen, gerichtet“, versicherte Dickert, zu dessen bisherigen Projekten auch die ITH-Firmenzentrale in Enste sowie aktuell der Beginenhof in Meschede gehören. So soll ein naturnahes Wohnen für Familien unter anderem durch einen knapp 3.500 Quadratmeter großen Naturspielplatz, eine Wildwiese („nett fürs Auge und gut für die Bienen“) und einem abgestuften Saum als Übergang zum bestehenden Wald garantiert werden.

Ja, es wird quantitative Eingriffe geben, aber sie werden zu qualitativem Zugewinn führen.

Christian Dickert,  Ingenieurbüro „momentum:bau“

Die „offene Bauweise“ lasse nur Einzel- und Doppelhäuser zu. Die Ausgestaltung erlaube zwar individuelle Freiheiten, jedoch sei ein „Korsett“ an Vorgaben vorhanden, das einen möglichen Nachteil für den Nachbarn verhindere. So seien maximale Bauhöhen ebenso exakt vorgeschrieben wie Detailregelungen zu möglichen Flach- oder Satteldachvarianten. Eine weitere Baufläche habe man zudem für einen möglichen Kindergarten vorgesehen. Insgesamt solle sich die Wohnbebauung gerade im Bereich der Wendeschleife treppenartig und abgestuft in den Hang einfügen. Die Kuppe werde nicht angetastet. Zum Thema Walderhalt sagte Dickert: „Ja, es wird quantitative Eingriffe geben, aber sie werden zu qualitativem Zugewinn führen.“

Kompensationsmaßnahmen für Eingriff in die Natur sind enorm

Welche Ausmaße dieser „quantitative Eingriff“ in die Natur tatsächlich annimmt, darüber informierte Diplom-Ingenieur Bertram Mestermann vom Büro für Landschaftsplanung aus Warstein. Er legte die erste Fassung des Umweltberichtes vor, der unter anderem die vorhandenen Schutzgüter wie Boden, Pflanzen und Tiere im rund 86.600 Quadratmeter großen Plangebiet untersucht. Bei der forstwirtschaftlichen Fläche handele es sich um einen jungen, nach Kyrill gewachsenen Laubwald mit einzelnen Nadelhölzern, tierökologische Untersuchungen im Rahmen des artenschutzrechtlichen Fachbeitrags würden gerade vorgenommen, erklärte der Fachmann. Hier seien insbesondere Vogelarten und die – in Meschede übrigens nicht ganz unbekannte – Haselmaus im Fokus.

Besonderes Augenmerk legte Mestermann aber auf die Kompensationsmaßnahmen, also die gesetzlich vorgeschriebenen Ausgleichsmaßnahmen für den Eingriff in die Natur. Hier stelle man immer die aktuelle Bestandssituation der Planungssituation gegenüber und bemesse diese mit sogenannten „Biotoppunkten“. „Die Differenz der Biotoppunkte vor und nach Umsetzung des Vorhabens liegt hier bei 150.901“, so der Landschaftsarchitekt. Da konkrete Ausgleichsflächen bisher noch nicht benannt worden seien, könne es angesichts der schwierigen Flächensuche und der hohen Differenz einen „längeren Abstimmungsprozess“ geben, erklärte Mestermann. Dieser liege sowohl naturschutzrechtlich als auch forstwirtschaftlich im Aufgabengebiet des Investors.

„Und er muss auch bis zum nächsten Verfahrensschritt abgeschlossen sein“, ergänzte Fachbereichsleiter Klaus Wahle von der Stadt Meschede. Mit der frühzeitigen Bürgerbeteiligung befinde man sich jetzt „in der ersten Halbzeit“ des Verfahrens zur Aufstellung des Bebauungsplans und zeitgleichen Änderung des Flächennutzungsplanes, „bis zur Halbzeitpause“ müsse die Ausgleichsfläche indes festgelegt sein.

Vorwurf: Als Anwohner werde man vor vollendete Tatsachen gestellt

Wahle war es auch, der an diesem Abend überwiegend auf die zahlreichen Anmerkungen der Teilnehmer einging. So musste er sich auch den Vorwurf eines Teilnehmers gefallen lassen, dass die Stadt Meschede die Bürgerinformationsveranstaltung trotz des wichtigen Themas zeitlich übers Knie gebrochen habe. Die Einladung zu dieser Konferenz sei erst am vergangenen Donnerstag postalisch bei den Anliegern eingegangen, lediglich bis Dienstag hatte man die Zeit, sich anzumelden. Dabei gehe es hier ja nicht um ein reines Anliegerthema, sondern der Walderhalt an der Sündelt habe eine große Bedeutung für viele Menschen im Stadtgebiet und auch darüberhinaus. Deshalb hätte er sich gewünscht, dass man die Veranstaltung auf eine persönliche Versammlung nach Corona verschiebe. „So wirkt das alles schon wie eine Inszenierung und man hat das Gefühl, dass wir vor voellendete Tatsachen gestellt werden“, so der Teilnehmer.

Der Bebauungsplan zeigt das rund 86.600 Quadratmeter große Plangebiet und ist über die Homepage der Stadt Meschede detailliert abrufbar.

Klaus Wahle selbst räumte ein, sich auch eine andere Plattform mit persönlichem Kontakt für eine solche Veranstaltung gewünscht zu haben, leider habe die Corona-Pandemie diesem Vorhaben allerdings einen Strich durch die Rechnung gemacht. Den Info-Abend selbst halte er aber für unabdingbar, auch wenn die Stadt nicht zwingend dazu verpflichtet sei, ein Angebot in diesem Rahmen zu machen. Eine knappe Woche Vorlaufzeit für die Anmeldung halte er zudem für durchaus ausreichend. „Außerdem ist das ja heute nur der Auftakt zur Informationsweitergabe. Es werden noch viele Schritte folgen“, so Wahle. Er verwies zudem darauf, dass die ausführliche Bauleitplanung für Jedermann einsehbar auf der Homepage der Stadt Meschede abzurufen sei und bis einschließlich Donnerstag, 27. Mai, ebenfalls zur Einsichtnahme für Bürger im Technischen Rathaus in Meschede, Sophienweg 3, im Erdgeschoss ausliegen würden. Einsichtnahme sei möglich in den Dienststunden montags, dienstags und freitags in der Zeit von 8 Uhr bis 12 Uhr sowie donnerstags von 13 Uhr bis 17 Uhr. Wegen der Corona-Pandemie sei der Zugang zum Technischen Rathaus aber nur nach vorheriger Vereinbarung eines Termins möglich: unter Tel. 0291/205-269 oder per E-Mail an jens.reichhoefer@meschede.de

Diskussion um alternative Bauflächen im Stadtgebiet

Anschließend wurde der Fachbereichsleiter mit der Frage konfrontiert, warum die Stadt Meschede sich nicht intensiver mit alternativen Bauflächen im Stadtgebiet beschäftigt habe. So sei 2014 unter anderem der Antrag eines bauwilligen Investors für die Fläche am Schulzentrum Schederweg/Hermann-Voss-Straße vom Rat abgelehnt worden, obwohl dort weit weniger Ausgleichsmaßnahmen hätten durchgeführt werden müssen. „Warum gilt die Begründung von damals, es handele sich nicht um eine attraktiven Lage, da das Plangebiet am Rande des Siedlungsbereichs liege und zudem an einem nach Norden exponierten Hang nicht auch jetzt für die Sündelt?“, wollte eine Teilnehmerin wissen.

Mit Verweis auf die veränderten Rahmenbedingungen antwortete Klaus Wahle. Die Priorisierung, die die Stadt 2006 vorgenommen habe, habe Baugebiete wie Ziegelei II, Liegnitzer Straße und Drehberg vorrangig eingestuft, sei aber „keine starre Reihenfolge“. Man habe dem damals interessierten Investor eine Erschließung der Ziegelei genehmigt, die Fläche am Schederweg aber zurückgestellt. Nun gebe es aktuell eine „irrsinnige Nachfrage nach Bauland“, die vorhandenen Baugebiete „sind Ende des Jahres komplett bebaut“. Die Lage am Langeloh sei zudem „nicht trivial“, dort gebe es noch erheblichen Klärungsbedarf bezüglich der Entwässerung. Also richte man sich nun nach Gebieten in der „zweit- und drittbesten Lage“, wie etwa dem An der Sündelt. Er könne allerdings auch nicht ausschließen, dass die Fläche am Schulzentrum noch parallel erschlossen werde, so Wahle.

Zusätzliche Verkehrsbelastung

Auch eine zusätzliche Verkehrsbelastung sei zu erwarten, unterstrich Klaus Wahle auf Nachfrage des SauerlandKurier. Die Stadt habe zwar für den Schederweg bisher keine konkrete Verkehrsanalyse durchgeführt, die Straße selbst stufe er aber trotz des bereits hohen Verkehrsaufkommens zu bestimmten Stoßzeiten als durchaus leistungsfähig ein. Problematisch seien aber gewisse Knotenpunkte wie Beringhauser Straße/Oesterweg oder die Spitzkehre in der scharfen Rechstkurve - „da wird es haarig“ , gestand der Fachbereichsleiter ein.

Ebenso sehe die Stellplatzssatzung zwei Stellplätze pro Haus im neuen Baugebiet vor. Entsprechend sei euch hier mit zusätzlichem Verkehr zu rechnen - unabhängig davon, ob die Wunschlösung eines zusätzlichen Kindergartens auf einer weiteren Baufläche realisiert werden könne oder nicht. Sorge bereite ihm hier aber viel mehr das bereits bestehende Schulzentrum am Schederweg - beziehungsweise genauer gesagt die geplante Rückkehr zu G9, also dem Abitur nach neun statt bisher acht Jahren. „Ich will mir gar nicht ausmalen, wenn dann jeder Schüler der Abschlussklasse mit einem eigenen Auto kommt“, so Wahle.

Abwägungsprozess: Verschattung gegen Walderhalt

Ein weiteres Argument für das Baugebiet sei zudem die Verschattung. Durch den Orkan Kyrill sei dieses Problem zwar vor 14 Jahren vorübergehend auf natürliche Weise gelöst worden, dieser Zustand gelte aber nur jetzt. Niemand könne ausschließen, dass die Bäume dort in ein paar Jahren wieder für Schattenwurf sorgen würden, so Klaus Wahle. Er erinnerte daran, dass die damaligen Anwohner vor einigen Jahrzehnten und lange vor dem Jahrhundert-Sturm mit dem umgekehrten Wunsch auf die Stadt zugekommen seien, den Wald, für dessen Erhalt sich die heutigen Anlieger stark machen, doch bitte möglichst zu entfernen, um eine zu starke Verschattung zu vermeiden.

Dieses Argument stieß bei den Diskussionsteilnehmern indes auf wenig Gegenliebe. Man könne doch vor dem Hintergrund des Klimawandels und des gestiegenen Umweltbewusstseins nicht die Situation von damals mit der von heute vergleichen. Hier gehe es eindeutig darum, einen naturbelassenen Wald vorsätzlich abzuholzen, um dort Bauland und somit wirtschaftlichen Ertrag zu schaffen. Dieses Vorhaben sei für eine Stadt, die sich gerade aktuell als Klimakommune brüste, einfach nur widersinnig.

 Es ist nicht ,unser‘ Wald, von dem wir da reden, sondern der Wald des Eigentümers.

Klaus Wahle, Fachbereichsleiter Planung & Bauordnung

Der Fachbereichtsleiter verwies in diesem Zusammenhang allerdings auch darauf, dass die Stadt keinen Einfluss darauf, was der Eigentümer dort mal anpflanze, sollte das geplante Baugebiet aus irgendwelchen Gründen nicht kommen. Denn, so Wahle: „Es ist nicht ,unser‘ Wald, von dem wir da reden, sondern der Wald des Eigentümers.“ Letztlich müsse man aus städtebaulicher Sicht den Walderhalt gegen die Verschattung abwägen und er nehme es sich auch heraus, zu sagen: „Wald ist nicht gleich Wald.“

Grundsatzfrage bleibt

Dass diese Ansicht an diesem Abend nicht wirklich mehrheitsfähig war, dürfte angesichts der Emotionalität des Themas niemanden verwundern. Dennoch lieferte die rund dreistündige, sehr detailreiche und sachbezogene Debatte aufschlussreiche Erkenntnisse für alle Seiten. Dies war auch dem umsichtigen „Moderator“ Jens Reichhöfer und dem emsigen Team des Stadtmarketings Meschede zu verdanken, die trotz der erschwerten digitalen Bedingungen einen reibungslosen und sauberen Ablauf der Veranstaltung ermöglichten.

Die Kern-Kontroverse indes – das ist allen Beteiligten klar – konnte auch an diesem Abend nicht gelöst werden. So muss die Frage, ob es wirklich gerechtfertigt ist, ein natürlich gewachsenes Waldgebiet zugunsten von Baugrundstücken abzuholzen, auch weiterhin jeder für sich selbst beantworten.

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